Kernaussage
Stilkolumne: Warum alle wieder Uhren aus der Tasche ziehen
Wer mit der Zeit gehen möchte, braucht eine Uhr. Weder eine Smart- noch eine Moonwatch. Keine am Armband, keine an der Mikrowelle. Eine Taschenuhr muss es jetzt sein. Dieses mechanische Fossil, lange aus der Zeit gefallen, erlebt ein Revival. Wer eine Uhr aus der Tasche zückt, legt entweder gleich mit einem Dampfschiff nach Übersee ab, zaubert ein Kaninchen aus dem Hut – oder wartet gerne vor Boutiquen. Schuld an dem Tick-Trend ist eine Kooperation zwischen Swatch und Audemars Piguet – ein Bündnis, das klingt wie die Verlobung von Fast Food und Feinschmeckerei. Verrückte prügelten sich zum Verkaufsstart um die Taschenuhren aus poppigem Plastik zu je 385 Euro. Historische Exemplare erzielen auf Auktionen sogar Millionen. Zeit ist Geld. Wer modern sein will, muss also alt aussehen. Junge Leute hören deswegen Schallplatten, knipsen mit Analogkameras und tragen nun Uhren, die sonst neben Monokel im Museum verstauben. Die Taschenuhr, ob billo oder mit Brillo, passt perfekt in unsere Zeit ohne Zeit: Endlich kann man demonstrativ fünf Sekunden länger brauchen, um zu spät zu kommen. Der Zeitmesser als Zeitfresser. Das ist keine Chronometrie mehr, das ist Choreografie. Rund um die Uhr.
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