Politik
Deutsche Juden in Israel: Alija, das heißt Aufstieg
Dass nach den unbeschreiblichen Verbrechen während der Nazizeit überhaupt noch Juden in Deutschland leben wollten, grenzt an ein Wunder. Doch die Gemeinden verzeichneten über all die Jahre hinweg eine stetige Abwanderung nach Israel. Auswanderer ganz unterschiedlicher Generationen erzählen, warum sie diesen Schritt gewagt – und nie bereut – haben.
Oliver Minzloff strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus. Seine Wohnung auf einem der vielen Hügel der nordisraelischen Stadt Haifa bietet einen atemberaubenden Blick auf das Mittelmeer. Luxus gibt es hier keinen, dafür um so mehr Bücher. Sie zeugen von einer großen Liebe zur Musik, von Interesse für Geschichte und profundem Wissen über das Judentum. Der heute 80-Jährige wurde in Berlin geboren. Er hat – versteckt auf dem Land bei Verwandten des nicht-jüdischen Vaters – die Shoah, den millionenfachen Mord an den europäischen Juden, überlebt. Vor knapp fünf Jahren ist Minzloff nach Israel ausgewandert. Er hat Alija gemacht.
Alija, das bedeutet Aufstieg. Gemeint war damit ursprünglich die Wallfahrt zum Tempel in Jerusalem. Der Aufstieg ins Bergland von Judäa also – und auf den etwa 800 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Tempelberg, den Berg Zion. Seit der ersten Zerstörung des Tempels 586 vor Chr. bedeutet Alija allerdings auch die Rückkehr der Juden in ihre angestammte Heimat, ins heutige Israel.
Etwa 20.000 Menschen wandern alljährlich nach Israel ein
Etwa 20.000 Menschen wandern dort alljährlich ein. Der Staat Israel wirbt aktiv um neue – jüdische – Bürger, finanziert am Anfang Unterkunft und Lebenshaltung sowie Sprachkurse. Nur wenige Einwanderer sind nicht-jüdische Partner. Zu ihnen gehört Oliver Minzloffs Ehefrau Katharina. Für die 70-jährige Protestantin, die gerade dabei ist zum Judentum überzutreten, war es keine leichte Entscheidung, ihrem Mann nach Israel zu folgen. Vor allem wegen der drei Kinder und der Enkel, die in Deutschland und der Schweiz blieben. Was für den Ehemann die Erfüllung eines Lebenstraums bedeutete, war für Katharina Minzloff zuerst einmal ein Schock. Nach Jahrzehnten ging das Ehepaar 2015 getrennte Wege. Oliver Minzloff machte Alija und Ehefrau Katharina blieb im gemeinsamen Haus in Basel. Doch schon nach einem Jahr folgte sie ihrem Mann. Die Liebe war stärker.
Oliver Minzloff hatte dagegen nie Zweifel, dass dies für ihn der richtige Weg war. Die Ankunft in Tel Aviv auf dem Flughafen sei ein sehr bewegender Moment gewesen. „Ich war angekommen“, erinnert sich Minzloff.
Als Dreijähriger erlebte Minzloff die Flucht aus Berlin
Zuhause, das ist Deutschland nie für ihn gewesen. Grund hierfür war nicht allein die Schikane der anderen Kinder, die er während der Nazizeit ertragen musste. Auch nicht das Berufsverbot, das über seine Mutter – eine Ärztin – verhängt wurde, genauso wenig wie die Flucht als Dreijähriger aus Berlin, die er nie vergessen konnte. „Ich wollte schon immer nach Israel, weil ich wusste, hier gehöre ich hin“, sagt Minzloff. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.
Sein gesamtes Berufsleben verbrachte der Musiker Minzloff in der Schweiz. Nachdem er 1968 im Zuge der Studentenproteste wegen „umstürzlerischer Tätigkeiten“, wie er sagt, von der Freien Universität Berlin geflogen war, ging er zuerst nach Zürich, dann nach Basel, wo er an der Musikschule arbeitete.
