Glosse
In Moskau angeklagter Karnevalswagenbauer Tilly: Scherzkeks als Reizfigur
In einem offiziellen Schreiben protestiert die rechtspopulistische ECR-Fraktion gegen die Ausstellung des Düsseldorfer Motivwagenbauers in den Räumen des Spinelli-Gebäudes in Brüssel. Man respektiere die deutsche Karnevalstraditionen, heißt es darin, aber diese Darstellungen seinen schlicht unanständig. Jacques Tilly nimmt es gelassen, der Mann ist Ärger gewöhnt.
Auf großformatigen Bildern sind im Europaparlament in diesen Tagen rund 50 von Tilly gestaltete Motivwagen aus den vergangenen Jahrzehnten zu sehen. Besonderes Interesse erregen einige kleine Skulpturen aus Pappmaché. Deutlich wird: Jacques Tilly trifft einen Nerv. Es scheint unmöglich, nicht auf seine überzogenen, entlarvenden und oft auch drastischen Darstellungen zu reagieren. Immer wieder bleiben Leute stehen. Die meisten machen lachend Fotos mit ihren Smartphones, angesichts der bisweilen sexuell sehr expliziten Darstellungen wird getuschelt, manche schütteln ablehnend den Kopf. Zwei jungen Polen scheint die etwas ruppige Darstellung von Jaroslaw Kaczynski, der grauen Eminenz der polnischen Politik, gar nicht zu gefallen.
Strack-Zimmermann erklärter Tilly-Fan
Die Düsseldorfer EU-Abgeordneten Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist ein erklärter Fan von Jacques Tilly. Auch die FDP-Politikerin liebt es, mit ihrer kantigen Art die Mitmenschen zu reizen. Sie hat dafür gesorgt, dass die Ausstellung in Brüssel gezeigt wird und die empörten Reaktionen sehr wohl einkalkuliert. „Wenn Putins antidemokratische rechte wie linke Jünger in Europa Mehrheiten bekommen, sind Kunst, Kultur und Satire das Erste, was stirbt“, betont Strack-Zimmermann. Sie spielt damit auf einen Strafprozess an, der Jacques Tilly in Moskau wegen Beleidigung und Verunglimpfung gemacht wird. Dem Kreml missfiel eine überaus explizite Darstellung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill und des Präsidenten Wladimir Putin beim Oralverkehr. Darunter die Botschaft: „Liebesgrüße aus Russland“.
„Dass ich in Moskau vor Gericht gezerrt werde, das hat schon eine ganz neue Qualität“, räumt Jacques Tilly am Rande der Ausstellungseröffnung in Brüssel ein. Allerdings weiß der 62-Jährige auch sehr genau, dass er mit seinen satirischen Darstellungen aneckt. Er sehe sich gar nicht als Künstler, „sondern eher als Karnevals-Scherzkeks“.