Glosse „Discht wie e Tupperschisselche“
„Immer wieder freitags ...“ – diesen leicht abgewandelten Text eines Uralt-Schlagers des Duos Cindy & Bert haben derzeit die Berliner auf den Lippen. Denn nicht nur am Freitag voriger Woche, sondern auch diesen Freitag ist das Berliner Regierungsviertel für Normalsterbliche so verriegelt wie einst die Verbotene Stadt in Peking. Absperrungen, Ausfälle von S-Bahnen, Scharfschützen auf den Dächern und Taucher in der Spree – so erlebten die Hauptstädter vor Wochenfrist erst den Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und nun den von US-Präsident Joe Biden mit den Staatsmännern Emmanuel Macron und Keir Starmer. Doch die Berliner jammern auf hohem Niveau. Wer den Bogen raus hat, umfährt die rote Sperrzone, und gut ist.
Ganz anders erging es einst den Mainzern, als sich US-Präsident George W. Bush einfand. Die Stadt war regelrecht zugesperrt. Oder wie die damalige Vermieterin des Mainzer RHEINPFALZ-Büros – eine gestandene Meenzer Bäckersfrau – treffend formulierte: „Discht wie e Tupperschisselche“.
Mainz glich einem Hochsicherheitstrakt
Bush kam im Februar 2005 in eine kalte, leere Stadt. Weiträumig waren Gullydeckel verschweißt, Straßen gesperrt und Jalousien herabgelassen worden. Geschäfte mussten schließen, Wohnungsbesitzer durften nicht auf ihre Balkons. Nur Polizisten waren draußen, die hauptsächlich Journalisten kontrollierten und menschenleere Gassen bewachten. Die Stadt glich einem Hochsicherheitstrakt. Amerikanische Sicherheitsparanoia und deutscher Perfektionismus hatten sich gesucht und gefunden – der Großraum Mainz stand unter Quarantäne.
Selbst der nach außen stets den Widrigkeiten des Lebens trotzende Ministerpräsident Kurt Beck sah sich als Opfer rigider Sicherheitskontrollen. Als er von seiner Mainzer Dienstwohnung zur Staatskanzlei chauffiert wurde, brauchte es lange Erklärungen, bis der Wagen mit dem grummelnden Landesvater passieren durfte. Dabei wollte Bush mit seinem Besuch in Mainz das Eis brechen, das die deutsch-amerikanischen Beziehungen in jener Zeit wie ein Panzer umschloss. Es gelang nicht so ganz.
Ganz anders am Freitag in Berlin: Bei Bidens erstem Besuch in der deutschen Hauptstadt lag ein Hauch von Wehmut in der Luft, es war ein herzliches Hallo und ein trauriges Goodbye.