Politik
Mit Spaziergang zum künftigen Beruf
Ihnen schien die Welt offenzustehen. Ob Privatunternehmen oder öffentliche Verwaltungen, ob kleine Betriebe oder große Konzerne: Sie alle warben um Auszubildende. Sagten doch alle Prognosen voraus, dass der Mangel an Nachwuchs- und Fachkräften sich in den kommenden Jahren noch deutlich verstärken werde.
Dann kam Corona – und die Welt schien von einem auf den anderen Tag wie verwandelt. Manche Branchen, etwa das Hotel- und Gaststättengewerbe, konnten ihre Dienste wochenlang gar nicht mehr anbieten. In zahllosen anderen Betrieben brachen Aufträge weg – und so mancher Auszubildende sah sich vor die Frage gestellt, was aus ihm und seiner Ausbildung werden würde, sollte sein Arbeitgeber die Krise nicht überstehen. Immerhin: Bislang seien nur wenige Fälle bekannt, in denen Auszubildende ihre Lehre nicht fortsetzen und beenden könnten, heißt es bei der Bundesagentur für Arbeit.
Beratung per Mail oder Telefon
Hart traf es auch die, die noch die Schulbank drücken, aber in einigen Monaten mit einer Ausbildung ins Berufsleben starten wollen. Denn als die Schulen schlossen, war es auch vorbei mit der bis dahin üblichen Form der Berufsberatung. „Wir haben im zweiten Halbjahr keine Sprechstunden in Schulen mehr angeboten“, erinnert sich Mihaela Prorocu. Was aber, entgegen manch anderslautender Behauptung, nicht bedeutet habe, dass keine Berufsberatung mehr stattfand. Die sei per E-Mail oder Telefon erfolgt, erläutert die Berufsberaterin, die in der Geschäftsstelle Speyer der Arbeitsagentur Ludwigshafen tätig ist. Es sei trotz schwieriger Rahmenbedingungen gelungen, die Jugendlichen „zu erreichen“, bekräftigt Prorocus Kollege Emmanuel Weißmann.
In dieser für alle Beteiligten herausfordernden Phase habe man durchaus interessante Beobachtungen gemacht, sagt der Berufsberater. Beispielsweise seien viele Jugendliche in der Krise eigenständiger geworden. So organisierte sich mancher, dessen Betriebspraktikum wegen Corona ausfiel, für die Sommerferien selbst einen Praktikumsplatz. Zudem hätten viele gemerkt, dass es sinnvoll sei, auch mit Blick auf die Berufswahl einen „Plan B“ in der Tasche zu haben.
Festhalten an Freiluft-Beratung
Aber auch die Berufsberater selbst machten in den vergangenen Monaten neue Erfahrungen. Fanden die Beratungsgespräche bis dahin fast ausschließlich in geschlossenen Räumen statt, war nun aus Gründen des Gesundheitsschutzes Beratung im Freien angesagt. Bei den Jugendlichen sei das „Walk and talk“-Format, bei dem die Jugendlichen ihren Berater im Freien treffen und zum Beispiel mit ihm spazierengehen, sehr gut angekommen, sind sich Procoru und Weißmann einig. An dieser Form der Freiluft-Beratung soll deshalb festgehalten werden. Das schaffe eine andere Gesprächsatmosphäre, „die Jugendlichen können sich mehr öffnen“, verweist Emmanuel Weißmann auf die Vorteile.
Derweil setzt sich am Ausbildungsmarkt ein Trend fort, der Arbeitsmarktexperten schon seit einigen Jahren umtreibt: Das System der dualen Ausbildung, um das die Bundesrepublik von vielen anderen Ländern beneidet wird, scheint an Attraktivität zu verlieren. So wurden im vergangenen Jahr den Arbeitsagenturen und Jobcentern in Rheinland-Pfalz 25.200 Ausbildungsstellen gemeldet – gut acht Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch auf der Bewerberseite ist ein Minus zu verzeichnen: 23.500 Jugendliche bedeuten 1000 weniger als noch im Jahr zuvor. 7200 offenen Ausbildungsplätzen (ein Minus von 7,2 Prozent gegenüber 2019) standen im August 4700 Bewerber gegenüber, die noch keine Lehrstelle gefunden hatten – 19 Prozent mehr als im Vorjahr.
Noch 100.000 unversorgte Bewerber
Ähnliche Tendenzen sind bundesweit zu beobachten. Einen auffälligen Rückgang gemeldeter Stellen verzeichnete die Arbeitsagentur dabei unter anderem in Metall- und Elektrotechnikberufen, im Friseurhandwerk und in Gastronomie- und Hotellerieberufen. Insgesamt standen im August bundesweit 154.000 unbesetzten Ausbildungsstellen 142.000 Bewerber gegenüber, von denen 100.000 als unversorgt galten.
Bei dieser Betrachtung dürfen die Auswirkungen der Corona-Krise nicht außen vor bleiben. Es habe „pandemiebedingt“ bei Unternehmen wie Bewerbern „Unsicherheiten“ gegeben. Die hätten dazu geführt, dass Ausbildungsverträge später oder gar nicht abgeschlossen worden, erläutert Heidrun Schulz, die Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Arbeitsagentur.
Förderprogramm für Ausbildungsbetriebe
Möglicherweise hat so mancher Betrieb auch länger als üblich gewartet, ehe er den Vertrag für eine geplante Ausbildung unter Dach und Fach brachte. Denn am 1. August startete das bundesweite Programm „Ausbildungsplätze sichern“, das sich vor allem an kleine und mittlere Unternehmen wendet und mit insgesamt 500 Millionen Euro ausgestattet ist. Finanziell gefördert werden Betriebe, die trotz Krise weiter ausbilden oder Azubis von insolventen Firmen übernehmen.