Rechtschreibung
Der „Deppen-Apostroph“ ist ab 2025 Bestandteil der deutschen Sprache
Was soll man dazu sagen? Tschüss, Gewissheiten! Raider heißt schon lange Twix, Tupperware hat sein Insolvenzverfahren eingedost, Volkswagen parkt anscheinend im Abseits der Nischen. Keine Lila Pause mehr. Dafür ist plötzlich das Kiffen erlaubt. Und nun auch das noch: Freiheit für wirklich harten Stoff.
Deutsch-Studienrätinnen und das Feuilleton jedenfalls müssen jetzt gaaanz stark sein. Denn „Uschi’s Wollladen“, „Gustav’s Gemüsetheke“ und „Rudi’s Resterampe“ gelten ab 2025 als, na ja, völlig in Ordnung, legal sozusagen. Der Deppen-Apostroph. Die Genitivmarkierung bei Eigennamen – vom Duden vor rund 100 Jahren abgeschafft und seither nur im Englischen okay, gilt bald auch wieder hier. Ein Apostroph für alle, nicht nur für Ines’ gute Ideen und Aristoteles’ Naturlehre, den Eigennamen, deren Nominativform auf einen s-Laut endet - sondern auch für Oliver, Annette und Peter.
Normative Kraft des Faktischen
Wer böswillig ist, kann die Entscheidung des Rats (Rat’s?) für Rechtschreibung – der obersten Instanz dafür, dass Stengel Stängel geschrieben wird, und Mayonnaise kurz Majonäse war und dann doch wieder Mayonnaise – gern als besonders perfide Anglizismus-Migration begreifen. Als (vielleicht) fürs Germanistikseminar erkennbare, subtile nostalgische Reminiszenz an Goethes Genetiv-s-Problem („Die Leiden des jungen Werther“). Oder sie gutmeinend als Akt sehen, der die zutiefst in Besserwissende und Doofies gespaltene Gesellschaft im Apostroph eint. Als normative Kraft des Faktischen auch.
Denn schließlich räumt der Richtig-schreib-Rat mit Sitz in der gen-derungerecht benamten Stadt Mannheim es selbst ein, dass er sich dem Druck der Friseurlädenschilder, Kioskbesitzer, „Harry’s Eck“ und „Xenia’s Frauenbuchladen“ ergeben hat, das heißt: Offiziell ist die Gewöhnung an „a’s“ und „o’s“ derart angewachsen, dass ihrer Gewährung nichts mehr im Weg steht. Deutschland, wie es so schön im Volksmund heißt: wieder ärmer?
Folgen noch nicht absehbar
Die Folgen der obersten Ergebenheitsadresse an die – offenbar – mehrheitsgesellschaftliche Sprachpraxis sind auf jeden Fall noch nicht absehbar. So war schon vor einigen Jahren an einem Krimskramsladen im Rhein-Pfalz-Kreis groß und fragwürdig zu lesen: „die’s und dass für jeden was“. Das Geschäft hat inzwischen geschlossen. Was aber, wenn es die Avantgarde war?