Frankreich
Das Rätsel um blaue Davidsterne in Paris ist gelöst
Die Reue klang wenig überzeugend. Er wollte doch nur den Juden in Frankreich und Europa seine Unterstützung ausdrücken, sagte der moldawische Geschäftsmann Anatoli Prizenko in einem Telefongespräch mit dem französischen Fernsehsender BFMTV. Er sei „geschockt“ darüber, dass Politiker und Medien die von ihm initiierte Aktion „als einen antisemitischen Akt interpretierten“. Ihm sei nicht klar gewesen, dass seine „simplen Symbole“ den Menschen Angst machen würden.
Juden fühlten sich bedroht
Mit „simplen Symbolen“ meinte der Mann, der geschäftliche Verbindungen nach Moskau und in den Kreml hat, rund 250 Graffitis blauer Davidsterne an etlichen Häuserwänden in Paris und mehreren Vororten, die ab Ende Oktober nachts dort hingesprayt wurden. Es wirkte, als seien die Gebäude markiert. Das erhöhte das Unsicherheitsgefühl und die Angst der französischen Juden noch. Der jüdische Dachverband CRIF sprach von einem „Schock“. Tatsächlich gab es seit dem Anschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober mehr als 1000 antisemitische Vorfälle in Frankreich. Die blauen Davidsterne zählte man zunächst dazu.
Doch inzwischen hat sich der Blick darauf verändert, denn die Täter, zwei moldawische Paare, die die Graffitis mittels Schablonen anbrachten, wurden identifiziert. Eines hat Frankreich bereits verlassen, das andere Paar wurde auf frischer Tat ertappt und verhört. Dabei verriet es den Auftraggeber: ihren Landsmann Prizenko. Dieser kandidierte 2015 bei Wahlen für die Sozialistische Partei der Republik Moldau, er fiel dabei mit euroskeptischen und prorussischen Haltungen auf.
Russisches Netzwerk
Zu der tausendfachen Vervielfältigung der Bilder in den sozialen Netzwerken, durch die das Phänomen noch aufgeblasen wurde, sagte er nichts. Analysen der Tageszeitung „Le Monde“ zufolge steckte hinter der Online-Kampagne das russische Netzwerk „Doppelgänger“, auch bekannt unter dem Namen RRN. Dieses hatte demnach einen Zugang aus erster Hand zu den Bildern – und damit mutmaßliche Verbindungen zu den Tätern.
Der französische Inlandsgeheimdienst geht eindeutig von einem Destabilisierungsversuch aus dem Ausland aus. Auch das französische Außenministerium sprach in ungewöhnlicher Klarheit von einem Versuch russischer Einflussnahme. Es handle sich „um eine neuerliche Veranschaulichung der hybriden Strategie, die Moskau einsetzt, um die Bedingungen für eine ruhige, demokratische Debatte zu sabotieren“. Da es sich um die Koordinierung mehrerer Gruppen handelte, deute alles auf eine gut ausgearbeitete und keine spontane Operation hin, hieß es in Paris.
Moskau wirbt Ausländer an
Im Mai hatten mehrere europäische Medien enthüllt, dass russische Agenten über Anzeigen im sozialen Netzwerk Facebook in Frankreich und in Deutschland lebende Ausländer rekrutierten. Vor dem Hintergrund des Angriffskriegs, den Russland gegen die Ukraine führt, sollten diese Personen vermeintliche Kundgebungen zur Unterstützung Russlands organisieren. Rund 100 Euro wurden denjenigen geboten, die sich mit prorussischen Schildern versammelten und fotografierten. Die Bilder wurden im Anschluss in den sozialen Netzwerken verbreitet und vervielfacht.
Zuletzt verbreiteten russischsprachige Telegram-Konten, die regelmäßig Inhalte von „Doppelgänger“ übernehmen, gefälschte Fotos von Aufklebern auf Stadtmauern in der Nähe der Großen Moschee von Paris, wo palästinensische Fahnen wehten, versehen mit der Aufschrift „Frankreich, du bist als nächstes dran“. Ob es sich bei dieser Destabilisierungskampagne um dieselben Urheber handelt, ist nicht geklärt.