Leitartikel Lieber Paris als Los Angeles

Zu den Erfolgsrezepten der Olympischen Spiele in Paris gehörte die Integration der Sportstätten in das weltberühmte Stadtbild.
Zu den Erfolgsrezepten der Olympischen Spiele in Paris gehörte die Integration der Sportstätten in das weltberühmte Stadtbild.

Los Angeles ist Nachfolger von Paris als Schauplatz der nächsten Olympischen Sommerspiele. Was die Stadtentwicklung betrifft, sind die beiden Metropolen extrem gegensätzlich – insbesondere beim Verkehr.

Es ist ein kurioser Zufall, dass ausgerechnet die US-Metropole Los Angeles, die in den USA meist L.A. genannt wird, als Austragungsort der Olympischen Spiele auf Paris folgt. Die Einschätzung ist weit verbreitet, das Los Angeles es – vorsichtig ausgedrückt – sehr schwer haben wird, gegenüber der französischen Hauptstadt nicht deutlich abzufallen. Bei der großen Begeisterung, die die Spiele in Paris ausgelöst haben, spielte eine entscheidende Rolle, wie gut es gelungen ist, die Wettkämpfe in das weltberühmte Stadtbild zu integrieren.

Auch Los Angeles ist weltbekannt – aber vor allem dafür, dass hier wie kaum irgendwo sonst auf der Welt die Stadtentwicklung dem Autoverkehr untergeordnet wurde. Wer sich ansehen will, wie eine autogerechte Stadt aussieht, muss nach Los Angeles reisen.

Vogels Reise nach Los Angeles erspart München viel Unheil

Das tat zum Glück Hans-Jochen Vogel (1926-2020), der 1960 zum Oberbürgermeister von München gewählt wurde, bald nach seinem Amtsantritt. Was er dort sah, war für ihn Anlass, alle Pläne, aus München eine autogerechte Stadt zu machen, schnellstens in den Papierkorb zu werfen. Stattdessen war seine Amtszeit bis 1972 geprägt durch die Schaffung eines ausgedehnten Fußgängerbereichs und den Aufbau eines vorbildlichen Nahverkehrssystems aus U-Bahn und S-Bahn, wobei die Olympischen Spiele von 1972 sehr hilfreich waren. Während eine Reise nach Los Angeles also entscheidend dazu beigetragen hat, dass München viel Unheil erspart geblieben ist, wurde das Leitbild der autogerechten Stadt in Ludwigshafen teilweise verwirklicht und ist für die Stadt heute in Gestalt maroder Hochstraßen ein schweres Erbe.

Autobahnplan aufgegeben, RER-Netz aufgebaut

Auch in Paris gab es in den 1960er Jahren Pläne „die Hauptstadt an das Auto anzupassen“. Herzstück war ein Autobahnplan, von dem dann aber zum Glück nur kleine Teile verwirklicht wurden. Nach dem Amtsantritt des liberalen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing 1974 wurde das Projekt auch unter dem Eindruck der ersten Ölkrise weitgehend aufgegeben. Stattdessen wurde ergänzend zu der U-Bahn (Metro) ab 1977 unter dem Namen RER ein regionales Nahverkehrsnetz aufgebaut, das einer deutschen S-Bahn ähnelt.

Das Pariser Nahverkehrssystem hat sich – entgegen vorherigen Befürchtungen – bei den Olympischen Spielen hervorragend bewährt und als sehr leistungsfähig erwiesen. Hilfreich für die Bewältigung des Besucherandrangs war allerdings, dass in der Ferienzeit die Pendlerströme deutlich kleiner waren als sonst. In den vergangenen Jahren hat Paris viel dafür getan, die Umweltbelastungen durch den Autoverkehr zu reduzieren und gleichzeitig Radfahrern und Fußgängern das Leben leichter zu machen.

Inzwischen gibt es wohl einen breiten Konsens, dass deutsche Großstädte sich eher Paris als L.A. zum Vorbild nehmen sollten. Auch wer zu Recht darauf hinweist, dass es in ländlichen Regionen meist keine Alternative zum Auto gibt, meint in aller Regel nicht, dass für noch mehr Autoverkehr in Großstädten gesorgt werden sollte. Das fordert nicht einmal der ADAC – dafür nun aber neuerdings die FDP, die im krampfhaftem Bemühen aufzufallen, offenbar von allen guten Geistern verlassen ist. Für Paris wünscht sich die FDP wohl Gratis-Parken vor Notre Dame zum Baguetteholen.

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