Krieg gegen den Iran
Exil-Iraner: „Systemwechsel muss von innen kommen“
Sahar Sanaie kam als Fünfjährige mit Mutter und Bruder nach Deutschland. Ihren Vater haben die iranischen Revolutionsgarden getötet, da war sie zwei Jahre alt. Zwei ihrer Onkel wurden 1981 im Iran hingerichtet. Die Brüder waren damals gerade mal 17 und 19 Jahre alt. „Ich fand den Mut meiner Familienmitglieder immer schon beeindruckend, wie sie gegen das Mullah-Regime gekämpft haben“, erzählt die 39-jährige Frankfurterin, die als Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin arbeitet. „Dann habe ich gemerkt, dass das beileibe keine Einzelschicksale sind. Deshalb habe ich angefangen, mich für einen freien, demokratischen Iran zu engagieren.“
Heute vertritt Sanaie als Aktivistin die Interessen von Exil-Iranerinnen und -Iranern im UN-Menschenrechtsrat in Genf. Und sie ist Sprecherin der Verbände Rheinland-Pfalz und Hessen der Gesellschaft von Deutsch-Iranern (GDI), die sich für eine freie, säkulare und demokratische Republik Iran einsetzt. Eine Republik ohne Todesstrafe und Atomwaffen. „Wir lehnen jegliche Autokratie ab, sei es eine religiöse wie unter den Ayatollahs oder eine weltliche wie unter der Schah-Familie“, sagt Sanaie. Deshalb sei der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, der in den USA lebende Reza Pahlavi, für sie auch kein Hoffnungsträger oder möglicher Übergangspräsident.
Im Gegensatz zu den Pahlavi-Anhängern, die die Angriffe Israels und der USA auf den Iran gutheißen, lehnt die Gesellschaft von Deutsch-Iranern diese ab. Nur wenn die Waffen schwiegen, hätte das iranische Volk eine Chance, seine repressive Regierung zu stützen, sagt Sahar Sanaie. Während Bomben fielen, könne man keine Revolution machen, sagt sie. Die Menschen hätten dann andere Sorgen. So habe das Regime in Teheran im Schatten des Krieges seine repressiven Maßnahmen sogar noch verstärkt und die Anzahl der Hinrichtungen erhöht. Bei den Protesten im Januar seien etwa eine halbe Million Menschen festgenommen worden, von vielen fehle jede Spur.
Lebensmittel sind knapp
„Freunde und Familienmitglieder im Iran berichten uns, dass sie große Angst hatten. Sie wussten nie, wo die Bomben einschlagen würden“, erzählt Sanaie. „Lebensmittel sind knapp und sehr teuer. Viele Menschen haben ihre Arbeit und damit ihr Einkommen verloren. Sie wissen nicht, wie sie ihr Leben noch finanzieren sollen.“ Zudem habe das Regime an vielen Straßenecken, auch in kleineren Städten, Posten aufgestellt, die die Menschen kontrollierten und Angst verbreiteten. Viele der Posten seien zwangsrekrutiert, auch Minderjährige.
Dennoch ist die 39-Jährige davon überzeugt, dass das Regime in Teheran geschwächt ist. Die Proteste der vergangenen zwei Jahre hätten ihm zugesetzt, die Bevölkerung wolle einen Systemwechsel. Aber der müsse von innen kommen, betont sie. Viel zu lange sei über die Köpfe der Betroffenen hinweg Politik gemacht worden.
Sanaie und ihre Mitstreiter fordern, dass alle Finanzflüsse an das Regime in Teheran eingestellt werden. Zudem sollten die iranischen Botschaften weltweit geschlossen werden, denn sie seien Terror- und Spionagezellen und eine Gefahr für die iranische Opposition im Ausland. Zudem sollten jegliche Verhandlungen an ein Hinrichtungsverbot im Iran geknüpft werden.
Die Gesellschaft von Deutsch-Iranern unterstützt die im französischen Exil lebende Maryam Rajavi, Präsidentin des Nationalen Widerstandsrates Iran. Der NWRI ist ein Zusammenschluss von etwa 500 iranischen Oppositionellen und Oppositionsgruppen, die sich für einen säkularen, demokratischen und atomwaffenfreien Iran einsetzen. Die Hälfte der NWRI-Mitglieder sind eigenen Angaben zufolge Frauen, Frauenrechte stehen weit oben auf der Agenda. Als Exilparlament bestehe die Hauptaufgabe des Rates darin, spätestens sechs Monate nach dem Sturz des Mullah-Regimes Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung im Iran zu organisieren, heißt es.
An die Bundesregierung appelliert die Gruppe von Exil-Iranerinnen, Rajavi als legitime Vertreterin einer Übergangsregierung anzuerkennen und Schah-Sohn Reza Pahlavi außen vor zu lassen. Dieser wolle ein autokratisches Regime installieren und Minderheiten wie Kurden und Aserbaidschaner unterdrücken, warnt Sahar Sanaie.