Nahostkonflikt
Opferfamilien beklagen: Leid ist nicht gleich Leid
Nach dem Hamas-Überfall auf Israel und dem anschließenden Gaza-Krieg ist das Misstrauen zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern noch weiter gewachsen. Fast alle früheren Ansätze, die Bevölkerungsgruppen einander näherzubringen, sind versandet. Der Parents Circle - Families Forum (PCFF) ist eine der wenigen Friedensinitiativen in Israel, die nicht aufgegeben hat, allen Anfeindungen zum Trotz.
Gegründet vor mehr als 30 Jahren, arbeiten hier jüdische Israelis und Palästinenser zusammen, die durch den Nahostkonflikt einen Angehörigen verloren haben. Dem Hass und dem Bedürfnis nach Rache wollen sie Willen zur Versöhnung entgegensetzen, ihren Schmerz, so Parents Circle, in Dialog und Verständigung verwandeln. Die Mitglieder, deren Treffen aus Angst vor Übergriffen inzwischen geheim gehalten werden, organisieren Bildungs- und Gedenkveranstaltungen sowie Projekte in der Jugendarbeit, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Dafür erhielt die Organisation 2025 auch den Nürnberger Menschenrechtspreis.
Arbeit an Schulen verboten
Das ist dem israelischen Bildungsministerium unter Yoav Kirsch (Likud) offenbar ein Dorn im Auge. Gestützt auf eine neue Vorschrift, wonach Programme an Schulen nicht gegen die Armee oder deren Rolle in der Staatsverteidigung gerichtet sein dürfen, wurde dem Parents Circle seine Arbeit verboten. Sie „passe nicht zu den Werten, die das Bildungsministerium fördert“, heißt es. Eine Gleichsetzung des Leids gefallener Soldaten mit dem Leid anderer Kriegstoter sei inakzeptabel. Jugendlichen, die vor dem Wehrdienst stünden, sollten Verteidigungsbereitschaft und Solidarität mit dem Sicherheitsapparat vermittelt werden. Es sei kein Platz für „Narrative, die den Staat oder seine Streitkräfte in Frage stellen“.
Beim Bezirksgericht Jerusalem hat der Parents Circle jetzt bei einer Anhörung zu seiner Klage gegen das israelische Bildungsministerium seinen Standpunkt dargelegt. Das Ministerium hatte PCFF wiederholt die Veranstaltung von Friedensdialogen an Schulen untersagt – oft gegen den Willen von Schulleiterinnen und Schulleitern sowie Lehrkräften, die bei der Anhörung als Unterstützer auftraten. „Das Bildungsministerium hat heute zugegeben, dass es 17- bis 18-jährige Schülerinnen und Schüler für alt genug betrachtet, um zu kämpfen, in der Armee zu dienen und getötet zu werden – aber nicht für alt genug, um unterschiedliche Meinungen zu hören, sich mit kritischem Denken auseinanderzusetzen oder sich mit Friedenserziehung zu beschäftigen“, kommentierte Ayelet Harel, Co-Direktorin des Parents Circle. Das Ministerium wolle Schülerinnen und Schüler mit aller Macht vor der vollen Realität schützen. „Wir halten das für bildungsfeindlich. Es widerspricht den Werten des staatlichen Bildungsgesetzes, das eine Erziehung zu unabhängigem und kritischem Denken vorschreibt“, sagte Harel.
Anwältin wirft Ministerium Rassismus vor
Das Dialogprogramm an Schulen erneut zu verbieten, sei von sachfremden, politischen Erwägungen des Bildungsministers geleitet, argumentierte die Anwältin Tal Hassin von der Association for Civil Rights in Israel, die die Initiative vor Gericht vertritt. Die Entscheidung beruhe auf einem rassistischen und nationalistischen Weltbild.
Parents Circle ist nicht die einzige Bürgerrechtsorganisation, deren Versöhnungsarbeit von der Regierung massiv behindert wird. Schon im Oktober 2021, also lange vor dem Hamas-Überfall, hat Israels Regierung sechs palästinensische Menschenrechtsorganisationen als „terroristisch“ eingestuft, ihre Büros geschlossen und das Vermögen beschlagnahmt. Beweise für den vermeintlichen Terrorismus wurden bis heute keine vorgelegt. Zudem besteht die Absicht, die ausländische Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen stark einzuschränken – etwa durch hohe Steuern. Seit Ende 2025 gelten zudem neue Registrierungsvorschriften für humanitäre und zivilgesellschaftliche Organisationen im Westjordanland und Gazastreifen. Wer sich wie beispielsweise Ärzte ohne Grenzen weigert, Listen seiner Mitarbeiter einzureichen, droht die Zulassung zu verlieren.