Saach blooß – die Dialektserie
Mit dem „Knibbel“ draufhauen: „Do treffscht immer de Rischdisch“
War da etwa „en Knibbel in de Leitung“ bei „Saach blooß“? Hat der Autor vergessen, sich einen „Knibbel ins Sackduch zu mache“? Hat er vielleicht „soi Knibbel kriet“ und war deshalb außer Gefecht gesetzt? – Nichts von alledem! Der Grund, warum es diesmal etwas länger gedauert hat mit der neuen Folge unserer Dialektserie, waren die enorm vielen Zuschriften zum Wort „Knibbel“, das wir letztes Mal zur Debatte gestellt haben. Da mussten wir uns erst mal „durchknibble“. Soll heißen: Sie mussten alle in Ruhe und Liebe gelesen werden.
Erstes Kurzfazit: Wenn ein pfälzisches Wort definitiv nicht in Vergessenheit geraten wird, dann ist es wohl „Knibbel“. Fangen wir mit der Bedeutung „Knoten“ an – am besten mit jenem Knoten, den zu binden man im Leben als Allererstes lernt. Dazu Monika Schuster aus Ludwigshafen: „Ein Knibbel ist ein kleiner Knoten, gebunden aus zwei nicht zu dicken Fäden: Wolle, Schnürsenkel.“ Rosemarie Cerato aus Dudenhofen erinnert sich: „Meine Großmutter sagte immer: Mach der mol än Knibbel in de Schuhbännel, damit net immer driwwer stolberscht!“ Ähnliches bekam Rita Pfirrmann aus Wörth zu hören: „Mach emol an denne Schuhbännel en Knibbel druff, dass se nit immer uffgehn!“ Im Beispielsatz von Franz Schermer aus Kaiserslautern heißt es: „Hesche e anstännischer Knibbel noi gemacht, hesche de Schuh net verlor.“
Der unerwünschte Knoten
So weit, so klar. Nun aber Achtung! So ein „Knibbel“ kann nicht nur absichtlich entstehen (indem man sich bückt und die Schlaufen der beiden Enden des „Schuhbännels“ ineinander führt und festzieht). Auch ein unerwünscht entstandener Knoten im Schnürsenkel wird als „Knibbel“ bezeichnet, wie unter anderem Hermann Bernhart aus Insheim weiß. Gerhard Volz aus Grünstadt berichtet: „Wenn ich morgens als Kind meine Schuhe anzog und dazu die Schnürsenkel binden musste, sagte meine Mutter öfter: Pass auf, dass du in die Schnürsenkel keinen Knibbel machst, sonst kannst du deinen Schuh nicht weiter zubinden.“ Wenn es fürs Aufpassen zu spät war, hieß es bei Hannelore Bertges aus Wattenheim: „Hoschte widder en Knibbel in dein Schuckebännel gemacht? Jetzt muscht gucke, wie en widder rausbringscht.“
Kleiner Exkurs zum „Schuckebännel“: Diese Variante des „Schuhbännels“ – mit „ck“ und zusätzlicher, vierter Silbe – ist vor allem im Westen der Region verbreitet, wie die Zuschriften von Franz Henrich aus Kaiserslautern, Karl und Vera Guckenbiehl aus Kottweiler-Schwanden beziehungsweise dem saarländischen Blieskastel-Aßweiler sowie von Ferdinand Becker aus Schönenberg-Kübelberg und Ruth Rübel aus Bruchmühlbach-Miesau belegen.
„Knibbel in de Zung“
Doch zurück zum unerwünschten „Knibbel“. Das Problem beschreibt Ullrich Horn, ein Ex-Dirmsteiner, der jetzt in Offenbach am Main lebt, so: „Wann Schuhbännel verknibbelt sinn, stimmt was net mit dem Knibbel un mer braucht Geduld.“ Oder mit den Worten von Claudia Nagel: „Wammer en Knibbel zu fescht zuknibbelt, kammern nimmi uffknibble. Jetzt hab ich mer die Zung verknibbelt.“ Was uns – etwas vom Kern der Sache abschweifend – zu einer Anmerkung von Werner Rinner aus Spirkelbach bringt: „De letzschte Schoppe war wohl so vehl, jetzt hot mei Frää än Knibbel in de Zung.“
Bevor wir diesen Teil der „Knibbel“-Saga abschließen, müssen wir kurz noch mal auf den „Knibbel im Sackduch“ (manchmal auch: „Knibbel im Dascheduch“, seltener: „Knibbel im Nasduch“) eingehen. An diese Erinnerungshilfe erinnern sich unter anderem Rudi Nikolaus und Gerald Schlosser (beide aus Speyer), Gabi Braun-Hettesheimer aus Weilerbach, Heidrun Völkel aus Haßloch, Jakob Schierstein aus Ramsen, Manfred Bussemer aus Ramstein-Miesenbach, Gerd Jochem aus Hagenbach sowie die Karin un die Elke vun de Haßlocher Sparkass. „Mach der en Knibbel in doi Dascheduch, donn denksch dro“, schreibt zum Beispiel Iris Schreiber aus Neustadt, früher Esthal. Und da geht noch mehr: „Wenn bei der Arbeit auf dem Acker die Kapp (Mütze) vergessen war, knotete man kurzerhand vier Knibbel an die Enden des Sackduchs und hatte somit einen einfachen, aber wirkungsvollen Sonnenschutz“, schreibt Günter König aus St. Martin.
