Landtagwahl 2021 RHEINPFALZ Plus Artikel Die Grünen im Wahlkampf: Spiegel, Habeck und das Flohpulver

Wahlkampf im Studio: Grüne Spitzenkandidatin Anne Spiegel
Wahlkampf im Studio: Grüne Spitzenkandidatin Anne Spiegel

Landtagswahl: Doppelministerin Anne Spiegel bestreitet 2021 schon ihren fünften Landtagswahlkampf. Aber zum ersten Mal ist sie die Spitzenfrau der Grünen und macht fast alles digital. Warum sie manchmal doch an einer Haustür klingelt.

Drei Wassergläser, drei Trockenblumensträuße, ein Tisch für die Unterlagen. Anne Spiegels Studio in der Landesgeschäftsstelle der Grünen in der Mainzer Neustadt sieht improvisiert aus. Nichts für die Ewigkeit, nur für Corona. Und für diesen Wahlkampf vor der Landtagswahl am 14. März.

Auf dem Bildschirm an der Wand erscheinen an diesem Spätnachmittag die Gesichter von Fabian Ehmann, Landtagskandidat aus Mainz, Uwe Schneidewind, Oberbürgermeister aus Wuppertal, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Partei und vielleicht Kanzlerkandidat.

Mehr als 200 Teilnehmer verfolgen das Gespräch auf Youtube, auf Facebook sind es ähnlich viele. „Man merkt, da spricht die Superministerin. Was für eine Energie ...“, schwärmt Habeck und fragt die 40-Jährige, ob sie das Flohpulver aus „Harry Potter“ kenne. Damit reisen die Zauberer und Hexen durch Kamine. Es klingt wie ein spontanes Lob, doch Habeck verwendet es häufiger in Youtube-Gesprächen mit Spiegel.

„Noch viel Spaß beim Flyern“

Die drei Grünen sprechen über Klimawandel, Windkraft und über den Strommarkt. Sie beantworten Fragen aus dem Chat. Routiniert antwortet Spiegel entlang des Wahlprogramms. Wie ihre Worte ankommen beim Publikum, das weiß die 40-Jährige in diesem Moment nicht.

„Ich wünsch euch viel Erfolg und noch viel Spaß beim Flyern“, sagt Habeck zum Abschied. „Flyern“ ist Neudeutsch für das Verteilen von Faltblättern. Manchmal, so erzählt Anne Spiegel, klingelt sie dabei an Haustüren: Wenn am Briefkasten „Keine Werbung“ steht, fragt sie, ob sie dennoch Post von den Grünen einwerfen darf. Zufallsbegegnungen. Seit ihrer Zeit bei der Grünen Jugend hat die Pfälzerin fünf Landtagswahlkämpfe bestritten, 2011 zog sie als Abgeordnete in das Mainzer Parlament. Ausgerechnet jetzt, wo sie als Ministerin die Ressorts Integration und Umwelt verantwortet und Spitzenkandidatin der Grünen ist, trifft sie im Wahlkampf kaum Menschen.

Habeck zieht immer, auch im Netz. Andere Formate haben weniger Zuschauer. Knapp 40 sind es bei „Que(e)r durchs Land“ mit der Europaabgeordneten Terry Reintke und mit Pia Schellhammer, Fraktionsgeschäftsführerin der Grünen im Landtag. „Queer“, das steht für alle Menschen, deren sexuelle Orientierung nicht heterosexuell ist. Ihre Themen sind die gesellschaftliche Akzeptanz und die rechtliche Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen. Die Frauen sprechen über Polen. Dort werde Homosexualität zunehmend mit Pädophilie, dem Wunsch nach Sex mit Kindern, gleichgesetzt.

„Was stört Sie denn?“

Sie sprechen darüber, dass Kinder ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale oft früh operiert werden. „Es ist ein Skandal, dass hier nicht längst gehandelt wurde, dass die Familien nicht zunächst einmal gut beraten werden“, wettert Spiegel und warnt davor, dass intergeschlechtliche Kinder durch eine falsche Behandlung traumatisiert werden könnten. In der Facebook-Kommentarspalte taucht der Satz auf: „Egal, was ihr konsumiert, nehmt weniger!“ Antwort Anne Spiegel: „Was stört Sie denn beim Kampf gegen Diskriminierung?“ Danach erscheint kein Kommentar mehr.

Auch das gehört zum digitalen Wahlkampf: Anfeindungen im Netz. In ihrem Studio sieht Spiegel die Kommentare nicht, der Mitarbeiter am Technikpult blendet sie aus. In manchen Fällen stellen die Grünen Strafanzeige. Eine neue Erfahrung ist das nicht für Spiegel. Seit gut drei Jahren steht sie unter Personenschutz wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Auch wenn sie zu Hause in Speyer ist mit ihrem Mann und den vier Kindern.

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