Frankreich
Gleichberechtigung – häufig nur auf dem Papier
Frankreich staunt über die „grüne Welle“. Bei den Kommunalwahlen hat die Partei Europe Écologie – Les Verts (EELV) spektakuläre Erfolge erzielt. Eine andere Überraschung bleibt weitgehend unbeachtet: Fünf der zehn größten Städte in Frankreich werden in Zukunft von Frauen regiert.
Offensichtlich wird, dass Frauen inzwischen auch in der Politik Karriere machen können, obwohl manche Männer versuchen, das zu verhindern – was sie natürlich nie zugeben würden. Hoffnung versprach zuletzt das Auftauchen der von Emmanuel Macron gegründeten Bewegung „La République en Marche“. Im Frühjahr 2017 wurden bei der Aufstellung der Kandidaten Frauen und Männer gleichermaßen berücksichtigt. Die direkte Folge: Der Frauenanteil in der Nationalversammlung stieg nach der Wahl im Juni 2017 und wegen des großen Erfolgs der Präsidenten-Partei von 155 auf 224 (38,5 Prozent).
Das neue Kabinett als „gewaltige Ohrfeige“
Als bei „La République en Marche“ aber die wichtigen Posten verteilt wurden, gingen die Frauen leer aus. Im Präsidentenpalast umgibt sich Macron mit einer Handvoll enger männlicher Berater. Wichtige Ministerämter wie Inneres, Äußeres, Wirtschaft und Finanzen wurden mit Männern besetzt. Auch bei der aktuellen Umbildung der Regierung gingen die zentralen Posten nicht an Frauen. Das Kabinett sei sogar eine „gewaltige Ohrfeige“ für all jene, die gegen sexuelle Gewalt kämpften, findet Frankreichs ehemalige Gleichstellungsministerin Laurence Rossignol.
Im Fokus der Kritikerinnen stehen zwei Männer: Innenminister Gérald Darmanin und Justizminister Éric Dupond-Moretti. Gegen ersteren wird wegen Vergewaltigungsvorwürfen ermittelt, letzterer ist in der Vergangenheit nicht unbedingt als Feminist aufgefallen. Im Gegenteil – er gilt in Frankreich als Vertreter der Anti-#MeToo-Fraktion.
Schwarze Schafe in der Nationalversammlung
Aber auch in der Nationalversammlung finden sich genügend schwarze Schafe. Wie die Grundstimmung in Sachen Emanzipation bei manchen Abgeordneten ist, zeigen oft scheinbar nebensächliche Begebenheiten. Da wird die Kleiderwahl einer Frau herablassend kommentiert, oder während des Redebeitrages einer Parlamentarierin imitiert ein Kollege im Hintergrund das Meckern einer Ziege. Die erfolgreiche Geschäftsfrau und Abgeordnete Yaël Braun-Pivet musste sich nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden des Rechtsausschusses die Frage gefallen lassen, ob sie angesichts ihrer fünf Kinder der Aufgabe überhaupt gewachsen sei.
Dabei ist die Politik kein Feld, in dem sich besonders konservative Charaktere tummeln. Innerhalb der vergangenen 40 Jahre haben sich die Französinnen ihr Recht erstritten, über ihren Körper, ihr Bankkonto, ihr Eheleben und ihre Berufswahl selber zu bestimmen. Die entscheidenden Gesetze über die berufliche Gleichstellung stammen aus dem Jahre 1982. Auf dem Papier ist die Emanzipation also geglückt, doch scheint sie in den Köpfen zu vieler Franzosen noch nicht angekommen.