Syrien RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Machthaber: Die Angst geht um in Aleppo

Mehrere Statuen und Porträts von Hafiz und Baschar al-Assad wurden in den letzten Tagen in Aleppo zerstört.
Mehrere Statuen und Porträts von Hafiz und Baschar al-Assad wurden in den letzten Tagen in Aleppo zerstört.

Die überraschende Offensive islamistischer Rebellen hat Aleppo erneut ins Zentrum des syrischen Bürgerkriegs gerückt. Zum ersten Mal ist die Millionenstadt vollständig in der Hand von islamistischen Oppositionskräften. Das weckt Befürchtungen.

Die Waffenruhe im Norden Syriens, die 2020 durch Erdogan und Putin ausgehandelt wurde, schien den Konflikt weitgehend eingefroren zu haben. Doch in der vergangenen Woche kam es zu einer überraschenden Wendung: Dschihadisten und Rebellen starteten eine unerwartete Offensive gegen die Truppen des syrischen Regimes. Am Wochenende übernahmen sie die Kontrolle über die Millionenstadt Aleppo.

„Wir selbst sind überrascht, wie schnell wir vorankommen“, berichtet Osama A., ein Kämpfer der Rebellen, telefonisch der RHEINPFALZ. „Wir hatten mit mehr Widerstand der syrischen Armee und der Milizen an ihrer Seite gerechnet. In vielen Teilen sind sie kampflos zurückgezogen.“ Für Osama A. und seine Mitstreiter steht bereits das nächste Ziel fest: Homs, seine Heimatstadt. Zum Zeitpunkt des Gesprächs standen sie kurz vor der strategisch bedeutenden Stadt Hama im Zentrum Syriens; mittlerweile wurde sie von den Rebellen eingenommen.

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Syrien braucht Perspektive

Bei vielen Syrern lösen diese Entwicklungen gemischte Gefühle aus. Der Sturz von Statuen und Bildern des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad ist für viele ein Grund zur Freude. Doch der Vormarsch der Islamisten, die andere Ziele verfolgen als jene Menschen, die 2011 friedlich für Freiheit und Reformen demonstrierten, bereitet vielen große Sorge.

Zum ersten Mal seit Beginn des Bürgerkriegs haben Oppositionskräfte die vollständige Kontrolle über Aleppo übernommen. Bis 2016 hielten Rebellen nur den östlichen Teil der Stadt, der in jahrelangen Kämpfen gegen die Regierungstruppen schwer zerstört wurde – laut Beobachtern sind über 70 Prozent dieser Stadtteile im Osten unbewohnbar.

Erschreckende Vorfälle

Im Westen der Stadt leben viele Christen, die angesichts der neuen Machthaber große Angst haben. Bassel Kasnasrallah, prominentes Mitglied der christlichen Gemeinde und ehemaliger Berater des Muftis von Syrien, erklärt, dass heute nur noch rund 20.000 Christen in Aleppo lebten. Einige von ihnen hätten die Stadt in den zurückliegenden Tagen verlassen.

„Natürlich haben die Menschen hier Angst, wenn sie hören, dass die Stadt unter Kontrolle der Islamisten ist“, sagt Kasnasrallah. Doch er betont, dass diese Angst bislang unbegründet sei. Am ersten Sonntag nach der Offensive hätten Gottesdienste in allen Kirchen Aleppos stattgefunden, und die Rebellen bemühten sich, mit der Zivilbevölkerung ins Gespräch zu kommen, um deren Unterstützung zu gewinnen.

Die Stromversorung sei besser in der Stadt als vor der Offensive. „Früher hatten wir maximal zwei Stunden Strom am Tag. Jetzt bis zu zehn Stunden“, berichtet Kasnasrallah. Die Wasserversorgung sei aber knapp. Pumpstationen, Leitungen und Wasserwerke seien in den vergengenen Jahren bombardiert worden und seien außer Betrieb. Viele Menschen mussten deshalb auf private oder kommunale Brunnen zurückgreifen, was gesundheitlich riskant sein könne, wie Anwohner berichteten.

Trotz der Berichte über den Dialog zwischen Rebellen und Zivilisten bleiben die Spannungen spürbar. Bassel Kasnasrallah und andere Bewohner berichten von einzelnen Vorfällen, die für Unruhe und Angst sorgen. So wurde ein Weihnachtsbaum von einem islamistischen Kämpfer entfernt, doch andere Kämpfer stellten ihn wieder auf und schmückten ihn, wie ein Video in den sozialen Medien zeigt. Osama A. bestätigt, dass die Rebellen strenge Anweisungen erhielten, moralisch korrekt zu handeln und Zivilisten zu schützen. „Wer ein Verbrechen begeht, wird auf das Härteste bestraft“, sagt er.

Russische Luftangriffe

Beosnders für Frauen könnte es in der Stadt schwierig werden. Dima K. aus Aleppo empfindet die islamistischen Rebellen, inbesondere Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) als Bedrohung. HTS ist eine Miliz mit Verbindungen zur früheren Al Nusra-Front, die als Ableger von al-Qaida galt. Dima befürchtet, sie würden die Rechte und Freiheiten der Frauen massiv einschränken, wie es in der Provinz Idlib der Fall ist. „Ob ich weiterhin ohne Kopfbedeckung rausgehen kann, bezweifele ich“, sagt sie.

Ein Spirituosenladen sei von Extremisten angegriffen worden. „Es darf kein Alkohol mehr verkauft werden“, soll einer der Kämpfer einem Ladenbesitzer gesagt haben. Auch Kasnasrallah betrachtet mit Skepsis, wie bewaffnete Kämpfer in Fahrzeugen durch die Straßen und Märkte Aleppos patrouillieren. Die Atmosphäre sei angespannt, und deutlich weniger Menschen seien draußen unterwegs.

Syriens Machthaber Assad hat eine Gegenoffensive als Antwort auf das Vorrücken der Rebellen angekündigt. Die „Zerschlagung des Terrorismus“ diene der Stabilität und Sicherheit der gesamten Region, sagte Assad bei einem Treffen mit dem iranischen Außenminister in Damaskus. Der Iran ist neben Russland ein wichtiger Verbündeter der syrischen Regierung in dem Krieg. Russlands Luftwaffe griff am Wochenende erstmals seit 2016 wieder in Aleppo an. Dabei kamen nach Angaben von Aktivisten sowohl Kämpfer der HTS-Miliz als auch Zivilisten ums Leben. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die ein Netzwerk an Informanten in Syrien hat, wurden bei Bombardierungen in der Nähe einer Klinik im Stadtzentrum zwölf Menschen getötet, darunter acht Zivilisten. Zudem wurden 23 Personen verletzt.

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