Meinung
Israel: Ein Chancen-Land in der Gewaltfalle
Was würde David Ben Gurion über das Israel des Jahres 2023 sagen? Der 1973 gestorbene Staatsgründer wäre erleichtert. Dass der 1948 von ihm ausgerufene jüdische Staat auch 50 Jahre nach seinem Tod Bestand hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Von Anfang an ist Israel von Todfeinden umgeben gewesen. Es ist seit dem 14. Mai 1948 ein schmaler Streifen Land am östlichen Mittelmeerrand. Zunächst gab es nur 800.000 Einwohner. Nun sind es über neun Millionen Staatsbürger. Ein Fünftel davon sind Nichtjuden, 95 Prozent davon israelische Palästinenser. Neun Millionen Einwohner – das ist mehr als in Österreich.
Wirtschaftlich ist Israel mit einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als 50.000 Euro pro Bürger doppelt so erfolgreich wie Ölkrösus Saudi-Arabien. Israel ist eine Hightech-Nation und erschließt selber nun auch Gasfelder. Und: Es verfügt über das beste Militär im ganzen Nahen Osten. 1952 war Ben Gurion noch schmerzlich auf das Geld aus dem Luxemburger Vertrag mit der Bundesrepublik unter Kanzler Konrad Adenauer angewiesen – auch, um Waffen zu kaufen. Heute blickt die Bundeswehr geradezu neidvoll auf Israels Streitkräfte.
Terror von Norden und von Süden
Nie wieder Opfer werden – diese Lehre aus dem Holocaust ist die Motivation für Israels Wehrhaftigkeit. Feinde hat es viele. Da ist nicht zuletzt der Terror der Hamas im Gazastreifen, gegen die es seit 2008 vier größere Waffengänge gab. Da sind vor allem der Iran und die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah, die Israel auslöschen wollen. Dank Israels Stärke sind seine Feinde aber vorsichtig. Seit dem Libanonkrieg 2006 gab es keine vergleichbare Eskalation mehr mit einem Nachbarstaat.
Ben Gurion erlebte noch, wie sich Israels Staatsgebiet 1967 im Sechs-Tage-Krieg verdreifachte. Der Sieg über die Araber gab seinem Land Territorium, das es 1979 für einen Frieden, wenn auch eine kalten, mit Ägypten eintauschen konnte. Israel gewann 1967 auch die Kontrolle über Jerusalems Osten und das Westjordanland. Dort kam es zwei Mal zu mehrjährigen Aufständen der Palästinenser mit Tausenden Toten. Ben Gurion, der als Zionist für einen jüdischen Staat ohne Araber eintrat, äußerte zurecht die Befürchtung, der Sieg von 1967 würde sich am Ende als Fluch entpuppen.
„Oslo“ ist gescheitert
Ein Friedensschluss mit den Palästinensern, wie er 1994 mit Jordanien und 2020 mit den Emiraten und Bahrain gelang, schien in den 90er-Jahren möglich. Aber der Staat Palästina, den die Oslo-Verträge mit der PLO vorsahen, scheitert eben am Terror, der wegen der Besatzung immer neue Rekruten findet. Er scheitert letztlich am Herrschaftsanspruch des rechten Spektrums in Israel, das die politische Mehrheit darstellt. Sie besteht aus Konservativen, Rechtspopulisten und National-Religiösen. Mittlerweile leben 800.000 Siedler auf Gebiet, das eigentlich Palästina sein sollte.
Gleichwohl: Israels demokratische und rechtsstaatliche Reflexe sind stark. Hunderttausende demonstrieren seit Monaten gegen die Justizreform, die die Gewaltenteilung gefährdet. Und die Rechte ist zerstritten: Benjamin Netanjahus Koalition kann jederzeit platzen. Israel ist zu wünschen, dass es wieder eine Regierung hat, die rechte und linke Kräfte vereint. Erst dann wäre auch an einen neuen Anlauf zur Zwei-Staaten-Lösung zu denken.
Bis auf Weiteres leben Fortschritt und Reaktion nebeneinander. Zäune und Mauern umgrenzen das Land und durchschneiden es. Trotzdem: Israel steckt auch voller Optimismus und ansteckender Lebensfreude. So verstörend die aktuelle Gewaltexplosion ist – der Nahe Osten braucht dieses Israel. Seine Wirtschaft könnte der Motor für die ganze Region sein. Denn von Kairo bis Bagdad ist die Mehrheit unter 30 Jahre. Diese junge Generation braucht Arbeitsplätze und bezahlbaren Wohnraum. Ben Gurions bester Spruch bleibt Programm: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“