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Jürgen Habermas
Jürgen Habermas

Jürgen Habermas hat bundesrepublikanische Geschichte geschrieben. Zum Schluss aber verstand er – wie wir? – die Welt nicht mehr.

Jürgen Habermas ist tot. Er wurde 96. Ein auratischer deutscher Jahrhundertphilosoph. Trauer plus Phantomschmerz, die Bonner Republik, die in der Rückschau wie ein politisches Bullerbü erscheint: endgültig verweht. Kaum jemand sonst hat sich vergleichbar in die Nachkriegsgeschichte eingeschrieben. Ach was, Habermas war maßgeblich für das magische bundesrepublikanische Denken.

Als Philosoph fast schon ernüchternd nüchtern, als Intellektueller reizbar. Beide Sphären hielt er strikt getrennt. „Ein Monstrum“, meinte Habermas einmal selbst über sein „Wir müssen reden“-Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“, in dem er beschrieb, wie sich ein demokratisches Gemeinwesen in bestbegründeten Diskursen entfaltet. Wenn er sich dagegen in öffentliche Debatten einmischte, agierte er mit dem Furor seines – wie sein Kollege Odo Marquard es nannte – „Verfeindungszwangs“.

Der Urtypus des entspannten Professors amerikanischer Prägung: Habermas wollte eigentlich Journalist werden. Er habe jeden einzelnen seiner Zeitungsartikel aus Zorn geschrieben, gab er später zu. Sein Debattenfuror aber hat ihm alles andere als geschadet.

Angefangen mit der 1953 in der „FAZ“ erschienenen Idolzerlegung „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“, in der er dem durch seine Nazi-Nähe diskreditierten Seinsphilosophen Unbelehrbarkeit vorwarf – ein Gründungstext der vorväterkritischen Studentenbewegung, wenn man so will. Später warf der zur Beiläufigkeit Unfähige, deren gewaltbereitem Teil „Linksfaschismus“ vor; ein Wort, das er bereute. Die späten 1980er-Jahre müssen ihm, dem Diskurspapst, wie eine konkrete Utopie erschienen sein.

„Verfassungspatriotismus“: den von der FDP-Ikone Dolf Sternberger geprägten Begriff popularisierte Habermas damals zum Allgemeinwissen. Durch den „ungeheuerlichen Kontinuitätsbruch“ des Holocaust, schrieb er, hätten die Deutschen „die Möglichkeit eingebüßt, ihre politische Identität auf etwas anderes zu gründen als auf universalistische staatsbürgerliche Prinzipien“. Den Historikerstreit mit dem Historiker Ernst Nolte entschied Habermas – für uns – klar für sich.

Nolte hatte damals relativierend behauptet, die nationalsozialistische Judenvernichtung sei die Nachahmung einer „asiatischen Tat“. Inzwischen firmiert die NS-Zeit im AfD-Sprech als „Vogelschiss in der Geschichte“. Fatal – es scheint, als stoße die habermassche Konsensgesellschaft mit der Systemsprenger-Partei an ihre Grenzen.

Weit entfernt ist seine Utopie der „idealen Sprechsituation“, in der sich zwischen Wohlmeinenden zwanglos das beste Argument durchsetzt. Der vom USA-Liebhaber beschriebene „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hat Instagram, X und Trump hervorgebracht.

Sein „Plädoyer für Verhandlungen“ im Ukrainekrieg führte zu empörten Reaktionen. Europa zerfällt, der Westen strauchelt. Antisemitismus grassiert. Deals und Krieg erodieren die Wirkmacht kommunikativen Handelns. Zum Schluss verstand Habermas die Welt nicht mehr. All das, was sein Leben ausgemacht habe, gehe gegenwärtig Schritt für Schritt verloren, sagte er seinem Biografen Philipp Felsch. Es ist bestürzend. Habermas ist tot. Und was soll jetzt aus uns werden?

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