Katholische Kirche RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauch von Frauen: Gehirnwäsche und Psychoterror

Auch Frauen wurden Opfer von Männern, von Priestern, denen sie vertraut haben.
Auch Frauen wurden Opfer von Männern, von Priestern, denen sie vertraut haben.

Sie erlebten Übergriffe sexueller und spiritueller Art: erwachsene Frauen in der katholischen Kirche. Immer mehr brechen ihr Schweigen – auch eine Landauerin.

Einen großen roten Ordner zieht Erika Schubert* hervor. Fein säuberlich hat sie darin jeglichen Schriftverkehr mit dem Bistum Speyer, Anwälten, den Missbrauchsbeauftragten sowie Zeitungsausschnitte abgeheftet. Gewissermaßen das Leid ihres Lebens in einem Aktenordner. Die 72-Jährige wurde als junge Frau jahrelang von einem Priester sexuell und spirituell missbraucht, erzählt sie. Heute kämpft die ehemalige Lehrerin darum, von der Kirche eine Anerkennung für das zu bekommen, was ihr ein Mann der Kirche angetan hat.

Sie war Schülerin, knapp 16 Jahre alt, in einem Landauer Mädchengymnasium. Er, wie sie sagt, ein „honoriger Professor“, ihr Religionslehrer und 38 Jahre älter als sie. Alles habe mit einer Einladung zum Wandern begonnen, bei der er sie abends mit Alkohol abgefüllt habe. „Ich war ein naives Mädchen, habe ihn glorifiziert. Er war geistreich und hatte ein gewisses Charisma“, versucht Erika Schubert sich heute noch zu erklären, wie es zu dieser Beziehung und Abhängigkeit kommen konnte.

Es kann jede Frau treffen

Inzwischen weiß die Landauerin, dass sie mit ihrer Geschichte nicht alleine ist. Vor mehr als einem Jahr ist ein Buch erschienen. Der Titel lautet „Erzählen als Widerstand“. 23 Frauen haben in dem Buch in Worte gefasst, worüber sie lange geschwiegen haben: Sie sind Opfer von Männern geworden, von Priestern, denen sie vertraut haben.

Von 23 Berichten in dem Buch kommen neun von Ordensfrauen. Die anderen Frauen wurden in unterschiedlichen Kontexten missbraucht: als hauptamtliche Seelsorgerin, als Angestellte oder Sekretärin, andere sind ehrenamtlich in der Kirche tätig. Es sind Frauen mit allen Bildungshintergründen, in jedem Lebensalter, in allen Lebenssituationen. Die Schlussfolgerung aus den Berichten ist: Es kann jede Frau treffen.

Täter nutzen ihre geistliche Autorität

Der US-amerikanische Pastoralpsychologe Richard Snipe schätzt die Anzahl der sexuellen Übergriffe von Priestern auf Frauen um einiges höher ein als die auf Kinder. Trotzdem gelangte davon bislang wenig an die Öffentlichkeit. Die Schemata ähneln sich, wie Doris Reisinger, geborene Wagner, die als Ordensfrau vergewaltigt wurde, in ihrem Buch „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ aufzeigt: Die Täter bauen langsam und sorgfältig ein Abhängigkeitsverhältnis auf. Dazu nutzen sie ihre besondere geistliche Autorität, ihren Charme oder ihr Amt; sie schmeicheln, drohen, manipulieren, isolieren ihr Opfer und bauen in dessen Umfeld sorgfältig ein gutes Image auf. Soweit bis sie sich ganz sicher fühlen, dass ihr Opfer wehrlos ist und niemand ihm glauben wird.

Auch Erika Schubert hat dies genau so erfahren. Die Beziehung zu ihrem Religionslehrer war ein Abhängigkeits- und Unterwerfungsverhältnis, in dem sie irgendwann selber nicht mehr wusste, was denn richtig und was falsch ist. So berichtet sie es. „Er hat mich dazu gedrängt, in Landau auf Lehramt zu studieren. Dabei wollte ich Textilingenieurin werden.“ Sie fügte sich. Wollte sie an Studienfahrten oder Treffen mit Kommilitonen teilnehmen, habe er es ihr verboten. Es sei ihr damals gar nicht in den Sinn gekommen, dagegen zu opponieren, wundert sich die Seniorin heute.

Anonyme Beratung

Für die geheimen Treffen habe sie einen Schlüssel zu seinem Appartement gehabt. „Ich musste mich meist über die Feuerleiter wegstehlen. Das war so entwürdigend.“ Trotzdem hat die Frau die Beziehung nicht beendet. Vielleicht ein Grund: Sie habe sich niemandem anvertrauen können, erzählt sie.

Wie ihr ging und geht es vielen Betroffenen. Vor zwei Jahren hat deshalb die Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz eine Anlaufstelle für Frauen geschaffen, die im kirchlichen Raum Gewalt erfahren haben. Eine Internetseite – www.gegenGewalt-anFrauen-inKirche.de – will eine leicht zugängliche Beratung nach Missbrauch ermöglichen. Die Idee zu diesem Online-Angebot, bei dem die Anonymität der Beratung gewährt ist, stammt von Betroffenen selbst. Die Ansprechpartnerinnen und -partner sind Ordensleute, Theologinnen und geistliche Begleiter, eine Kirchenrechtlerin, eine Psychologin und eine Sozialpädagogin, die zuhören, dem Erzählten Glauben schenken und schauen, was die jeweilige Frau benötigt. Unter ihnen sind zwei aus dem Bistum Speyer.

700 Mark für eine Abtreibung

Diese Hilfe hätte sich Erika Schubert vor 51 Jahren gewünscht. Denn mit 21 Jahren wird sie schwanger. „Ich habe es ihm gesagt und ihn gebeten, sich laisieren zu lassen“, sagt sie. Doch sich von seinem Priesteramt entbinden zu lassen, das sei für ihn nicht infrage gekommen. „Ich hätte so gern ein Kind gehabt, das hat ihn aber nicht interessiert.“ Er habe ihr 700 Mark in die Hand gedrückt für eine Abtreibung. Eine Freundin in Frankfurt habe ihr dann einen Arzt vermittelt und sie in den Tagen vor und nach dem Abort unterstützt. Schubert erzählt, dass damit die Beziehung einen Riss bekommen hat und sie sich quasi Stück für Stück lösen konnte.

Doch das alles blieb nicht ohne Folgen: Es folgten Panikattacken, Zusammenbrüche, immer wieder sei sie monatelang in Therapien gewesen. Zehn Jahre vor ihrer Pensionierung verließ sie aus gesundheitlichen Gründen den Schuldienst. Für das ihr zugefügte Leid will sie eine Anerkennung, vor allem da sie bislang einiges an Anwalts- als auch Therapiekosten aus eigener Tasche bezahlt hat. 3000 Euro hat ihr das Bistum zu diesem Zweck überwiesen. Inzwischen werden auch ihre derzeitigen Therapiekosten übernommen.

Erika Schubert hat einen Antrag bei der von den deutschen Bischöfen eingerichteten Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) gestellt. Auf eine Antwort wartet sie noch. Aber es geht ihr nicht nur ums Geld – die Landauerin traut sich wie immer mehr Frauen, ihr Schicksal zu schildern. Sie will zeigen, dass ihre schrecklichen Erfahrungen kein Einzelfall sind.

*Name von der Redaktion geändert

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Umgang der Katholischen Kirche auf Untersuchungen zu Missbrauchsfällen.

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