Berlin RHEINPFALZ Plus Artikel Bahnhof Zoo: Schönheitskur für einen Mythos

Berliner Verkehrsknotenpunkt: der Bahnhof Zoo.
Berliner Verkehrsknotenpunkt: der Bahnhof Zoo.

Schon seit Jahren ist der Bahnhof Zoo in Berlin eine Großbaustelle. Nach der Sanierung soll die Station wieder an ihre Geschichte anknüpfen, die 140 Jahre zurückreicht.

„Seit 1882 Zug um Zug in die Zukunft“, verkündet die Deutsche Bahn auf dem Bauzaun. Wer den Holz- und Blechwänden folgt, stolpert mitunter über Bierflaschen und Fast-Food-Reste. Unter der Bahnbrücke riecht es beißend nach Urin. Fahrgäste, die von der U-Bahn in die S-Bahn umsteigen, werden auf dem Bahnhofsvorplatz von Bettlern und Betrunkenen empfangen. Im Innern des Bahnhofs folgt ein Zickzack bis zur Rolltreppe hoch zur S-Bahn. Denn die Halle unter den S-Bahn-Gleisen, in der 2015 die Umbauarbeiten begannen, soll erst 2027 wieder eröffnet werden.

Einkaufsbahnhof geplant

Der alte West-Berliner „Hauptbahnhof“ muss von Grund auf saniert werden. Er erinnert an die Chaosbaustelle BER – und wird wohl insgesamt ähnlich lange dauern; der Großflughafen war erst nach 14 Jahren fertig. Hinzu kommt, dass neben der überfälligen Modernisierung der Umbau auch dazu dient, die Ladenflächen deutlich zu vergrößern. „Mein Einkaufsbahnhof“ heißt es bereits auf den Bauzäunen, „Shoppen an 365 Tagen im Jahr“.

Immerhin halten hier noch jährlich 326.000 Züge, überwiegend S-Bahnen und Regionalzüge, was die Sanierung nicht gerade einfach macht. Die Wache der Bundespolizei unter den Bahnsteigen, die allein durch ihre Präsenz die Kriminalität eindämmte, musste den Bauarbeiten weichen. Der neue Standort ist nun ein Containerdorf auf dem Vorplatz.

Eingangstor zur City West

Das Eingangstor zur aufgehübschten City West stellt man sich anders vor. Denn rings um den noch immer berühmtesten Bahnhof Berlins hat sich die Stadt mit Hilfe von Milliarden-Investitionen neu erfunden. Schräg gegenüber der Station wurden die jeweils 118,8 Meter hohen Hochhäuser „Upper West“ und „Zoofenster“, das ein Fünf-Sterne-Hotel beherbergt, errichtet. Das Bikini-Haus samt neuer Mall und das dazugehörige Traditionskino „Zoopalast“ sind längst saniert. Auch die Instandsetzung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die wie kaum ein anderes Bauwerk das Zentrum des Nachkriegs-West-Berlin prägte, schreitet voran. Die Arbeiten sollen 2025 abgeschlossen sein.

In diese neue Welt des Aufbau West passt der etwas altbackene Bahnhof schon länger nicht hinein. Dabei erinnern nur noch ein paar alte gelbgraue Kacheln an jenes verwinkelte Schattenreich, das durch Christiane F. und die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ berühmt wurde. Die wilde Affäre im Damenklo, die Nina Hagen 1978 lustvoll besingt, kann man sich auf den heutigen Bezahl-Toiletten kaum noch vorstellen.

Tor zum Kurfürstendamm

Mit der puren Tristesse, die die von der DDR-Reichsbahn verwaltete Station bis zum Mauerfall ausstrahlte, hat der heutige Bahnhof trotz der Bauarbeiten ohnehin kaum noch etwas zu tun. Schon lange ist die große Halle kein zentraler Drogentreff mehr; die Fixer- und Stricher-Szene hat sich verstreut. Ein sozialer Brennpunkt ist der Bahnhof gleichwohl geblieben, der viele Probleme der Hauptstadt spiegelt. In dem Verkehrsknotenpunkt kreuzen sich täglich die Wege von rund 130.000 Berlinern und Gästen, denen der Bahnhof die Vorstellung liefert, sich mitten in der Gesellschaft und zugleich am äußersten Rand zu befinden. Die Caritas-Ambulanz bietet eine medizinische Grundversorgung für Menschen, die nicht krankenversichert sind, die Bahnhofsmission eine warme Mahlzeit.

Der denkmalgeschützte Bahnhof soll nach Sanierung und Schönheitskur zugleich an seine alte Geschichte anknüpfen: Schon bald nach der Eröffnung im Jahr 1882 wurde der Bahnhof das Tor zum neureichen, schicken Westen und seiner Prachtstraße Kurfürstendamm. Allerdings werden auch künftig die Fernzüge hier nur durchfahren, obwohl in den neunziger Jahren die Bahnsteige auf ICE-Länge gebracht worden sind.

Von Autoren und Songschreibern verewigt

Doch seit der Eröffnung des nur drei S-Bahn-Stationen entfernten Hauptbahnhofs halten an den verlängerten Bahnsteigen fast ausschließlich kurze Regionalzüge. Schon Emil Tischbein kam mit einem Bummelzug in „Berlin Zoologischer Garten“ an. Erich Kästner gehört mit „Emil und die Detektive“ zu den zahlreichen Schriftstellern und Songschreibern, die dem Bahnhof ein literarisches Denkmal setzten.

Eine andere Geschichte schrieb Helmut Neustädter, der als 18-Jähriger gemeinsam mit Tausenden anderer Berliner Jüdinnen und Juden von hier vor den Nazis in die Emigration floh. Als Helmut Newton wurde der Fotograf später weltberühmt. Im früheren Landwehrkasino in der Jebensstraße befinden sich heute die Helmut-Newton-Stiftung und das Museum für Fotografie. Mit seiner Eröffnung vor knapp 20 Jahren begann die Aufwertung der Gegend um dem Bahnhof, die noch Jahre andauern wird.

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