Gesundheit
Arznei fehlt: Was tun, wenn die Apotheke dicht macht?
Der Befund über die Arzneimittelversorgung in Deutschland ist bedrückend: „Der Fachkräftemangel, ein wachsendes Stadt-Land-Gefälle in der Bevölkerung sowie die Abwanderung in andere Beschäftigungszweige können perspektivisch zu Versorgungseinschränkungen in der Fläche führen.“ So steht es in einem Gesetzentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium, der der RHEINPFALZ vorliegt.
Man kann diese Einschätzung auch mit Zahlen unterlegen. Seit 2012 mussten in Rheinland-Pfalz 232 Apotheken ersatzlos schließen, das sind rund 20 Prozent aller Geschäfte. Der Bundesschnitt liegt bei rund 13 Prozent. Nach Angaben des Apothekerverbandes Rheinland-Pfalz dürfte sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren beschleunigen. Aktuell ist etwa ein Drittel der Apothekeninhaber im Land 60 Jahre und älter. Über sieben Prozent haben bereits das Alter von 70 Jahren erreicht.
Mehr Geld für Notdienste
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will mit einer großen Apothekenreform nun Rahmenbedingungen für eine bessere Arzneimittelversorgung in der Fläche schaffen. Dabei setzt der Minister auf finanzielle Anreize wie etwa die höherer Vergütung von in der Nacht und am Wochenende geleisteten Notdiensten. „Apotheken, die sich in Regionen mit geringer Apothekendichte befinden, müssen häufiger Notdienste leisten als Apotheken in Regionen mit hoher Apothekendichte. Dieser Einsatz soll besonders honoriert werden“, heißt es in dem noch nicht beschlossenen Ministeriumspapier.
Allerdings dürften das auch die Patienten und die Krankenversicherungen spüren. So ist geplant, die packungsbezogenen Zuschläge zur Vergütung von Notdiensten um rund 30 Prozent von 21 Cent auf 28 Cent pro Packung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels zu erhöhen. Weitere Änderungen sind beim sogenannten Festzuschlag für Apotheken geplant.
Flexiblere Öffnungszeiten
Aber auch für Lockerungen bei der Ausübung des Berufs setzt sich Lauterbach ein. Als zweite Säule des geplanten Gesetzes werden Vorgaben für die Eröffnung von Apotheken sowie deren täglichen Betrieb verändert. So sollen flexiblere Öffnungszeiten ermöglicht werden, um diese an den Personalbestand anzupassen. Die Gründung von Filialen in Orten mit Unterversorgung soll erleichtert werden. So soll die Gründung einer Filialapotheke künftig nicht mehr auf denselben oder einen benachbarten Kreis beziehungsweise auf dieselbe oder eine benachbarte kreisfreie Stadt beschränkt sein.
Auch ist im Entwurf vorgesehen, dass nicht mehr in jeder Apotheke ständig ein Apotheker anwesend sein muss, sofern dieser bei Fragen per Video zugeschaltet werden kann. Um den Fachkräftemangel abzumildern, sollen auch Apotheker ein Geschäft neu gründen können, die ihre Prüfung außerhalb Deutschlands bestanden haben. Bislang dürfen sie nur bestehende Apotheken übernehmen. Außerdem sollen Fachkräfte aus dem Ausland bereits während des Anerkennungsverfahrens wie Auszubildende für pharmazeutische Tätigkeiten eingesetzt werden können.
Gegen „Abgabestellen“
Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hält von Lauterbachs Ideen nichts. Die Vorschläge bedrohten die Arzneimittelversorgung der Menschen, so Präsidentin Gabriele Regina Overwiening. Besonders kritisch sieht der Verband, dass es künftig Apotheken ohne Apotheker geben kann. „Solche Abgabestellen auf niedrigstem Niveau sehen wir mit großer Besorgnis“, erklärt Overwiening. Die Versorgung werde bagatellisiert und abgewertet.