Wahlkampf RHEINPFALZ Plus Artikel Faesers Hessen-Kandidatur: Die Rolle rückwärts gelingt selten

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) im Kreise einiger Kabinettskollegen. Sie kandidiert für das Amt der hessischen Minister
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) im Kreise einiger Kabinettskollegen. Sie kandidiert für das Amt der hessischen Ministerpräsidentein und will nur bei einem Wahlsieg nach Wiesbaden wechseln.

Wer wie Nancy Faeser aus einem Ministeramt im Bund in die Landespolitik zurückstrebt, ist nicht automatisch im Vorteil.

Lob vom Bundeskanzler, Kritik von der Opposition: Die Reaktionen auf die Ankündigung von Bundesinnenministerin Nancy Faeser, bei der Landtagswahl in Hessen als SPD-Spitzenkandidatin antreten zu wollen, sind gemischt. Vor allem ihre Ankündigung, lediglich bei einem Wahlsieg nach Wiesbaden zu gehen, andernfalls aber weiter Ministerin im Kabinett Scholz bleiben zu wollen, stieß vielfach auf Unterverständnis – auch in Teilen der SPD.

In einem Brief an die Mitglieder der SPD-Bundestagsfraktion, der der RHEINPFALZ vorliegt, erklärt Faeser, es sei eine Selbstverständlichkeit, dass Kandidaten auch aus Ämtern heraus für Wahlen kandidieren. Als Beispiel führt sie den ehemaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) an.

Wallmann als Vorbild?

Dieser Hinweis entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn Kanther hat zwar vorgemacht, was Faeser nun anpeilt, es gelang ihm aber gerade nicht, sein Ziel zu erreichen, als er 1994 hessischer Ministerpräsident werden wollte. Kanther, Mitglied im vierten Kabinett von Helmut Kohl (CDU), blieb nach seiner Niederlage Bundesinnenminister bis 1998.

Faeser hätte sich eher Walter Wallmann (CDU) zum Vorbild nehmen sollen. Als einer der wenigen meisterte er die Rolle rückwärts vom Bund in die Landespolitik. Der Christdemokrat beendete die bundesweit erste rot-grüne Landesregierung unter Hessens SPD-Ministerpräsident Holger Börner und dem grünen Umweltminister Joschka Fischer. Nach elf Monaten im Amt des Bundesumweltministers wechselte Wallmann von Bonn nach Wiesbaden.

Blüm blieb Kohl treu

Andere hatten weniger Glück. Norbert Blüm (CDU) etwa. Im Jahr 1990 strebte der damals sehr populäre Bundesarbeitsminister in die Politik von Nordrhein-Westfalen zurück, wo der gebürtige Hesse Landeschef der CDU war. Als deren Spitzenkandidat forderte er Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) heraus, konnte sich gegen diesen jedoch nicht durchsetzen.

Rau war damals bereits seit zwölf Jahren Ministerpräsident und zu dieser Zeit letzter Kanzlerkandidat der SPD, ein politisches Schwergewicht also. Nordrhein-Westfalen wurde danach noch weitere 15 Jahre von der SPD regiert – und Blüm blieb in Kohls Kabinett bis zuletzt.

Keine Chance gegen „Oskar“

Klaus Töpfer (CDU) wurde gleich von zwei Misserfolgen gebeutelt. Der forsche Umweltpolitiker war in den 80er Jahren zunächst Staatssekretär im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Umwelt in Mainz. 1985 wurde er zum Minister für Umwelt und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz in der von Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) geleiteten Landesregierung ernannt.

Zwei Jahre später holte ihn Helmut Kohl nach Bonn als Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. In seiner Regierungszeit wurde das duale System der Abfallwirtschaft entwickelt („Gelber Punkt“). Doch Töpfer wollte mehr: Nach drei Jahren im Amt lockte ihn das Amt des Ministerpräsidenten des Saarlandes. 1990 und 1994 trat Töpfer als Spitzenkandidat der saarländischen CDU an, unterlag jedoch beide Male im damals noch von der Kohle- und Stahlindustrie geprägten Land dem Amtsinhaber Oskar Lafontaine (damals noch SPD).

Guter Rat von Horst Seehofer

Auch wenn er noch einige Jahre als Bundesminister tätig war, vollzog Töpfer 1998 seinen Abschied aus der Politik. Als Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi erwarb er sich weltweit hohe Anerkennung.

Glücklos und vielleicht auch etwas naiv hatte Norbert Röttgen (CDU) seine Kandidatur in Nordrhein-Westfalen im Jahre 2012 in die Wege geleitet. Der damalige Bundesumweltminister im Kabinett Merkel ließ die Frage nach seinem Verbleib nach einem möglichen Scheitern bei der Wahl unbeantwortet. Die von Röttgen herausgeforderte SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hatte es leicht, ihm zu unterstellen, er meine es mit seinem Engagement für das Land nicht so richtig ernst. Mit halber Kraft nach Düsseldorf, das reichte für Röttgen nicht. Die CDU erhielt mit 26,3 Prozent ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen. Röttgen scheiterte krachend. Dabei hatte ihm der damalige CSU-Chef Horst Seehofer einen guten Rat mit auf den Weg gegeben: „Wenn ich mich einer Aufgabe verschreibe, dann ohne Rückfahrkarte!“

Klöckner wurde Oppositionsführerin

Die seitdem als „Röttgen-Falle“ bekannte Schwachstelle einer Kandidatur war Julia Klöckner (CDU) eine Lehre. Als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz entschloss sie sich 2011, gegen den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) anzutreten. Dafür war sie auch bereit, mit ihrer bundespolitischen Karriere abzuschließen und bei einem Misserfolg Oppositionsführerin im Mainzer Landtag zu werden. So kam es denn auch. In einem neuen Anlauf unterlag sie fünf Jahre später Becks Nachfolgerin Malu Dreyer (SPD). Dann ging es doch wieder zurück nach Berlin: Klöckner wurde Bundeslandwirtschaftsministerin und blieb das bis Ende 2021. Heute ist sie wirtschaftspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag.

Julia Klöckner – ohne Glück in Rheinland-Pfalz.
Julia Klöckner – ohne Glück in Rheinland-Pfalz.
Norbert Blüm (links) – gescheitert in Nordrhein-Westfalen.
Norbert Blüm (links) – gescheitert in Nordrhein-Westfalen.
Norbert Röttgen – Schlappe in Düsseldorf.
Norbert Röttgen – Schlappe in Düsseldorf.
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