Meinung
Atomkraftwerke abschalten – und dann?
Es ist ein historisches Datum. Am 15. April gehen die letzten drei deutschen Atomkraftwerke vom Netz. Dies ist der Schlusspunkt unter eine sechs Jahrzehnte dauernde Auseinandersetzung, die die Gesellschaft gespalten hat. Die Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf, das nie gebaute Atomkraftwerk in Wyhl am Kaiserstuhl, um nur einige Brennpunkte zu nennen – alles ist nun endgültig Geschichte.
Zwar hat kürzlich die FDP versucht, nach 2011 zum zweiten Mal den Ausstieg aus dem Atomausstieg hinzubekommen. Doch im Herbst 2022, als der Streit um den Weiterbetrieb der AKW richtig Fahrt aufnahm, sprach Kanzler Olaf Scholz (SPD) ein Machtwort. Diesmal zu Gunsten der Grünen (und mit Blick auf große Teile der eigenen Partei): Es bleibt beim Abschalten. Die drei verbliebenen Reaktoren waren sowieso schon länger als geplant am Netz. Damit Deutschland sicher durch den Winter komme. Denn das russische Gas steht wegen des Zerwürfnisses um den Ukraine-Krieg nicht mehr zu Verfügung.
Die einstige „Brückenenergie“
Der Wegfall des russischen Erdgases ist das größte Problem beim Atomausstieg. Jahrzehntelang galt Erdgas als „Brückenenergie“ beim Übergang vom Kohle- und Atom-Zeitalter in die Ära der Erneuerbaren. Den Worten nach zweifelten auch die Vorgängerregierungen nie am Siegeszug der Erneuerbaren bei der Stromerzeugung. Doch jahrzehntelang passierte dann zu wenig. Und so kann man sich nun zwar freuen, dass es vorbei ist mit der risikobehafteten Atomkraft in Deutschland. Doch gleichzeitig müssen neue Probleme gelöst werden.
Es stimmt: Das nukleare Erzeugen von Strom kann man mit einem Flugzeug vergleichen, das abgehoben hat, ohne dass festgestanden hätte, wie und wo es wieder landen könnte. So gibt es noch immer kein Endlager für hochradioaktiven Müll. In Deutschland wurde der Zeitpunkt zum Bau wieder einmal nach hinten verschoben – in Richtung 2050. Was zugleich bedeutet: Richtig abgeschlossen ist das Thema „Atomkraft“ hierzulande gar nicht. Es wird Proteste geben, wenn erst einmal der Standort für ein solches Endlager feststeht. Auch lagert hochradioaktiver Müll an früheren AKW-Standorten, doch die Genehmigungen sind zeitlich begrenzt.
Massiv steigender Strombedarf
Unmittelbar das weit größere Problem ist, wie Deutschland künftig seinen Strom produzieren soll. Beim Blick auf die Prognosen kann einem schwindlig werden. Denn der Strombedarf wird massiv steigen. Elektroautos, Wärmepumpen – all dies ist wünschenswert, zumal mit Blick aufs Klima. Doch nicht unter den Tisch gekehrt werden dürfen Befürchtungen, dass es eben nicht schnell genug gehen könnte mit dem Aufbau einer alternativen, einer grünen Energie-Infrastruktur.
Ja, die Ampel hat Gesetze geändert, will Bürokratie abbauen, damit Windräder und Solaranlagen schneller errichtet werden können. Doch in der Realität kommen eben viele Faktoren mit ins Spiel, mischen viele Instanzen mit. Eine Lücke zwischen dem Notwendigen und der Wirklichkeit wäre das Letzte, was Deutschland nun braucht.
Die Lichter blieben an
Sonst könnte es sein, dass sich am Ende zwar der Slogan „Atomkraft, nein danke“ politisch durchgesetzt hat. Gleichzeitig aber könnten in Deutschland „die Lichter ausgehen“. Letzteres war eine Warnung, die 1975 der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) mit Blick auf den als „unbedingt notwendig“ erachteten AKW-Bau in Wyhl am Kaiserstuhl äußerte. Wyhl wurde, wir wissen es, nie gebaut – und die Lichter sind trotzdem nicht ausgegangen. Hoffen wir und strengen wir uns an, damit es auch diesmal klappt.