Rheinland-Pfalz
So sollen Kinder in Rheinland-Pfalz besser Deutsch lernen
Am Anfang war die Gräfenau-Schule in Ludwigshafen. Seit deren Schulleiterin Barbara Mächtle im Frühjahr 2023 öffentlich gemacht hat, dass rund 40 Prozent der Kinder vor allem wegen fehlender Deutsch-Kenntnisse die erste Klasse wiederholen müssten, ist die Bildungspolitik alarmiert. Die Fluchtbewegungen, der Ukraine-Krieg, die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit und die versäumte Integration über Jahrzehnte hinweg – all das wird in den Schulen wie in einem Brennglas gebündelt. Auch an anderen Schulen ist die Quote der Sitzenbleiber gestiegen. Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) hat die Bildung bei seiner Amtsübernahme im Juli zur Chefsache gemacht. Bildungspolitik war Schwerpunkt seiner Regierungserklärung. Nicht alles, was er angekündigt hat, ist neu.
Was hat es mit dem Streit um das „Sprachbad“ auf sich?
Der Begriff erklärt sich weitgehend von selbst. Wer eine neue Sprache lernt und dabei von Menschen umgeben ist, die sie den ganzen Tag sprechen, kommt schnell voran. Die rheinland-pfälzische Bildungspolitik setzt auf das Sprachbad und wehrt damit auch Forderungen der CDU nach Vorläuferklassen ab. Solche Klassen gibt es beispielsweise in Hessen. Als Schweitzer auf seiner Sommerreise eine Schule in Koblenz besuchte, an der 80 Prozent der Kinder eine andere Muttersprache haben, sagte er: „Wenn ein so hoher Anteil an Kindern kein Deutsch spricht, funktioniert das Moment des Sprachbadens nicht mehr.“
Was entgegnet Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD)?
„Die Sprachbildung ist eines unserer drängendsten Probleme“, räumt sie ein. Aber sie sieht in der aufgeheizten Debatte ihr Konzept missverstanden. „Die alltagsintegrierte Sprachförderung ist nicht das Sprachbad.“ Auf diese Art der Förderung setzt Rheinland-Pfalz in den Kindertagesstätten. Erzieherinnen und Erzieher sollen mit den Kindern in Alltagssituationen Gespräche führen und dabei den Wortschatz und das Verständnis für die Sprache erweitern.
Reicht das in der Praxis aus?
Offenbar nicht. Deshalb sollen an zunächst 350 Kitas die Sprachbeauftragten fünf Stunden in der Woche freigestellt werden, um sich in dieser Zeit nur dem Thema Sprachförderung zu widmen. Das könnten Beratungen im Kollegenkreis sein oder die Arbeit in kleinen Gruppen. Laut Ministerium werden diese Stunden zusätzlich vom Land finanziert, gehören also nicht in die Personalbemessung. In Mainz wird davon ausgegangen, dass viele der zusätzlichen Stunden über das Aufstocken von Teilzeitkräften gewonnen werden. Wichtig sei, dass die zusätzliche Zeit nicht für Vertretungen eingesetzt werden. Diese Maßnahme ist neu, noch sind die 350 Kitas nicht alle ausgewählt.
Was ändert sich noch an den Kitas?
Um den Übergang zwischen Kita und Schule zu verbessern, wird derzeit nach Angaben des Ministeriums ein „Übergangskompass rlp“ entwickelt. Darin soll festgehalten werden, was das Kind schon kann – in der Sprache, beim Zählen, in der Feinmotorik, beim Sozialverhalten. Sofern die Eltern zustimmen, soll das Kind diesen Kompass ab 2025 mit in die Schule bringen. Die Beobachtung und Dokumentation der Entwicklung eines Kindes ist gesetzlich vorgeschrieben. In der Praxis werden die Eltern darüber in den regelmäßigen Entwicklungsgesprächen informiert.
Und Kinder, die keine Kita besuchen?