Die Gedächtnisstütze
Schade eigentlich, dass die Stofftaschentücher für den Hosensack (daher „Sackduch“) weitgehend ausgestorben sind. „Wer hot eigentlich heitzudags noch e Daschediecher-Schublad?“, fragt Iris Schreiber. Dass man sich den „Knibbel“ alternativ auch „in die Nas“ oder „ins Ohr“ machen kann, darauf weist unter anderem Ingrid Hoffmann aus Offenbach hin. „Ein ,Knibbel in de Nas’ ist medizinisch völlig unbedenklich“, schreibt Joachim Clemens aus Landau: „Der Knibbel meint
Die Nähe des pfälzischen „Knibbel“ zum hochdeutschen „Knüppel“ ist kein Zufall und führt uns zu den weiteren Bedeutungen des Dialektworts. Das Schlagwerkzeug „Knüppel“ (auf Pfälzisch, klar, „Knibbel“) hat seinen Namen von der Verdickung am Ende, vom Knoten im Holz sozusagen, wie zum Beispiel Norbert Jung aus Hohenöllen erklärt. Damit könne ein Schlagfertiger seinem Widersacher „sei Knibbel gewwe“ oder andersrum formuliert: Der Gegner hat, wenn die Prügel verteilt sind, „sei Knibbel kriet“. Wenn jemandem „Knibbel“ angedroht würden, „dann muss er sich auf Haue und Ohrfeigen einstellen“, meint auch Bernd Deutsch aus Rheinzabern. (Wie Pfälzer auch noch drohen können, „Fäng“ androhen zum Beispiel, lesen Sie hier: Gut gedroht ist halb gewonnen.)
„All in Sack stecke“
Sabine Mohr aus Dannstadt-Schauernheim erzählt: „Zum Thema Knibbel hab ich schöne Erinnerungen an meine verstorbene Mama. Wenn ihr eine Gruppe von Menschen nicht passte, sagte sie gerne: ,Die konnscht all in än Sack stecke und middem Knibbel druffklobbe. Do treffscht immer de Rischdisch.’“ Im Pfälzer Lied vom Gutselstand „uff de Dannstadter Heh“ wird der „Knibbel“ (wohl des Reims wegen) zum „Knewwel“, den der „Hewwel“ (ein ungehobelter Rohling) der gutselverkaufenden Mutter in die Auslage haut. Und die Sache mit dem „Knibbel“ kann noch weiter führen, wie Wolfgang Hubach aus Haßloch weiß. Dann nämlich, wenn es heißt: „Der schmeißt dir noch nooch ’m Dood Knibbel zwische die Bää.“
Mit dem Kopf durch die Wand
Aber zurück zu den Lebenden: Denn zu guter Letzt können sich „Knibbel“ auch am menschlichen Körper zeigen. „Ein ,Schnookeknibbel’ ist die Wölbung der Haut, die ein Schnakenstich verursacht hat“, erklärt Dieter Neubauer aus Wachenheim. Und es funktioniert auch ohne Stechviecher: „Isch hann e Knibbelche, e Knibbe, an de Nas – was auch immer der Grund für die Hautunreinheit ist“, schreibt Gisela Schumann aus Grünstadt. Hermann Grundhöfer aus Harthausen ergänzt: „Wenn man sich anstößt und sich eine Beule am Kopf bildet, dann hat man halt mal ,en Knibbel uff de Stern’.“ Und zu allerbester Letzt: „Knibbel“ können auch unappetitliche Brocken im Pudding sein oder, wie Sieglinde Hammann-Neser aus Bissersheim anmerkt, in der Mehlschwitze oder in Gelatine.
Die nächste Folge
Wir erklären den Gordischen „Knibbel“ hiermit für endgültig gelöst und wenden uns der Frage für die nächste Folge zu: Die soll sich um „wälljere“ drehen beziehungsweise um „wälschern“. Wer kennt das Wort noch? Wer benutzt es bis heute? Wo kommt das Wort her? Was ist ein „Wälljerholz“? Und wie hängt das alles zusammen? Schreiben Sie uns!
Lust auf mehr? Die vorherige Folge der Serie drehte sich ums Thema Verwirrung, wenn man sozusagen einen „Knibbel im Hirnkaschte“ hat: Konfusion auf Pfälzisch: „Mir is im Kopp ganz worres“.
Unsere Adresse
Unter dem Motto „Saach blooß“ ergründen wir den Ursprung von Sprüchen, Redensarten und Wörtern aus der Pfalz und die Geschichten dahinter. Wir tun das mithilfe unserer Leser, ihres Sprachschatzes, ihrer alltäglichen Erfahrungen mit dem Pfälzischen und ihrer Erinnerungen. Schreiben Sie uns zum neuen Thema „wälschere“ oder „wälljere“an „Saach blooß“, RHEINPFALZ am SONNTAG, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen oder per E-Mail an saachblooss@rheinpfalz.de.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.