Terrorangriff
Mitten in das Herz Wiens
Am Schwedenplatz, üblicherweise ein lärmender Verkehrsknotenpunkt im Zentrum Wiens, herrschte am Dienstag gespenstische Ruhe. Am Tatort sind mehr Journalisten mit ihren Kamerateams unterwegs als Schaulustige. Die Wiener hielten sich offenbar diszipliniert an die Aufforderung der Polizei, zu Hause zu bleiben.
Am Montagabend waren in den Seitengassen, im sogenannten „Bermuda-Dreieck“, Massen von Menschen unterwegs, die bei einem Glas Bier oder Wein die milden Novembertemperaturen genießen wollten, ehe der wegen der Pandemie angeordnete Lockdown in Kraft trat. Den Namen verdankt das Vergnügungsviertel den Nachtschwärmern, die hier normalerweise, wie der Wiener Schmäh erzählt, bis in die Morgenstunden „untertauchen“.
Wild in die Lokale gefeuert
Doch diesmal regierten Angst und Panik, als gegen 20 Uhr in der Seitenstettengasse die ersten Schüsse zu hören waren. Hier befindet sich auch die Hauptsynagoge der Jüdischen Gemeinde Wiens, die bereits 1981 Ziel eines Anschlags von palästinensischen Terroristen war. Weshalb sofort Mutmaßungen kursierten, es könnte sich erneut um einen judenfeindlichen Anschlag handeln. Doch dies wollten weder die Polizei noch die Kultusgemeinde bestätigen. Auf die Synagoge wurde jedenfalls nicht geschossen.
Augenzeugen berichten, dass ein junger Mann mit einem Sturmgewehr wie wild in die Lokale gefeuert und willkürlich auf Passanten geschossen habe. Er sei zusätzlich mit einer Pistole und einer Machete bewaffnet gewesen und habe einen Sprengstoffgürtel getragen, der sich jedoch später als Attrappe entpuppte. Ein 28-jähriger Polizist, der den Weg des Attentäters kreuzte, blieb kurz danach schwer verwundet auf der Straße liegen. Zwei türkischstämmige Männer zerrten den Polizisten aus der Gefahrenzone und retteten ihm damit womöglich das Leben.
„Die Angst war ein Wahnsinn“
Ein Geschäftsmann erzählt der Austria Presse Agentur, er sei mit Freunden in einem Lokal beim Abendessen gesessen: „Wir haben die Schüsse gehört“, kurz danach seien Polizisten gekommen, die gerufen hätten: „Licht aus, Türen zu!“ Daraufhin hätten sich alle Gäste auf den Boden gelegt. Niemand sei verletzt worden, „aber die Angst war ein Wahnsinn“, so der Geschäftsmann.
Neun Minuten nach Fahndungsbeginn wurde der Mordschütze gestellt und nach einem Schusswechsel mit der Polizei getötet.
Dem Terroranschlag fielen mindestens vier Menschen zum Opfer; ein älterer Mann und eine ältere Frau sowie eine Kellnerin und ein junger Mann. Rund zwei Dutzend Menschen wurden verletzt, sieben schwebten laut Polizeiangaben am Dienstag noch in Lebensgefahr.
Der Attentäter war polizeibekannt. Laut Innenminister Karl Nehammer war der 20-Jährige als Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) im April 2019 zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt worden; er wollte sich den IS-Kriegern in Syrien anschließen. Er wurde vorzeitig entlassen, weil er als resozialisiert galt. Er sei Doppelstaatsbürger mit österreichischem und nordmazedonischem Pass, hieß es von der Polizei. Sein damaliger Anwalt Nikolaus Rast erzählte, der 20-Jährige stamme aus einer „vollkommen normalen Familie“, sei aber ein orientierungsloser Jugendlicher gewesen, der an „falsche Freunde“ geraten sei. Vermutlich habe er sich in einer Moschee in Wien, die er regelmäßig besucht habe, radikalisiert.
Österreich war nahezu 40 Jahre vom internationalen Terrorismus verschont geblieben, umso tiefer sitzt nun der Schock. Die Wiener Regierung verordnete eine dreitägige Staatstrauer, Kanzler Sebastian Kurz sprach von einer „dunklen Nacht über Österreich“.