Migration RHEINPFALZ Plus Artikel Fast täglich Leichen an Italiens Stränden

Tropea in Süditalien liegt auf einer Felsenklippe direkt am Meer. Die Schlagzeilen dort bestimmt gerade das Drama um Bootsflücht
Tropea in Süditalien liegt auf einer Felsenklippe direkt am Meer. Die Schlagzeilen dort bestimmt gerade das Drama um Bootsflüchtlinge.

Die Anzahl der ertrunkenen Bootsflüchtlinge im Mittelmeer hat sich vervierfacht – jetzt werden an den Stränden Süditaliens fast täglich Leichen angespült.

Am 17. Januar hatten die Schüler des Gymnasiums von Tropea vom Fenster ihres Schulzimmers aus den Körper eines Mannes am Strand gesehen und Alarm geschlagen. Ihr Schulhaus, ein umgebautes Kloster, befindet sich auf dem Felsvorsprung, auf dem der beliebte kalabrische Badeort thront. Es bietet einen atemberaubenden Blick auf das tyrrhenische Meer, den langen, weiten Strand und auf die Vulkaninsel Stromboli, die vor der Küste liegt. Bei dem Toten am Strand handelte es sich um einen bisher nicht identifizierten mutmaßlichen Migranten, der seine Überfahrt nach Europa mit dem Leben bezahlt hat. Viele Schülerinnen und Schüler seien von dem Anblick verstört gewesen, sagte die Direktorin des Gymnasiums der Zeitung „La Repubblica“.

Weitere Tote befürchtet

Der Tote von Tropea ist nicht der einzige, der in den vergangenen Tagen an die Strände Süditaliens gespült wurde. Die Liste der Fundorte liest sich wie ein Tourismus-Prospekt der schönsten Badeorte des Mezzogiorno: Amantea, Trapani, Marsala, Pantelleria, Scalea, Paola und andere mehr. 15 Leichen sind laut mehrerer süditalienischer Medien in den vergangenen zehn Tagen an ebenso vielen Stränden aufgefunden worden; die meisten von ihnen waren aufgebläht, und nach Tagen in den Wellen fehlten Gliedmaßen. Und es dürften noch einige Tote mehr sein: „Im Winter geht ja niemand zu den entlegenen Buchten und kleinen Stränden, die im Sommer voller Touristen sind“, zitiert „La Repubblica“ einen Fischer aus Tropea.

Skrupellose Schlepperbanden

Ein wichtiger Grund für die Häufung der angespülten Leichen ist das Sturmtief Harry, das im Januar tagelang über dem Mittelmeer getobt hat – und die Skrupellosigkeit der Schlepperbanden in Nordafrika, die die Flüchtlinge auch dann noch in die Boote pferchen und losschicken, wenn kaum eine Chance besteht, dass diese ihr Ziel erreichen. Laut der Internationalen Organisation für Migration, einer Agentur der Vereinten Nationen, gelten allein seit Januar 452 Migranten und Flüchtlinge als vermisst. Das entspricht einer Vervierfachung gegenüber der Vorjahreszeit.

„Unmenschliche Politik“

Das große Sterben im Mittelmeer trifft auf weitgehende Gleichgültigkeit bei Politik und Behörden – nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa. Großangelegte Rettungsmaßnahmen auf See werden nicht mehr ergriffen: Die Präsenz von Rettungsbooten gilt als unerwünschter Pull-Faktor, also als ein Anreiz für die Migranten, die riskante Überfahrt zu unternehmen. Die umstrittene Theorie hat dazu geführt, dass in Italien der Einsatzradius der Küstenwache eingeschränkt und die privaten Rettungsschiffe schikaniert werden.

Nun haben sich Bischöfe Süditaliens geäußert: „Die Toten fordern Rechenschaft von uns. Wir können das nicht mit Schweigen beantworten, denn Schweigen wird in bestimmten Situationen zur Komplizenschaft“, schrieben die Bischöfe Kalabriens. Der Erzbischof von Palermo, Corrado Lorefice, sagte: „Frauen, Kinder und Männer werden Opfer einer unmenschlichen Politik von Europa und Italien.“ Brüssel und Rom reagieren auf den Appell: mit Schweigen.

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