Unbekannte ritzten ein Hakenkreuz in die Hand des Jungen
Auch in der Schweiz sei er immer wieder auf Antisemitismus gestoßen – im Berufsleben, bei der Wohnungssuche, im Alltag. Das Schlimmste war für ihn der Überfall auf seinen damals 15-jährigen Sohn. Drei Vermummte fesselten ihn und ritzen ihm ein Hakenkreuz in die Hand. Erst nach langem Hin- und Her sei die Polizei überhaupt bereit gewesen, eine Anzeige aufzunehmen, erzählt Minzloff. Und am Ende seien nicht die Täter verurteilt worden, sondern sein Sohn – wegen „Irreführung der Rechtspflege“. Der Richter hatte ihm nicht geglaubt. Es folgten Hakenkreuzschmierereien im Hinterhof, die Bremsen am Fahrrad des Sohnes wurden zerstört.
Er wäre am liebsten schon viel früher nach Israel ausgewandert, sagt Minzloff. Aber es sei sehr schwer, Arbeit zu finden. Daher habe er seine Pensionierung abwarten müssen.
In Haifa fand Majorie Kaufman ihre große Liebe
So lange hat Majorie Kaufman nicht gewartet. Die heute 57-Jährige stammt aus München, lebt aber schon seit 1990 in Haifa. Genauso wie Minzloff hat sie sich in Deutschland nie richtig zuhause gefühlt. „Irgendwie habe ich dort meinen Platz nicht gefunden“, sagt sie. „Wenn ich zur Synagoge ging, habe ich mein Gebetbuch versteckt“. Aber auch in den USA, wo Kaufman fünf Jahre lang lebte, wurde sie nicht heimisch.
Über eine Tante kam sie – erst zu Besuch – nach Haifa. Und ist geblieben. Zumal sie schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft ihren späteren Mann kennengelernt hat. „Mir war schon immer klar, dass ich nur einen Juden heiraten würde“, erzählt die 57-Jährige. Nicht dass sie etwas gegen Christen oder andere Religionen habe. Ihre drei Brüder in Deutschland seien alle mit Nicht-Jüdinnen verheiratet und sie schätze ihre Schwägerinnen sehr. „Aber für mich kam das nie in Frage.“
Antisemitismus habe es schon immer gegeben, sagt Kaufman
Majorie Kaufmann ist Israeli durch und durch. Auch wenn sie, wie sie betont, mit der Regierungspolitik nicht immer einverstanden sei. Deutschland dagegen, das ist weit weg. Die Brüder besuchen, okay. Aber davon abgesehen ist das Land ihr fremd geworden. Antisemitismus, den habe es in Deutschland schon immer gegeben, sagt sie. Schon als Kind habe sie diese Erfahrung machen müssen. Ob es mehr geworden sei, kann sie nicht sagen. Aber der Antisemitismus habe die vier Wände verlassen, sei offener geworden. „Viele wollen nach der Ankunft in Israel ihren alten Pass behalten – um notfalls das Land wieder verlassen zu können. Ich habe das nicht gemacht, denn ich wüsste nicht, wohin ich gehen sollte“, sagt Kaufman.
Jemals nach Deutschland zurückzukehren, ist auch für Eitan Mashiach keine Option. Der 33-Jährige aus Münster stammt, wie er sagt, aus einem säkularen, atheistischen Elternhaus. Erst als er angefangen habe, jüdische Geschichte zu studieren und 2011 für ein Praktikum zeitweise nach Israel zog, habe seine Mutter erzählt, dass sie jüdische Wurzeln habe. „Das hat für mich die Sicht auf die Dinge völlig verändert“, sagt der junge Mann. „Ich habe endlich verstanden, warum ich mich als Kind mit Händen und Füßen gewehrt habe, als mich meine Großeltern väterlicherseits zum Messdiener machen wollten.“
Familie und Freunde sind von der Hinwendung zum Judentum überrascht
Seinen Glauben zu akzeptieren, sei Familie und Freunden anfangs nicht leicht gefallen. „Meine Eltern haben meine Hinwendung zum Judentum erst einmal abgelehnt“, erzählt er. Und auch in der christlichen Studentenverbindung, in der er in München lebte, hätten es die Kommilitonen anfangs nicht verstanden, dass er zum religiösen Juden geworden sei.
