Meinung
Heißer Tanz um Tiktok
Das war kein angenehmer Auftritt für Shou Chew. Der Chef von Tiktok war zu einer Anhörung vor das US-Repräsentantenhaus geladen, und die Abgeordneten gaben sich äußerst feindselig. Sie befürchten, dass die amerikanischen Nutzer der Plattform dem Einfluss Pekings ausgeliefert sind. Ein völliges Verbot steht seit einiger Zeit im Raum. Erstaunlich, wie viel Argwohn einer App entgegenschlägt, die anfangs mit lustigen Tanzvideos von sich reden machte. Warum ist das so?
Eine Erklärung liegt im phänomenalen Erfolg von Tiktok. Innerhalb kurzer Zeit wurde der westliche Ableger des chinesischen Angebots Douyin zu einem der beliebtesten Internetdienste insbesondere für junge Menschen. Der App gelingt es offenkundig, ihre weltweit mehr als eine Milliarde Nutzer bestens zu unterhalten und zunehmend auch zu informieren. Menschen am Bildschirm fesseln – das war bislang die Domäne der großen US-Internetkonzerne wie Meta (Facebook und Instagram) oder Google (Youtube).
Keine stichhaltigen Beweise
Die Wirtschaftsmacht USA wird also herausgefordert durch Konkurrenz aus China, was die geopolitische Rivalität zwischen Washington und Peking verschärft. Tiktok wird zwar laut Geschäftsführer Shou aus den USA und Singapur geleitet, die Mutterfirma Bytedance stehe als privates Unternehmen nicht unter staatlicher Kontrolle. Diese Fakten können die Zweifel an der Integrität der App allerdings nicht zerstreuen.
Dabei gibt es keine stichhaltigen Beweise, dass Tiktok seine Nutzer tatsächlich ausspioniert. Andererseits lässt sich nicht ausschließen, dass sich das chinesische Regime Zugriff auf Daten verschaffen kann. Doch gilt das im Fall von US-Internetdiensten für dortige Sicherheitsbehörden ebenso.
Generell sollte jedem bewusst sein: Wer soziale Medien nutzt, gibt ein Stück seiner Privatsphäre preis. Alle sammeln viele persönliche Informationen. Datenschutz darf daher nicht nur ein Thema sein, wenn er unliebsame Mitbewerber in Schach halten soll.
Die Wurzel allen digitalen Übels?
Auch die mögliche Beeinflussung der Nutzer durch online verbreitete Botschaften ist eine Sorge, die vorgetragen wird. Gerade China mit seinem Propaganda- und Zensurapparat weckt verständlicherweise besonderes Misstrauen. Das ist aber kein exklusives Problem von Tiktok. Man erinnere sich nur an die große Debatte um russische Stimmungsmache in den sozialen Netzwerken während des US-Wahlkampfs 2016.
Das führt zum nächsten Thema: den Umgang mit fragwürdigen Inhalten. Die sogenannte Moderation – die Kontrolle der Einträge in den sozialen Medien sowie gegebenenfalls das Löschen – ist noch auf keiner der großen Plattformen befriedigend gelöst, siehe beispielsweise die kaum beherrschbare Flut von Hasskommentaren. Hier sind weitere Anstrengungen aller Beteiligten notwendig, unter anderem der Gesetzgeber.
Dass nun ausgerechnet Tiktok die Wurzeln allen digitalen Übels sein soll, wie US-Politiker suggerieren, leuchtet nicht ein. Ein Verbot wäre eine überzogene Reaktion. Wenn wiederum Regierungsmitarbeiter in immer mehr Ländern dazu aufgefordert werden, die App auf Dienstgeräten zu löschen, dann ist das eine nachvollziehbare und simple Sicherheitsmaßnahme. Wollte sich aber der normale Nutzer vor Schnüffeleien von wem auch immer schützen, dürfte er sein Smartphone gar nicht mehr zur Hand nehmen.
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