Ferientermine
Kritik an Form der Debatte über Sommerferien
Herr Maaz, einen Post zur Debatte über die Sommerferienregelung haben Sie mit den Worten „Ein Lehrstück über fehlgeleiteten Föderalismus“ betitelt. Was meinen Sie genau damit?
Zwei Bundesländer – Bayern und Baden-Württemberg – führen eine Debatte ohne erkennbare Kooperationsbereitschaft. Argumentiert wird nicht sachlich, sondern polemisch – etwa mit der Aussage, die Ferien seien „in der DNA des Landes verankert“. Das ist sachlich nicht haltbar. Statt auf Augenhöhe zu diskutieren, wird der eigene Standpunkt absolut gesetzt. Föderalismus erfordert Verhandlungsbereitschaft und Ausgleich. Am Ende kann die Lösung auch eine Beibehaltung der Sonderregelung sein – entscheidend ist, dass sie im Dialog legitimiert wird.
Bayern und Baden-Württemberg halten seit Jahrzehnten an ihren späten Ferienterminen fest. Was sind aus Ihrer Sicht die Motive dahinter?
Es geht um politische Profilierung und Traditionspflege. Man will deutlich machen, dass man dafür eintritt, was im eigenen Land in den vergangenen Jahrzehnten gegolten hat. Die Regelung stammt aus den 1970er-Jahren – eine Zeit, in der es durchaus Widerstand gegen späte Ferientermine gab. Heute erschweren die zweiwöchigen Pfingstferien in Bayern und Baden-Württemberg eine Vorverlegung der Sommerferien in der Tat erheblich. Gleichzeitig starten andere Bundesländer bereits ins neue Schuljahr, während im Süden die Ferien gerade erst begonnen haben – was insbesondere bei der Urlaubsplanung zu Spannungen führt, unter anderem, weil diese Zeiten schon in die Nachsaison fallen und Ferien damit günstiger werden. Solche Differenzen sind lösbar, wenn man kompromissbereit ist.
Mittlerweile wird in Deutschland aber fast jedes Thema sehr emotional diskutiert …
Das Thema wurde sachlich angesprochen. Die Diskussion wurde dann aber durch polemische und kompromisslose Reaktionen emotional aufgeladen. Das ist symptomatisch für gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse, in denen symbolische Zuschreibungen zunehmend die sachliche Auseinandersetzung verdrängen.
Ab November will die Kultusministerkonferenz darüber reden, ob und wie die beiden Südländer ab 2031 in das rotierende System integriert werden können. Ich behaupte mal: Die Chancen stehen eher schlecht. Warum gelingt es bei einem simplen Thema wie den Ferienterminen nicht, zu einer solidarischen Lösung zu kommen?
Es fehlt an einer konstruktiven Diskussionskultur – allerdings nicht grundsätzlich, sondern spezifisch bei diesem Thema. Selbst wenn bei den Ferienterminen keine Einigung erzielt wird, ist das kein systemischer Bruch. Aber es zeigt exemplarisch, wie schwer sich der Föderalismus mit pragmatischen Lösungen tut, wenn Identitätspolitik ins Spiel kommt.
In Ihrem Post stellen Sie eine größere Frage: Lenken wir unsere Energie nicht auf Nebenkriegsschauplätze, während das Bildungssystem an ganz anderen Stellen brennt?
Während an vergleichsweise nebensächlichen Fragen wie den Ferienterminen erbittert gerungen wird, bleiben die eigentlichen Strukturprobleme des Bildungssystems weitgehend unbearbeitet. Das ist der Kern meiner Kritik. Wir stehen vor massiven strukturellen Problemen: ein zum Teil gravierender Lehrkräftemangel. Gleichzeitig erreichen zu viele Kinder in Grund- und Sekundarstufe nicht einmal die Mindeststandards, während leistungsstarke Schülerinnen und Schüler deutlich unterrepräsentiert sind. Hinzu kommen gravierende soziale Disparitäten, fehlende Konzepte zum Umgang mit Heterogenität in den Klassenzimmern, eine unzureichende Abstimmung zwischen schulischen und außerschulischen Unterstützungsangeboten und das Fehlen eines klaren Modells für einen qualitätsvollen Ganztagsunterricht. Diese Themen sind zentral – sie müssen in den Fokus politischer Gestaltung rücken. Angesichts dieser systemischen Herausforderungen erscheint die Debatte, ob die Sommerferien zwei Wochen früher oder später beginnen, politisch wie pädagogisch randständig.
Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund Vorschläge, eine Obergrenze für den Anteil von Migrantenkindern an Schulen einzuführen?
Ich halte diese Idee für grundfalsch. Eine solche Obergrenze ist aus pädagogischer wie praktischer Sicht weder sinnvoll noch umsetzbar. Vielfalt ist Realität im Bildungssystem, insbesondere in urbanen Räumen und darf in einem zukunftsorientierten Bildungssystem nicht mit Ausgrenzung beantwortet werden. An vielen Schulen liegt der Anteil von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte bereits heute bei 70, 80 oder 90 Prozent, in manchen Schulen liegt er sogar bei 100 Prozent. Die Herausforderung besteht nicht darin, die Zusammensetzung zu ändern, sondern in der Frage, wie Unterricht unter Bedingungen sozialer, kultureller und sprachlicher Heterogenität gelingen kann. Wer eine Obergrenze fordert, müsste folgerichtig auch fordern, dass Kinder aus privilegierten Familien und Quartieren aktiv umverteilt werden – und das würde auf massiven Widerstand stoßen. Viel zielführender wäre es, differenzierte, wissenschaftlich fundierte Konzepte für sprachliche Förderung und integrative Unterrichtsentwicklung in der Praxis zu verankern.
Was müsste denn an Schulen in sozialen Brennpunkten konkret geschehen?
Die Forschung zeigt klar: Schulen in belasteten Lagen verfügen oft über die schlechtesten Rahmenbedingungen. Dazu zählen unbesetzte Leitungsstellen, Personalmangel, hoher Anteil fachfremden Unterrichts, Unterrichtsausfall und unzureichende sozialpädagogische Unterstützung. Gerade im Grundschulbereich ist sprachliche Bildung zentral. Deshalb sind frühe, systematische Sprachstandserhebungen bereits im Vorschulalter notwendig – zum Beispiel mit viereinhalb Jahren wie es Hamburg bereits umsetzt. Auf dieser Basis müssen dann passgenaue Förderangebote bereitgestellt werden. Auch die frühkindliche Bildung muss konsequent gestärkt werden. Wer mit Kindern nur in sprachlich reduzierten Mustern kommuniziert – ich übertreibe etwas: Wer vorwiegend in Zweiwortsätzen mit Kindern spricht, raubt ihnen entscheidende Entwicklungschancen. Frühpädagogik könnte einen noch wirksameren Beitrag leisten, wenn sie systematisch an bildungsrelevanten Zielstellungen ausgerichtet würde – und über qualifiziertes Personal, geeignete Rahmenbedingungen und ausreichende Ressourcen verfügte.
Bildungspolitik ist Ländersache. Bei dem, was Sie gerade ansprechen, könnte man sich vorstellen, dass der Bund Verantwortung übernimmt …
Eine formale Steuerungsverantwortung des Bundes ist unrealistisch und außerdem verfassungsrechtlich kaum umsetzbar. Aber ein konstruktiver Föderalismus wäre durchaus möglich – und dringend erforderlich. Die Herausforderungen sind in allen Bundesländern strukturell vergleichbar: Sprachförderung, Umgang mit Heterogenität, Bildungsungleichheiten. Es spricht nichts dagegen, für solche strukturellen Herausforderungen gemeinsame Leitlinien zu entwickeln, auf deren Basis länderspezifische Strategien ausgestaltet werden können. Der Bund kann – beispielsweise über Programme, Forschung oder gezielte Förderung – wichtige Impulse setzen, ohne die Kultushoheit infrage zu stellen. Es geht weder um Alleingänge noch um Zentralisierung, sondern um koordinierte Lösungswege. Was fehlt, ist nicht Erkenntnis, sondern der Wille zur Umsetzung – und der Mut, Verantwortung über föderale Grenzen hinweg gemeinsam zu tragen.
Zur Person
Kai Maaz (Jahrgang 1972) ist seit 2019 Geschäftsführender Direktor am DIPF – Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation und leitet dort die Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“. Außerdem ist er Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft an der Goethe-Universität. Maaz ist darüber hinaus Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gremien, unter anderem im Expertenkreis des nationalen Bildungsberichts, und berät regelmäßig Ministerien sowie bildungspolitische Institutionen.