Verkehr RHEINPFALZ Plus Artikel Italo-Einstieg in Deutschland: Alarm bei der Bahn

Die wichtige Bahnstrecke Berlin–Hamburg ist seit Sonntag wieder freigegeben. Aber andere Projekte sind gefährdet.
Die wichtige Bahnstrecke Berlin–Hamburg ist seit Sonntag wieder freigegeben. Aber andere Projekte sind gefährdet.

Weil ein italienisches Bahnunternehmen nach Deutschland drängt, befürchtet die Eisenbahnergewerkschaft ein böses Erwachen für mittelgroße Städte.

Zwei Meldungen rütteln die Deutsche Bahn durch. Erstens: Die Eisenbahnergewerkschaft EVG befürchtet, dass mittelgroße Städte in Deutschland ihren Anschluss an den Fernverkehr der Deutschen Bahn verlieren könnten. In ihren Bahnhöfen würden keine ICEs oder ICs mehr halten. Zweitens: 90 Neubauprojekte der Deutschen Bahn stehen trotz Sondervermögens auf der Kippe, darunter die für Süddeutschland wichtige Verbindung AugsburgUlm.

Augsburg zählt zudem neben Donauwörth, Ingolstadt, Bamberg, und Coburg zu denjenigen, deren Fernverkehrsanbindung laut EVG gefährdet ist. Auf der schwarzen Liste stehen auch Freiburg, Jena, Magdeburg, Münster, Osnabrück, Rostock, Saarbrücken und Schwerin. Insgesamt sind es 18 Städte, darunter wichtige Universitäts- und Wirtschaftsadressen. Der Grund für das Szenario ist die geplante Expansion des privaten italienischen Bahnunternehmens Italo.

Es will ab 2028 Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen deutschen Großstädten anbieten, wie es das auf dem Heimatmarkt tut. „Wir sind nicht gegen Wettbewerb, aber die Haupttrassen des Landes sind heute schon übervoll“, sagte EVG-Chef Martin Burkert der RHEINPFALZ.

Saarbrücken auf schwarzer Liste

Auf diesen Verbindungen wie etwa München–BerlinHamburg, Frankfurt–Köln oder Berlin–Dortmund verdient die Deutsche Bahn Geld, weil viele Reisende zusteigen. Genau auf solchen Strecken will Italo angreifen und dem deutschen Platzhirsch Marktanteile abjagen. „Diese Einnahmen fehlen dann der Bahn, um weniger ausgelastete Strecken zu bedienen. Wir gehen davon aus, dass dann Verbindungen in Mittelstädte gestrichen werden“, sagt Burkert. Er forderte, dass Italo auf den lukrativen Hauptverbindungen nur den Zuschlag erhalten dürfe, wenn das Unternehmen gleichzeitig Verbindungen in die Provinz anbiete. „Italo darf keine Rosinenpickerei betreiben.“ Welche Städte Italo im Falle eines Zuschlags bedienen würde, ist unklar.

Ähnlich wie die Gewerkschaftsvorsitzende sieht es Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter. „Dem Fernverkehr muss auferlegt werden, dass die Regionen in der Fläche angebunden sind“, sagte der CSU-Politiker. Dafür stünden alle Länder. Bernreiter will grundsätzlich keine zusätzlichen Verbindungen im Netz, solange es so viele Baustellen gibt, wie es derzeit der Fall ist. Bauarbeiten machen den Betrieb anfällig für Störungen und Verspätungen. Für ein unter Stress stehendes Netz ist es kompliziert, zusätzliche Züge aufzunehmen.

90 Neubauprojekte in Gefahr

Dass die Gleise in den nächsten Jahren durch Ausbau stärker werden, um mehr Verkehr tragen zu können, daran lässt die zweite Meldung erhebliche Zweifel aufkommen. 90 Neubauprojekte in verschiedenen Reifegraden stehen laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen wegen Geldmangels im Feuer, über die das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet.

Das Sondervermögen Infrastruktur kann bei der Finanzierung nicht herangezogen werden, weil die Mittel für die Sanierung reserviert sind. Das Bundesverkehrsministerium erklärte auf Anfrage, dass es daran arbeite, die Finanzierbarkeit für dringende Vorhaben im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel sicherzustellen. Der zweite Strang für die Verbindung Augsburg–Ulm ist zwar vom Bundestag als prioritäres Projekt beschlossen, eine Finanzierung hat es aber noch nicht.

Immerhin wurde am Sonntag die Strecke Berlin–Hamburg nach mehrmonatigen Generalsanierung wieder für den Verkehr freigeben, was die Reisezeit spürbar verkürzt.

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