Politik Auf die Straße fürs schwächelnde Europa
„Pulse of Europe“ – hinter dem englischen Namen verbirgt sich eine in Deutschland ins Leben gerufene Bewegung, die sich für das vereinte Europa stark macht und nationalistischen Tendenzen eine Absage erteilt. In vielen Städten gehen Menschen derzeit Sonntag für Sonntag auf Straßen und Plätze, um damit ihr Ja zur EU zu demonstrieren – etwa in Mannheim und Speyer.
ist und bleibt eine Baustelle, auf der nicht alles auf Anhieb funktioniert. Das bekommen gestern auch die Organisatoren und Teilnehmer der gestrigen „Pulse of Europe“-Kundgebung auf dem Mannheimer Marktplatz zu spüren. Mehrere Hundert Menschen haben sich versammelt, um den Redebeiträgen zu lauschen – und müssen dann feststellen, dass die Mikrofonanlage zunächst gar nicht und dann nur sporadisch funktioniert. Die Botschaft erreicht aber auch ohne elektrische Verstärkung Frau und Mann: Das vereinte Europa ist zu wichtig, um es denen zu überlassen, die es rückbauen oder ganz zerstören und stattdessen wieder zurück ein nationalstaatliches Klein-Klein wollen. Bei sonnigem Wetter sind Jung und Alt auf den Marktplatz gekommen, wohin man wegen des großen Zuspruchs bei der ersten Kundgebung am Rosengarten eine Woche zuvor umgezogen ist. „Ich finde es wichtig, dass sich auch junge Leute für Politik und Europa interessieren“, erläutert Arne Janssen, weshalb er sich auf den Weg zum mit viel Europa-Blau versehenen Platz gemacht hat. Mit dem gleichen Ziel vor Augen folgt Wanda Karl dem Aufruf der „Pulse of Europe“-Organisatoren. „Ich hoffe, dass die Menschen begreifen, dass es 5 vor 12 ist, wenn wir die EU erhalten wollen“, ist es für sie höchste Zeit, sich für Europa zu engagieren, denn: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“. „Die schweigende Mehrheit schweigt nicht länger“, ruft Olaf Ginter, einer der Initiatoren von „Pulse of Europe“ in Mannheim, den Menschen vor der Bühne zu. Es sei nötig, „vom Sofa aufzustehen“, zu wählen und sich zu engagieren für Europa, statt den lautstarken Kritikern und Feinden Europas das Feld zu überlassen. Vor allem in einer Zeit, wo zum einen die Briten der EU gerade den Rücken kehren, während zum anderen die französische Präsidentschaftswahl näherrückt, die angesichts der aussichtsreichen Kandidatur der rechtsextremen Marine Le Pen auch darüber entscheiden wird, welchen Europa-Kurs das EU-Gründungsmitglied Frankreich künftig verfolgt. Die in knapp drei Wochen anstehende Wahl im Nachbarland bildet denn auch einen der Schwerpunkte in den Reden und Beiträgen. „Pulse of Europe“ – Puls Europas: Ein halbes Jahr nach der Gründung hat die Bewegung ein selbst für ihre Initiatoren überraschendes Echo in der Bevölkerung gefunden. In europaweit mehr als 80 Städten finden regelmäßig Kundgebungen statt. Allein in Deutschland treffen sich laut der Website der Bewegung inzwischen in 65 Städten jeden Sonntag Menschen, um die europäische Idee zu unterstützen. Darunter ist in Rheinland-Pfalz neben Bad Kreuznach, Koblenz und Trier als bisher einzige pfälzische Stadt auch Speyer. Insbesondere Bernd Rückwardt sorgt dafür, dass der Puls Europas auch in der Domstadt schlägt. Als Mitglied der Europa-Union hält auch er die Zeit für gekommen, für ein geeintes Europa auf die Straße zu gehen. Dieses „für etwas sein“ ist es auch, was Olaf Ginter veranlasst hat, sich in Mannheim zu engagieren. „Wir sind dafür, dass Europa bestehen bleibt“, lautet für Ginter die Kernbotschaft der Bewegung, die sich als strikt überparteilich versteht und bestrebt ist, Menschen jeder politischen und sozialen Herkunft hinter dem Europa-Emblem zu versammeln. Die ursprüngliche Idee dazu stammt aus Frankfurt, wo die Rechtsanwälte Sabine und Daniel Röder „Pulse of Europe“ im vergangenen Herbst ins Leben riefen – kurz nachdem in den USA mit Donald Trump ein Mann zum Präsident gewählt worden war, der mit „America first“ einem strikten Nationalismus das Wort redet und mit der EU im Grunde nichts anfangen kann. Aber kann das wirklich funktionieren? Kann eine Bewegung, die bisher vom ehrenamtlichen Engagement ihrer Initiatoren und Organisatoren lebt, auch auf Dauer Einfluss auf die öffentliche Meinung und die politisch Verantwortlichen nehmen? Eine Bewegung, die ihre Botschaft in zehn eher allgemein gehaltene Thesen gepackt hat und bei der jeder ins „offene Mikrofon“ sprechen kann? Manche Beobachter mahnen, „Pulse of Europe“ trete zu unverbindlich auf, müsse sich, um auch politisch zu wirken, konkrete Ziele setzen. Andere sehen die Offenheit als Risiko, warnen davor, dass hier auch Menschen eine Bühne finden könnten, die ihr eigenes politisches Süppchen zu kochen versuchen. Vorläufig jedenfalls scheint die Resonanz den Initiatoren recht zu geben. Und am Ende, als mit Beethovens „Ode an die Freude“ die Europa-Hymne intoniert wird, funktioniert in Mannheim auch das Mikrofon.