Im Rahmen seiner Promotion ging Mashiach erneut nach Israel. Und blieb. In Deutschland sei es ungemein schwer, den jüdischen Glauben zu leben. „Als religiöser Jude fühlt man sich wie in einer Parallelwelt“, erzählt er. Den Schabbat und religiöse Feiertage zu begehen, sei im Lebensalltag dort nur schwer möglich, koscher zu leben fast unerschwinglich.
Doch auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland selbst tragen nach Mashiachs Meinung dazu bei, dass viele junge Menschen auswandern. Dort dominiere immer noch das, wie er sagt, Kulturjudentum. Die zumeist jungen Gemeindemitglieder, die eine stärkere Betonung des Religiösen forderten, würden ausgebremst und wendeten sich daher von den Gemeinden ab.
Der deutsche Pass erleichtert das Reisen
Auch das Erstarken der AfD und die Zunahme antisemitischer Straftaten beunruhige viele Juden und lasse sie über Auswanderung nachdenken, erzählt der junge Mann. Auch wenn die reale Bedrohung – glücklicherweise – oft nicht dem subjektiven Empfinden entspreche. Allerdings sind seiner Meinung nach die offiziellen Beteuerungen, dass das Judentum zu Deutschland gehöre, im Grunde auch nur Lippenbekenntnisse.
Eitan Mashiach ist 2018 nach Israel eingewandert und lebt heute in Jerusalem. Vor kurzem hat er eine Israeli geheiratet. Noch besitze er seinen deutschen Pass, der das Reisen ja ungemein erleichtere, erzählt der junge Mann. Aber wenn sich die rechten Tendenzen in Deutschland weiter verstärkten, dann werde er seine Staatsbürgerschaft zurückgeben. Das Leben in seiner neuen Heimat sei hart, gibt er zu. Und viele unterschätzten die Schwierigkeiten des Neuanfangs, kehrten nach ein paar Jahren in ihre Herkunftsländer zurück. Für Mashiach kommt das aber nicht in Frage. Er wird bleiben.
Rosh wird fast überfahren – und die Polizei schaut zu
Aufgeben will auch Ariel Rosh auf keinen Fall. Obwohl sein Alltag kein Zuckerschlecken ist. Der 63-Jährige lebt seit etwa eineinhalb Jahren in Haifa. Wegen seines Alters und auf Grund körperlicher Beeinträchtigungen hat er bisher keine Arbeit finden können. Jetzt lebt er – sehr bescheiden – von Sozialleistungen und der finanziellen Unterstützung guter Freunde. Aber es habe sich gelohnt. „Ich setzte mich oft einfach nur auf die Straße und beobachte die Menschen“, erzählt er. Juden mit Kippa, Schläfenlocken und all den anderen äußeren Zeichen ihres Glaubens zu sehen, wie sie sich unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen könnten, das sei schon ein Wert an sich.
Denn seit Rosh sich vor rund zehn Jahren auf seine jüdische Herkunft besann, war er – wie er erzählt – in Deutschland immer schlimmen Anfeindungen ausgesetzt. Durch Kippa und Schläfenlocken als Jude erkennbar wurde der gebürtige Hamburger mehrfach tätlich angegriffen. Am schlimmsten war es einer Erfahrung nach in Aachen, wo er vor seiner Auswanderung lebte. Im Frühjahr 2018 habe jemand vor der Synagoge versucht, ihn zu überfahren. „Und das war noch nicht einmal das Schlimmste“, erzählt Rosh. In der Nähe hätten zwei Polizisten gestanden. Und als er sie gebeten habe, bei einer Anzeige als Zeugen zu fungieren, hätten diese mit der Begründung abgelehnt, dass sie nichts gesehen hätten. „Mein Vertrauen in die deutschen Behörden war damit dahin“, erzählt der 63-Jährige. Kurze Zeit später landete er auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv.
Trotz all der Schwierigkeiten und Härten des Alltags in Israel, den Problemen beim Erlernen einer neuen Sprache, der Wohnungssuche und der hohen Lebenshaltungskosten haben es Ariel Rosh und all die anderen nie bereut, Alija gemacht zu haben. Sie sind aufgestiegen – und endlich angekommen.
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