Italien
Amazon-Gründer Bezos heiratet: Maßlos in Venedig
Venedig hat schon viele Traumhochzeiten erlebt, zum Beispiel 2014 jene von US-Schauspieler George Clooney und Amal Alamuddin. Aber eine derart hemmungslose Zurschaustellung von Reichtum wie im Fall des Brautpaares Bezos/Sánchez, ein derartiges Aufgebot an Superreichen und Prominenten, hat die Lagunenstadt noch nie gesehen.
Mindestens 95 der 250 geladenen Gäste reisen laut Recherchen des „Corriere della Sera“ in ihren Privatjets an, weitere neun – auch der Gastgeber selbst – kommen in ihren Megajachten nach Venedig.
In Venedig reißen derweil die Proteste gegen den 61-jährigen Bezos und seine größenwahnsinnige Party nicht ab. „No Space for Bezos“ heißt das Motto der Hochzeitsgegner – ein Motto, das wegen US-Angriffe auf den Iran und aufgrund der politischen Nähe von Bezos zu US-Präsident Donald Trump inzwischen zu „No Bezos, no War“ umformuliert wurde.
Reiche Steuervermeider
Es kommt gerade einiges zusammen in Venedig: Der Unmut über den „Ausverkauf der Stadt an Schwerreiche, während die Bewohner wegen zu hoher Mieten und Häuserpreise die Stadt verlassen müssen“ (wie auf den Flugblättern der Bürgerkomitees zu lesen ist), aber auch Sorgen angesichts einer unsicheren Weltlage, für die in erster Linie die USA verantwortlich gemacht werden.
Die Proteste haben bereits Wirkung gezeigt: Auf Intervention des italienischen Innenministers Matteo Piantedosi wurde das Programm der Hochzeit „aus Sicherheitsgründen“ angepasst: Zum einen wurde Bezos’ 157 Meter langen und 500 Millionen Dollar teuren Superjacht „Kora“ und ihrem 75-Meter-Begleitschiff „Abeona“ (mit Hubschrauberlandeplatz) die Einfahrt in die Lagune verwehrt: Es handle sich um ein „sensibles Ziel“. Zum anderen wurde der große Abschlussball am Samstag von der Scuola Grande della Misericordia (Große Schule der Barmherzigkeit) ins bescheidenere und abgelegenere Arsenale verlegt. Dieses könne einfacher gegen Störversuche von Hochzeitsgegnern gesichert werden, teilten die Behörden mit.
Gleichwohl bezeichneten Vertreter der Stadt und der Regionalpräsident des Veneto, Lega-Mann Luca Zaia, den Widerstand als „schändlich; die Proteste seien geleitet von klein kariertem Sozialneid. Doch diese Einschätzung ist selbst für den durch und durch bürgerlichen „Corriere della Sera“ zu kurz gegriffen. Der Staat solle zwar nicht den Reichtum bekämpfen, aber die Armut, schrieb diese Woche einer der Herausgeber. „Doch das Fundament unseres Gesellschaftsmodells besteht darin, dass zumindest ein Teil des Reichtums umverteilt wird, damit auch die Ärmeren ein würdiges Leben führen können.“ Das Problem bestehe eben nicht nur darin, dass sich ein immer größerer Teil der Vermögen im Besitz von wenigen Superreichen befinde, sondern auch dass diese so gut wie keine Steuern bezahlten.
Lagunen-Disneyland
Die Hochzeitsgegner betonen ihrerseits, dass „der Reichtum von Jeff Bezos auf der Zerstörung des Handels, auf Hungerlöhnen für die Amazon-Kuriere und auf Steuervermeidung“ basiere. Nicht umsonst haben die Protestkomitees als bisher letzte Aktion am Montag auf dem Markusplatz ein 400 Quadratmeter großes Transparent mit folgender Botschaft an Bezos ausgerollt: „Wenn du Venedig für deine Hochzeit mieten kannst, kannst du auch mehr Steuern zahlen.“
Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro freut sich dagegen auf die Millionen, die die Milliardärshochzeit für die Stadt abwerfen wird: Die US-Glitzerparty ist ganz nach dem Geschmack des „Lagunen-Trumps“, wie der Geschäftsmann Brugnaro, gegen den im vergangenen Sommer Ermittlungen wegen Korruption eingeleitet wurden, auch genannt wird.
Dass Venedig mit solchen Ereignissen noch mehr zu einem Disneyland zu verkommen droht, stört ihn so wenig wie der für die Bewohner kaum noch erträgliche Massentourismus in seiner Stadt. Anders die Hochzeitsgegner: Sie haben sich etwas bewahren können, was Bürgermeister Brugnaro, und erst recht Jeff Bezos, offensichtlich abgeht: Ein Sinn für das, was das verletzliche Unesco-Weltkulturerbe Venedig verträgt – und das Gespür dafür, wo Glanz aufhört und wo Maßlosigkeit beginnt.