Berlin
Gewalttaten werden sehr oft nicht angezeigt
Das Ausmaß der Gewalt in Familie, Partnerschaft und im öffentlichen Raum ist riesig. Das zeigt eine wissenschaftliche Studie, für die 15.000 Menschen befragt wurden und die die Bundesregierung am Dienstag vorgelegt hat. Es handelt sich um die erste Studie dieser Art seit mehr als 20 Jahren. Demnach hat jeder Sechste in Deutschland schon einmal körperliche Gewalt durch den Partner erfahren, fast jeder Zweite psychische.
Die Hälfte der Befragten hat in der Kindheit Gewalt durch die Eltern erlebt, und ebenfalls die Hälfte der Bevölkerung wurde Opfer sexueller Belästigung – Frauen sind, kaum überraschend, grundsätzlich häufiger und schwerer betroffen.
Aus der Studie geht auch hervor, dass gerade einmal fünf Prozent der Fälle angezeigt werden, Der Großteil erscheint also nicht in der offiziellen Kriminalstatistik und bleibt im sogenannten Dunkelfeld.
„Wir halten die Taschenlampe ins Dunkel“, sagte Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU), die versuchte, Erklärungen zu finden, warum das Dunkelfeld so immens ist. „Vor allem Frauen fürchten oft Folgen für sich, ihre Kinder, ihre Existenz. Oft gibt es auch ökonomische Abhängigkeiten oder man will sich nicht eingestehen, dass ein Lebensentwurf gescheitert ist“, sagte sie. Prien verwies auf das vor einem Jahr in Kraft getretene Gewalthilfegesetz, das betroffenen Frauen ein Hilfsnetz bieten, den Zugang zu Schutz und Beratung gewähren soll. Außerdem seien für Ausbau und Sanierung der Frauenhäuser 150 Millionen Euro eingeplant.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte ein schärferes Vorgehen gegen die Täter an. Wer etwa anderen K.-o.-Tropfen verabreiche, soll, so sieht es ein Gesetzentwurf vor, künftig härter bestraft. Jeder 20. Mensch – vor allem zwischen 16 und 24 – sei bereits Opfer geworden. „Das ist widerwärtig, weil es oft mit sexuellem Missbrauch einhergeht“, sagte der Minister. Der Einsatz dieser Mittel soll künftig wie der von Waffen geahndet werden.
Auch die Hilfen für Betroffene sollen ausgebaut werden, betonte der Innenminister. „Denn wir wollen, dass mehr Gewalttaten zur Anzeige gebracht werden.“ Es gebe bereits eine sogenannte Tarn-App, mit der Gewalttaten dokumentiert werden könnten – die Daten der App könnten später auch vor Gericht verwendet werden, erklärte Dobrindt. „Vorfälle können damit unveränderlich gespeichert werden. Und: Diese App ist für andere, also etwa den Partner, auf dem Handy nicht auffindbar, sie ist in anderen Anwendungen versteckt.“