Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Wie gefährlich ist Tiktok?

Unter Beobachtung: Stand von Tiktok auf der Computerspielemesse Gamescom.
Unter Beobachtung: Stand von Tiktok auf der Computerspielemesse Gamescom.

Donald Trump wollte als US-Präsident die populäre Videoplattform Tiktok aus China gleich ganz verbieten. Die USA, Kanada und die EU-Kommission haben die Anwendung zumindest von Regierungsgeräten verbannt. Welche Sorgen die Politiker umtreiben.

Was ist Tiktok überhaupt?
Tiktok ist derzeit eines der beliebtesten sozialen Netzwerke. Längst nutzen nicht mehr nur Jugendliche die App (offiziell ab 13 Jahren freigegeben) zur Unterhaltung und Information. Angefangen hat alles mit kurzen Videoclips, in denen Menschen ihre Lippen möglichst synchron zu bekannten Liedern bewegten und tanzten – Musically hieß die Anwendung. Ende 2017 wurde sie vom chinesischen Unternehmen Bytedance gekauft und 2018 mit dem ein Jahr zuvor gestarteten Tiktok verschmolzen. Daraus entwickelte sich ein rasant wachsender Internetdienst, mehr als eine Milliarde Menschen weltweit nutzen ihn inzwischen jeden Monat (in Deutschland etwa 20 Millionen).

Warum stellen lustige Tanzvideos ein Problem dar?
Das Angebot auf Tiktok ist viel breiter geworden. Die Nutzer können durch einen schier endlosen Strom von hochgeladenen Videos wischen: mit Musik unterlegte, selbst hergestellte Clips genauso wie Comedy, Ausschnitte aus TV-Sendungen, Tipps und Tricks, Vorträge oder Nachrichten. Präsentiert werden die Inhalte anhand der individuellen Vorlieben des jeweiligen Nutzers. Ein erstaunlich gut funktionierendes Empfehlungssystem berücksichtigt dabei das bisherige Verhalten auf Tiktok. Um das zu können, muss die App – wie viele anderen sozialen Netzwerke auch – einiges an Nutzerdaten speichern. Und weil die Plattform im chinesischen Besitz ist, wird das kritisch gesehen.

Wer steckt hinter der Plattform?
Tiktok und das chinesische Pendant Douyin gehören zu Bytedance, einem 2012 gegründeten privaten Internet-Technologieunternehmen aus Peking. Es ist eines der wertvollsten Start-ups der Welt. Für 2021 wurde der Umsatz mit 61,7 Milliarden Dollar angegeben.

Wie gehen Regierungen jetzt gegen Tiktok vor?
Schon 2020 wollte der damalige US-Präsident Donald Trump Tiktok verbieten, sollte Bytedance nicht einen US-amerikanischen Käufer dafür finden. Trump sah in der Video-App eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Ein Verkauf kam zwar nicht zustande, das Verbot trat aber auch nie in Kraft. Joe Biden nahm die Drohung eines Banns zurück, ordnete gleichzeitig eine Untersuchung an. Der Verdacht: Der chinesische Staat, speziell das Militär und Geheimdienste, könnten auf Nutzerdaten zugreifen. Genährt wurden die Sorgen 2022 durch Enthüllungen, wonach Tiktok-Mitarbeiter durchaus Bürger außerhalb Chinas ausspionieren könnten. Befürchtet wird daneben, dass über die Falschinformationen verbreitet und Inhalte im Sinne Pekings gefiltert werden könnten.

Am Dienstag hat nun das Weiße Haus angeordnet, dass die Anwendung aus Sicherheitsgründen binnen 30 Tagen von allen Dienstgeräten der US-Bundesbehörden gelöscht werden muss. In einzelnen Bundesstaaten gilt das schon länger. Auch ein komplettes Verbot ist wieder im Gespräch. Kanada verbannte Tiktok ebenfalls mit sofortiger Wirkung von Regierungssmartphones. Die EU-Kommission tat das bereits vorige Woche. Obwohl es keine konkreten Vorwürfe gibt, warnte der Datenschutzbeauftragte der kanadischen Regierung: „Tiktoks Methoden zur Datensammlung bieten in erheblichem Ausmaß Zugang zu den Inhalten der Telefone.“

Welche Reaktionen gibt es auf die Verbote?
Tiktoks Mutterfirma Bytedance äußerte sich zunächst nicht. Das chinesische Außenministerium verurteilte das Verbot in einer Erklärung: „Wir wenden uns entschieden gegen die falsche Praxis der Vereinigten Staaten, den Begriff der nationalen Sicherheit zu verallgemeinern, staatliche Macht zu missbrauchen und Firmen aus anderen Ländern unangemessen zu unterdrücken.“ Generell weist Bytedance die Befürchtungen eines unkontrollierten Datenabflusses zurück. Tiktok speichere die globalen Daten der Nutzer in Singapur und den USA – also außerhalb chinesischen Einflusses. Für Europa entsteht zudem ein Datenzentrum in Irland. Alle personenbezogenen Informationen würden „durch eine Reihe von erprobten physischen und logischen Sicherheitskontrollen geschützt“.

Wie ist die Situation in Deutschland?
Bei der deutschen Bundesregierung ist Tiktok auf Diensthandys laut dpa weder installiert noch kann es heruntergeladen werden. Der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Ulrich Kelber, prüft seit einiger Zeit unter anderem die Video-App. Bereits vor anderthalb Jahren warnte er in einem Schreiben an alle Bundesministerien und obersten Bundesbehörden vor datenschutzrechtlichen Defiziten und empfahl, die App „einstweilen nicht auf dienstlichen Geräten einzusetzen“. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik äußerte sich jüngst gegenüber „Heise-online“ folgendermaßen: „Grundsätzlich ist bekannt, dass zahlreiche Apps Daten an die jeweiligen Hersteller wie auch an Dritte übermitteln.“ Ein Missbrauch dieser Daten, etwa von Bewegungsdaten, sei aus technischer Sicht nicht auszuschließen. Dies sollte beim Einsatz entsprechender Apps prinzipiell berücksichtigt und entsprechend des Einsatzzweckes abgewogen werden.

Was bedeutet das für Privatleute?
Keines der aktuellen Verbote betrifft private Nutzer. Wie bei jeder Social-Media-Anwendung muss man sich aber der Risiken für die Privatsphäre bewusst sein. Viele persönliche Daten werden gesammelt: etwa das Alter, die Telefonnummer, was man auf einer Plattform tut, mit welcher Internetadresse und welchem Gerät man sie nutzt, dazu unter Umständen der genaue Standort oder Kontakte aus dem Adressbuch. Teils werden Informationen über einzelne Anwendungen hinweg erfasst. Diese sogenannte Profilbildung ist im Detail schwer nachzuvollziehen. Sie dient den Unternehmen unter anderem dazu, gezielt Werbung anzuzeigen – und somit Geld zu verdienen.

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