Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Auf Biermanns Ausbürgerung folgt eine beispiellose Protestwelle

Wolf Biermann bei einem Auftritt im Jahr 2014.
Wolf Biermann bei einem Auftritt im Jahr 2014.

Um Wolf Biermann ist es in den vergangenen Jahren still geworden. Doch vergessen ist der inzwischen 84-jährige Lyriker und Liedermacher nicht. Vor 44 Jahren wurde Biermann aus der DDR ausgebürgert – ein Beschluss mit Folgen.

Eigentlich sollte Wolf Biermann Ende Oktober, kurz vor seinem Geburtstag am 15. November, vom Fachbereich Philologie/Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau die Ehrendoktorwürde verliehen bekommen. Doch der Festakt wurde wegen Corona abgesagt. „Zwingend notwendig aber kann die Ehrenpromotion eines Poeten nicht sein“, wurde Biermann von der Uni zitiert, der sich strikt an den Reiseverzichts-Appell von Kanzlerin Angela Merkel halten wolle. „Ich freue mich auf einen Termin im nächsten Jahr, da könnten wir womöglich ohne alle Pandemieängste uns treffen.“

Einst hat ein anderes, besonders perfides Geburtstagsgeschenk ihn deutschlandweit bekannt gemacht. Am 16. November 1976 verkündeten die DDR-Behörden die Ausbürgerung des Regimekritikers aus dem SED-Staat. Biermann, der einen Tag zuvor 40 Jahre alt geworden war, befand sich gerade auf Einladung der IG Metall auf einer Tournee in der Bundesrepublik. Die Verweigerung der Wiedereinreise zeigte beispielhaft, wie SED-Chef Erich Honecker und Stasi-Chef Erich Mielke versuchten, die Opposition mundtot zu machen.

Das Kalkül der SED ging nicht auf

Doch das Kalkül ging nicht auf. Biermanns Ausbürgerung gilt heute als der Anfang vom Ende des SED-Regimes. Für den Liedermacher, vor seiner Konzertreise in den Westen im Osten mit einem über zehnjährigen Auftritts-, Publikations- und Ausreiseverbot belegt, kam die kalte Abschiebung einem Schock gleich. „Es war die schwierigste Zeit meines Lebens – diese ersten West-Jahre“, erinnerte er sich später. „Ich brauchte mindestens vier, fünf Jahre, um wieder bei mir zu sein.“

Denn ursprünglich war der „Arbeiter- und Bauernstaat“ sein Traumland. Mit 16 Jahren war der Sohn kommunistischer Eltern von Hamburg in die DDR übergesiedelt. In Ost-Berlin machte er Abitur, begann ein Studium an der Humboldt-Universität, das er abbrach, um am Berliner Ensemble als Regieassistent zu arbeiten. Im Umfeld des Brecht-Theaters lernte er 1960 den Komponisten Hanns Eisler kennen, den er bis heute als „Vorbild und Mentor“ schätzt. Anfang der sechziger Jahre schrieb er erste Gedichte und Lieder und wurde einem kleinen Publikum bekannt.

Selbst Moskau warnte vor der Ausbürgerung

Mit einem kritischen Stück über den Mauerbau fiel er erstmals in Ungnade. Doch der junge Lyriker ließ sich nicht entmutigen: „Wenn die Musen mich nicht geküsst hätten, hätten die Bonzen mich erschlagen.“ Biermann blieb unberechenbar und direkt – wie sein Vater Dagobert, der 1943 im KZ Auschwitz umgebracht wurde. „Nicht die Schnauze halten können“, wie Biermann es formulierte, immer wieder anecken und zündeln.

Dabei war sein Auftritt am 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle gewiss nicht besonders provokant; Biermann sagte rückblickend, er sei damals mit dem SED-Sozialismus noch nicht fertig gewesen und wollte unbedingt zurück in die DDR. Doch als Vorwand für die Ausbürgerung reichte es. Dabei hatte selbst die Sowjetunion vor einem Rauswurf dringend gewarnt, einen „intellektuellen Aufstand“ befürchtet.

Viele DDR-Künstler zeigten sich solidarisch

Tatsächlich erreichte die SED-Führung damit genau das Gegenteil: Das Kölner Konzert wurde am 19. November 1976 ARD-weit ausgestrahlt, Biermann so erstmals einem breiten Publikum in beiden deutschen Staaten bekannt. In der DDR löste die Ausbürgerung eine zuvor nicht gekannte Protestwelle aus. Denn dieser Schritt raubte vielen Ostdeutschen die letzte Hoffnung auf eine Reform des Sozialismus. Vor allem die Kulturszene geriet in Aufruhr: 13 international bekannte DDR-Künstler, unter ihnen Christa Wolf, Stefan Heym, Stephan Hermlin und Heiner Müller, protestierten mit einem offenen Brief an die SED-Führung. Weit über hundert prominente „Kulturschaffende“ unterschrieben diese Solidaritätserklärung.

Daraufhin hagelte es Auftritts- und Reiseverbote, Maßreglungen und Verhaftungen. Immer mehr Schauspieler, Schriftsteller und Intellektuelle packten in den Jahren nach der Ausbürgerung ihre Koffer. Von diesem Aderlass und der einsetzenden ersten Ausreisewelle hatte sich der SED-Staat nie wieder erholt.

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