Politik Nach der Brandkatastrophe im Kreuzfeuer der Kritik

Knapp eine Woche nach dem verheerenden Waldbrand in Griechenland wurden nun die ersten Opfer beerdigt. Unterdessen verschärft sich der politische Streit um mögliche Versäumnisse beim Katastrophenmanagement: Die Opposition fordert Rücktritte. Der Bürgerschutzminister besteht darauf, es seien „keine Fehler“ gemacht worden.
Die Familie Fytrou nahm gestern Abschied von Andreas, Evita und Grigoris – drei Angehörigen, die am vergangenen Montag in der Flammenhölle im Athener Vorort Mati ums Leben gekommen waren. In einer Mitteilung an die griechische Nachrichtenagentur ANA hatte die Familie die Medien gebeten, ihre Privatsphäre zu achten und der Beisetzung fernzubleiben. In dem Feuersturm, der am Montagabend durch den Ferienort fegte, sind mindestens 88 Menschen verbrannt, so der Stand gestern. Unter den inzwischen identifizierten Opfern sind auch der 13-jährige Dimitris Alexopoulos und die neunjährigen Zwillingsschwestern Sophia und Vassiliki Philipopoulou, die zunächst als vermisst galten. Man fand ihre Leichen mit denen ihrer Großeltern auf einem Feld am Meer. Offenbar hatten die Vier versucht, sich vor den Flammen ans Ufer zu retten, von dem sie aber ein Steilhang trennte. Im Augenblick des Todes hielten sich Großeltern und Enkelinnen eng umarmt. Die Beisetzungen der Toten verzögern sich, weil viele menschliche Überreste noch nicht identifiziert werden konnten. Bisher gelang das erst bei 56 Opfern. Bei dieser Arbeit helfen Experten der deutschen Bundespolizei. Von vielen Opfern sind nur noch verkohlte Gebeine übrig. Gestern lagen neun Menschen mit lebensgefährlichen Verletzungen in den Kliniken. Die Behörden inspizierten bisher 3336 vom Feuer beschädigte Gebäude. Davon sind 921 so schwer zerstört, dass sie abgerissen werden müssen. Es gibt die Befürchtung, dass viele Menschen, die sich vor der Flammenwalze ins Meer flüchteten, ertrunken sind. Taucher der griechischen Streitkräfte suchten am Wochenende vor der Küste den Meeresgrund ab. Wie viele Personen noch vermisst werden, ist immer noch unklar, weil die Behörden offenbar unkoordiniert mehrere Vermisstenlisten parallel führten. Viele Menschen wurden deshalb gleich zwei- oder dreimal als vermisst gemeldet. Dieses Durcheinander ist charakteristisch für den Umgang mit der Katastrophe. Die Oppositionsparteien werfen der Regierung schwere Versäumnisse vor. Im Zentrum der Kritik steht der für die Polizei, die Feuerwehr und den Katastrophenschutz zuständige Bürgerschutz-Minister Nikos Toskas. Die Opposition fragt, warum die Ortschaft nicht rechtzeitig evakuiert wurde. Für Empörung sorgen auch Zeugenaussagen, wonach die Polizei beim Herannahen des Brandes die Hauptverkehrsstraße sperrte und den Verkehr in den Ort Mati umleitete, wo die Fahrer in den engen Straßen in der Falle saßen und von den Flammen eingeschlossen wurden. Dutzende Menschen seien so in den sicheren Tod geschickt worden, sagen Augenzeugen. Bürgerschutzminister Toskas erklärt dagegen, man habe „keine strategischen Fehler“ bei den Löscharbeiten und der Rettungsaktion gemacht. Für eine Evakuierung des Ferienorts habe die Zeit nicht gereicht. Toskas hatte zunächst erklärt, es gebe „sichere Hinweise“, dass der Feuersturm auf organisierte Brandstiftung zurückzuführen sei. Auf Satellitenbildern sei zu sehen, dass mehrere Brandherde gleichzeitig aufflammten, sagte Toskas. Auch Ministerpräsident Alexis Tsipras sprach von Brandstiftung. Tasos Papasacharias, ein führender Funktionär der Tsipras-Partei Syriza, äußerte in einem sozialen Netzwerk die Überzeugung, Ziel der Brandstifter sei es, die Regierung zu destabilisieren. Brandermittler der Feuerwehr kommen aber zu einem anderen Ergebnis. Danach soll die Katastrophe durch Fahrlässigkeit ausgelöst worden sein, als ein Mann am Montagnachmittag im Ortsteil Daou Penteli trockenes Reisig verbrannte. Dem Mann sei das Feuer außer Kontrolle geraten, berichtet die Zeitung „Kathimerini“ unter Berufung auf Ermittler. Die Identität des 65-Jährigen sei bekannt, es gebe mehrere Zeugen, schreibt die Zeitung. Während sich der konservative Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis bei einem Besuch im Katastrophengebiet ein Bild von der Lage machte, hat sich Premier Tsipras dort bisher nicht blicken lassen. Möglicherweise fürchtet er den Zorn der örtlichen Bevölkerung. Auch von einem Besuch des Regierungschefs bei den Verletzten in den Kliniken ist nichts bekannt.