Interview
Hitschler: Fritz Walter ist ein Vorbild für mich!
Herr Hitschler, Sie haben vor dem Interview gesagt, Sie möchten nach Ihrer Zeit als Berufspolitiker nicht über tagespolitische Themen sprechen. Warum?
Ich bin nicht mehr im Amt und auch kein Abgeordneter mehr. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mich nicht von außen in das politische Tagesgeschäft einzumischen. Wer Verantwortung trägt, verdient dafür Respekt – auch von denen, die nicht mehr dabei sind. Wenn ich weiterhin öffentlich mitreden wollte, wäre ich in der aktiven Politik geblieben.
Gut, dann lassen Sie uns ein wenig zurückblicken. Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine. Wie blieb Ihnen dieser Tag in Erinnerung?
Dieser Tag hat sich tief eingebrannt. Ich war gerade zum Antrittsbesuch bei der Nato in Brüssel, als in der Nacht mein Handy klingelte: Russland hat die Ukraine überfallen. Ich hatte mit Chaos gerechnet, doch was ich im Nato-Hauptquartier erlebte, war Professionalität pur. Jeder wusste, was zu tun ist. Abends ging es zurück nach Berlin – mit dem Wissen, dass sich alles verändern würde.
War Ihnen an diesem Tag bewusst, dass sich gerade eine „Zeitenwende“ vollzieht, wie es später Bundeskanzler Olaf Scholz formulierte?
Spätestens als ich mit Nato-Offizieren vor Karten stand und den russischen Vormarsch verfolgte, war mir klar: Das ist ein historischer Bruch. Olaf Scholz hat mit seiner „Zeitenwende“-Rede genau das auf den Punkt gebracht, was viele dachten. Ich habe den Begriff später bei vielen Konferenzen auf Englisch erklärt, und er wurde sofort verstanden. Die Welt wusste: Europa ist in einer neuen sicherheitspolitischen Realität angekommen.
Was hat Sie ursprünglich in die Politik gezogen, und gab es einen bestimmten Moment, der für Ihren Einstieg entscheidend war?
Politik war nie ein Karriereziel, ich wollte einfach Verantwortung übernehmen. Das fing als Klassensprecher an und setzte sich in der Kommunalpolitik fort. Wer überlegt, in die Politik zu gehen, dem empfehle ich genau diesen Weg. Kommunalpolitik ist die Herzkammer unserer Demokratie – nah an den Menschen, mit unmittelbarer Wirkung.
Gab es in Ihrer Laufbahn eine Führungspersönlichkeit – ob politisch oder außerhalb der Politik –, die Sie besonders geprägt oder inspiriert hat?
Ich hatte das große Glück, von beeindruckenden Persönlichkeiten zu lernen, von Kurt Beck, Theresia Riedmaier, Alexander Schweitzer, Hans-Dieter Schlimmer, um nur einige zu nennen. Im Ministerium durfte ich einen Raum benennen – ich wählte „Fritz Walter“. Für mich nicht nur eine Fußballlegende, sondern ein Vorbild für Führungsstärke mit Menschlichkeit, Disziplin und Bodenhaftung.
Wie haben Sie den Spagat zwischen politischem Beruf und Privatleben erlebt – und was hat das mit Ihnen als Mensch gemacht?
Ich habe den Spagat nicht geschafft. Deshalb mache ich jetzt bewusst eine Pause. Es war ein Privileg, meinem Land zu dienen, aber das ließ sich auf Dauer nicht mit dem Wunsch vereinbaren, ein präsenter Vater und Ehemann zu sein. Ich sage das ganz ohne Bitterkeit. Ich durfte selbst entscheiden, und habe mich für meine Familie entschieden.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die heute mit dem Gedanken spielen, in die Politik zu gehen?
Geh’ in die Politik, wenn Du Menschen magst, leidenschaftlich bist und bereit bist, viel Zeit und Energie zu investieren! Redetalent oder Verhandlungsgeschick helfen, entscheidend ist aber: Nähe zu den Menschen, Ausdauer und der Wille, Verantwortung zu tragen.
Gibt es eine Lehre oder Einsicht aus Ihrer Zeit in der Politik, die Sie als besonders wertvoll empfinden?
Kurt Beck hat mir gleich zu Beginn gesagt: „Weniger Pressemitteilungen – mehr Bürgersprechstunden.“ Das habe ich mir zu Herzen genommen. Wer Probleme der Menschen direkt und nachhaltig löst, macht wirkungsvollere Politik als jemand, der nur Schlagzeilen produziert. Dieser Grundsatz hat mich immer begleitet.
Wer Sie kennt, weiß, dass Nichtstun für Sie keine Option ist. Welche berufliche Herausforderung wollen Sie jetzt annehmen?
Ich bin gerade als Präsident der Arbeiterwohlfahrt Pfalz bestätigt worden – ein Ehrenamt, das mir sehr am Herzen liegt. Und ich bin stolzer Familienvater. Von Nichtstun kann also keine Rede sein. Beruflich bin ich laut Gesetz in einer Abkühlphase. Was danach kommt? Schauen wir mal. Ideen gibt es genug.
Wie empfinden Sie es, dass Sie auf dem Hambacher Schoss auf höchst ehrenvolle Weise verabschiedet werden?
Ich empfinde tiefe Dankbarkeit. Zum einen dafür, dass ich in einer so herausfordernden Zeit Verantwortung für unser Land übernehmen durfte. Zum anderen erfüllt es mich mit großer Demut, an einem so geschichtsträchtigen Ort verabschiedet zu werden. Das ist eine Ehre, die mich bewegt – und die ich nicht vergessen werde.
Zur Person
Der gebürtige Landauer Thomas Hitschler (43) war von Dezember 2021 bis Mai 2025 parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium der Verteidigung. Der studierte Politikwissenschaftler lebt mit seiner Familie in Hainfeld. In der Kommunalpolitik begann seine Karriere, die ihn über seine Mitgliedschaft im Verbandsgemeinderat und im Kreistag recht schnell in den Bundestag führte. Zwölf Jahre war er dessen Mitglied. Bei der Bundestagswahl 2021 gewann Hitschler als erster SPD-Kandidat das Direktmandat im Wahlkreis Südpfalz. Ende 2023 kündigte er an, nicht erneut kandidieren zu wollen.