Russland RHEINPFALZ Plus Artikel Moskau geht offline

Das Internet sei eine Brutstätte der Kriminalität, so die russische Polizei.
Das Internet sei eine Brutstätte der Kriminalität, so die russische Polizei.

In Moskau herrscht digitale Wirrnis. In den Außenbezirken funktioniert das mobile Internet noch, auf einem Teil der Metro-Linien auch, das W-Lan in den meisten Wohnungen ebenso. Aber die Stadtmitte ist zum großen Teil offline. Das Chaos ist alltäglich. Auch zuhause klemmt die Handyapp der Bank, meldet, sie müsse erneuert werden. Aber dann dreht sie sich endlos zwischen der russischen Aufforderung „Installieren“ und der deutschen Frage „Möchtest du diese App aktualisieren?“

Die Mehrzahl der 13 Millionen Moskauer steht vor ähnlichen Problemen: Ist WhatsApp ganz blockiert, funktioniert nur eine App nicht mehr oder das gesamte Internet? Hilft es, VPN einzuschalten? Oder sollte man es ausschalten? Warum hat mir die staatliche Service-Seite Gosuslugi einen Termin für eine polizeiliche Anmeldung am 5. März 2025 gegeben?

Es scheint, als hätte sich der Teufel aus Michail Bulgakows mystischer Romansatire „Meister und Margarita“ über das stalinsche Moskau all diese kleinen virtuellen Gemeinheiten ausgedacht. E-Bike-Kuriere und Taxifahrer warten vergeblich auf Bestellungen oder finden den Weg zum Kunden nicht, Autofahrer können die Parkplatzgebühr mangels Internet nicht bezahlen, Carsharing-Nutzer suchen vergeblich ihr Fahrzeug.

Analoge Stadtpläne gefragt

Und nicht nur Touristen oder Durchreisende verlieren im Stadtzentrum die Orientierung. Laut der Buchhandlungskette Tschitaj-Gorod stieg der Verkauf analoger Stadtpläne und Straßenkarten binnen vier Tagen um 47 Prozent. Und wo das Netz noch funktioniert, meldet der Online-Markt Wildberries 73 Prozent mehr Nachfrage nach Funkmeldeempfängern, sogenannten Pagern. Obwohl Experten warnen, die Infrastruktur für diese Handy-Vorläufer der späten Neunzigerjahre sei längst aus Moskau verschwunden. Am Donnerstag aber verkündete der Parlamentarier Michail Deljagin auf Telegram, auch das W-Lan in der Staatsduma arbeite nicht mehr. Sein Galgenhumor: „Volk und Parlament werden eins.“

In den Grenzgebieten zum Gegner Ukraine, aber auch in Regionen östlich der Wolga fällt das Internet schon seit Langem wochenlang aus, die örtlichen Behörden erklären das mit Drohnenalarm. Aber bis Moskau schafft es angesichts der massiven Luftabwehr um die Hauptstadt kaum eine feindliche Drohne. Das Volk hier rätselt deshalb, warum die Staatsmacht dann ein digitales Chaos anrichtet, das auch nach Ansicht der nationalistischen Z Blogger in unheimlicher Weise an erfolgreiche ukrainische Cyberangriffe erinnert.

„Hinter all diesen Maßnahmen stehen die Sicherheitsorgane“, sagt der Moskauer Internetexperte Alexander Issawnin. Die Geheimdienste und die Polizeiorgane verdächtigten das Internet als Brutstätte von Kriminalität und Opposition, tatsächlich seien echte Ermittlungserfolge im Netz aber sehr bescheiden. Deshalb dächten die „Organe“ sich immer neue Beschränkungen der Online-Freiheiten aus. Und Wladimir Putin lasse sie gewähren, auch wenn die Repressalien absurd seien. „Um die Staatsduma vor Terroranschlägen zu schützen, schalten sie ihr das Internet aus.“

Auch Telegram droht das Aus

Andere glauben, die Moskauer Schikanen sollten die endgültige Blockade des populärsten russischen Messengers Telegram vorbereiten. Laut dem Portal Werstka hat Putins Sicherheitsrat bereits beschlossen, ihn noch vor den im September anstehenden Parlamentswahlen auszuschalten. Der Duma-Abgeordnete Andrej Swinzow drohte unlängst, auch VPN werde Telegram-Nutzer nicht retten, in Russland würden nur „legale VPNs“ überleben. Und der ultranationalistische Ideologe Alexander Dugin forderte die Gesellschaft am Donnerstag auf, sich nicht gegen die wachsende Kontrolle zu wehren, sondern dem Staat zu helfen, sie durchzusetzen.

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