Leitartikel
Geldmaschine Museum
Museen sind Wunderorte, die nach Papier riechen, nach Lack, nach Ölgemälden, Leder. Nach alten und neuen Ideen. Es sind Gedächtnismaschinen, die die Zukunft antreiben. Letzte Residuen eines prekär gewordenen Gemeinschaftsgefühls. Die Deutschen, zeigt eine Studie, vertrauen ihnen – mehr als allen und allem anderen. Parteien? Schlägt fatales Misstrauen entgegen. Social Media? Nach der Anfangseuphorie, inzwischen: ganz große Skepsis. Die Kirchen? Ungefähr so vertrauenswürdig wie ein Verschwörungspost auf X, der Plattform, die dem irrlichternden Grenzgänger Elon Musk gehört. Die Museen dagegen, zu deren Kernkompetenz das Bewahren zählt, erscheinen selbst Menschen, die nie hingehen, als unbestreitbare Instanz – gleichrangig mit der Müllabfuhr übrigens.
Die einen bewahren, die anderen sammeln das Weggeworfene auf, es ist eine aparte Symmetrie, die sich in den Umfragewerten abzeichnet. Jetzt entsorgt eine Studie des Instituts für Museumsforschung und einer Unternehmensberatung auch noch ein für die Museen legimitationskritisches Uraltklischee. Dass die Ausstellungshäuser vor allem Geld kosten jedenfalls, hält dem Realitätscheck der Zahlen nicht stand.
In Deutschland gibt es 7000 Museen, in Rheinland-Pfalz 474, neben Flagship-Institutionen wie dem Historischen Museum in Speyer vor allem sehr kleine und kleinere Häuser wie das Jüdische Museum in Steinbach am Glan. Oder das Deutsche Schuhmuseum in Hauenstein, wo Promitreter wie die von Thomas Gottschalk ausgestellt sind und in den ehemaligen Fabrikhallen ausrangierte Flachsteppmaschinen mit Fußantrieb rattern und pneumatische Schuhklebepressen laufen.
Bisher galten Institutionen wie diese als „weiche Standortfaktoren“. Ganz im Sinn des US-Stadtforschers und Wirtschaftsgeografen Richard Florida. Jetzt weiß man: Museen generieren richtig viel Geld, alle zusammengenommen in Deutschland 9,4 Milliarden Euro Wertschöpfung im Untersuchungszeitraum 2023.
Als magnetische Orte für die „kreative Klasse“, die sich wählerisch ansiedelt und dann die Stadtentwicklung triggert, beschrieb Florida das Phänomen. Sprichwörtlich – und totzitiert – ist der „Bilbao-Effekt“ geworden, der sich im Windschatten des spektakelnden Guggenheim-Museums von Frank O. Gehry ergeben hat. Derweil argumentiert die zitierte Studie mit Einkommens-, Kaufkraft- und Fiskaleffekten, mit Volkswirtschaftssprech. Und wenn wir das richtig verstanden haben, fließt Geld. Und mehr Geld fließt zurück.
Für jeden in Museen investierten Euro 1,70 Euro, genauer, touristischer Effekte eingedenk, 2,40 Euro. Denn Museumsbesucher gehen essen, fahren Bahn, schlafen in Hotels, 160 Millionen waren es 2023. Fast 180.000 kommen so zu den 106.000 Menschen hinzu, die in Museen arbeiten und Steuern zahlen. Direktoren, Kuratorinnen, Aufsichtspersonal, Hausmeisterinnen, Künstler, die im Brotberuf Ausstellungen aufbauen. Mit den Abgaben und Steuern, die daraus entstehen, 5,7 Milliarden Euro summa summarum – über eine Milliarde mehr, als der Profifußball hergibt – haben sich die Investitionen zu 100 Prozent amortisiert. Zuzüglich kommen kulturelles Kapital und – siehe oben – gesellschaftspolitische Renditen.
Vor Kunsthallen muss keine Polizei aufmarschieren, um Dalì- und Picasso-Fans vor dem Einlass voneinander zu trennen. Und nicht wundern, wenn die Museen demnächst – als Abwehrzauber gegen anrückende Sparkommissare – die Studie zum ökonomischen Fußabdruck aushängen.