Umstrittene Aktion
Neue Namen für ukrainische Städte
Mehr als zweieinhalb Jahre Krieg hinterlassen Spuren. Auch in der Gesellschaft. Die gemeinsame Vergangenheit mit den Russen unter dem Dach der UdSSR wird in der Ukraine deshalb inzwischen sehr kritisch gesehen. Wen wundert’s.
Nun gibt es in dem von Russland überfallenen Land noch sehr viel, was an die inzwischen feindlichen Brüder erinnert. So auch Namen von Städten und Gemeinden. 328 von ihnen hat das Parlament jetzt „entrussifiziert“ und „ukrainisiert“. Mit zum Teil recht zweifelhaftem Erfolg.
So wird beispielsweise Tscherwonohrad („Rote Burg“), eine Stadt im Westen der Ukraine, in Zukunft den Namen des einstigen Oberhaupts der griechisch-katholischen Kirche des Landes, Großerzbischof Andrej Scheptyzkyj, tragen. Das hat das ukrainische Parlament jetzt beschlossen – gegen den Willen der 66.000 Einwohner des zukünftigen Scheptyzkyj. Denn die hatten sich, so berichteten ukrainische Medien, mehrheitlich für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen, den die Sowjets der Stadt 1951 verpasst hatten. Bis dahin hatte die 1692 gegründete, einst polnische Stadt an den Ufern des Flusses Bug Krystynopol geheißen, benannt nach der Ehefrau des Gründers.
Die weiße Weste ist aber nicht blütenrein
Genau 200 Jahre nach Gründung hat der spätere Großerzbischof Scheptyzkyj (1865-1944) in einem Kloster der Stadt sein Mönchsgelübde abgelegt und unterrichtete dann dort. Als Großerzbischof von Lwiw (Lemberg) leitete er von 1901 bis zu seinem Tod 1944 die griechisch-katholische Kirche der Ukraine. Für ihn läuft derzeit in Rom ein Seligsprechungsverfahren. Bereits 2015 erkannte Papst Franziskus den „heroischen Tugendgrad“ Scheptyzkyjs an. Im Zweiten Weltkrieg hatte der Kirchenmann Juden vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet. Er soll in seiner Residenz auch 15 Rabbiner versteckt haben, darunter den Oberrabbiner der polnischen Streitkräfte, David Kahane.
Doch Scheptyzkyjs Weste ist nicht ganz so blütenweiß. Denn er betrachtete während des Zweiten Weltkrieges die deutsche Wehrmacht weniger als Besatzer sondern als Befreier von der Sowjetherrschaft und unterstützte die Aufstellung der Division „Galizien“ der Waffen-SS aus ukrainischen Freiwilligen. Scheptyzkyjs berief sogar Priester für sie. Und auch die Verbrechen ukrainischer Nationalisten an der polnischen Zivilbevölkerung hat er nie verurteilt. Da fragen sich wahrscheinlich nicht nur die Bürger Tscherwonohrads, ob wirklich kein anderer Namensgeber für ihre Stadt zu finden war.