Aktuell wird der Sprachstand bei der Schulanmeldung ausschließlich bei jenen Kindern erhoben, die keine Kita besuchen. Bereits im vergangenen Jahr wurde festgelegt, dass die Anmeldung ab dem Schuljahr 2025/26 ein halbes Jahr vorgezogen wird, um mehr Zeit für die Förderung zu haben. Getestet werden die Kinder also mit etwa viereinhalb Jahren.
Wie viele Kinder haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache?
Von den aktuellen Erstklässlern besuchten nach Ministeriumsangaben 800 Kinder keine Kita. Das Ergebnis ihrer Sprachtests: 300 Kinder haben einen Sprachförderbedarf. So hoch war auch die Anzahl im Jahrgang 2023/24. Damals wurden 700 Kinder getestet.
Wo findet die Förderung statt?
Für die Sprachförderung werden die Eltern verpflichtet, ihre Kinder mindestens 15 Stunden in der Woche in eine Kindertagesstätte zu schicken. Dort sollen sie nach dem Konzept der alltagsintegrierten Sprachförderung ausreichend Deutsch lernen, um gute Voraussetzungen für die Schule mitzubringen. Kritiker wenden ein, dass vielerorts in den Kitas Personal fehlt, um sich dieser Aufgabe ausreichend zu widmen. Außerdem fehlt es an Kitaplätzen.
Wer testet die Deutschkenntnisse der Kita-Kinder?
Nach früheren Angaben aus dem Ministerium wird der Anteil der Kinder, deren Deutsch unzureichend ist, auf rund 20 Prozent eines Jahrgangs geschätzt. Zuletzt wurden 42.000 Kinder eingeschult, das wären also 8400 Betroffene. Ab dem Schuljahr 2026/27 sollen die Fachkräfte in den Kitas stufenweise den Sprachstand aller viereinhalb Jahre alten Kinder erfassen. „Wir brauchen ein Verfahren, das unsere Fachkräfte alltagsintegriert und mit möglichst wenig Arbeitsaufwand umsetzen können und direkt danach wissen, wie sie das jeweilige Kind fördern können“, heißt es dazu aus dem Ministerium. Das Verfahren soll mit der Wissenschaft und der Praxis entwickelt werden.
Wie läuft das Deutschlernen an den Schulen?
Kinder, die bei der Einschulung kein oder zu wenig Deutsch sprechen, lernen die Sprache in bis zu 15 Stunden in Deutsch-Intensiv-Kursen. Diese Kurse gibt es schon länger, die Schulen melden den Bedarf, das Ministerium finanziert die Sprachkräfte. In Fächern wie Sport, Musik, Kunst oder auch Mathematik sind die Kinder in der regulären Klasse. „Wir stehen zum rheinland-pfälzischen Modell, in dem Kinder alle ihren Weg gemeinsam gehen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Geschwindigkeiten“, sagt dazu Ministerin Hubig.
Reicht das aus?
Nein. Neben der Sprache fehlen vielen Kindern noch weitere Voraussetzungen für den Schulbesuch. Beim Umgang mit Schere und Papier sind manche Kinder noch nicht fit, manche können nicht gut mit Stiften umgehen oder ihren Ranzen sinnvoll packen, andere können sich nicht an Regeln halten.
Gibt es deshalb die neuen Grundlagenkurse?
Ja. Das Programm heißt „First Class“ und hatte seinen Vorläufer in einem Pilotprojekt an der Gräfenau-Schule in Ludwigshafen. In bis zu zehn Wochenstunden sollen in kleinen Gruppen die Grundlagen vermittelt werden. Die Landauer Professorin für grundschulpädagogische Forschung mit Schwerpunkt Sprachbildung, Anja Wildemann, hat es in Ludwigshafen begleitet. 30 Schulen starten mit „First Class“, davon 16 in der Pfalz – in Ludwigshafen, Kaiserslautern, Pirmasens, Germersheim und Frankenthal. Jede der Schulen erhält zusätzliches Personal für 13,5 Stunden in der Woche. Das können Sprachförderlehrkräfte oder pädagogische Fachkräfte sein.