Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Neustadt sich unbekanntes Land erobert

Im Maifischgraben wird das Gelände neu modelliert.
Im Maifischgraben wird das Gelände neu modelliert.

Die Landesgartenschau erschließt ein Gebiet, in das früher kaum jemand durfte.

Als der griechische Gelehrte Claudius Ptolemäus im zweiten Jahrhundert nach Christus sein Werk „Geographia“ verfasste, zeichnete er dort die damals bekannte Welt auf, also die Welt, die seine Zeitgenossen im Mittelmeerraum kannten. Und da fehlte so manches. Möglicherweise war Ptolemäus der erste, der für die weißen Flecken den Begriff terra incognita, lateinisch für unbekanntes Land, verwendete. Seit den Lebzeiten des Gelehrten sind die aus europäischer Sicht weißen Flecken weitgehend verschwunden. Und doch gab es im Neustadter Osten bis vor Kurzem eine terra incognita. Jedenfalls benutzte der parteilose Beigeordnete Bernhard Adams am Montag diesen Begriff, um das Gebiet rund um den Neustadter Panoramaberg zu beschreiben.

Panoramaberg?, wird sich so mancher Neustadter wohl fragen, das ist wirklich unbekannt. Besser kennt man die Erhebung unter dem Namen Monte Scherbelino, es geht also um den Deponiehügel. Terra incognita war das Gelände im strengen Sinn zwar nicht. Was Adams aber meinte: Es war für die Neustadter nicht zugänglich. Früher lief dort der Deponiebetrieb, und auch die dann stillgelegte Deponie war natürlich für die Öffentlichkeit gesperrt. Das wird künftig anders sein, der Hügel wird im Zuge der Landesgartenschau 2028 zum Panoramaberg. Von weithin sichtbares Zeichen dafür ist das, weswegen Adams und viele andere am Montag auf den Hügel gekommen waren: die Panoramabar, für die eine Art Richtfest gefeiert wurde.

Seit Vergabe der Landesgartenschau an Neustadt gab es etliche Führungen auf den Berg. Die Menschen genossen dort oben die Aussicht, bei einigen Neustadtern hatte man zudem durchaus den Eindruck, sie würden eine terra incognita erobern. Denn diese im wahrsten Sinne des Wortes neue Perspektive auf ihre Heimatstadt begeisterte sie.

Bloß kein vergessener Ort

Beeindruckt war am Montag auch Adams, über den Fortschritt der Arbeiten an der Sportlandschaft an der Ostseite des Hügels. Er sei erst vor ein paar Tagen da gewesen, seither habe sich viel getan, staunte der Beigeordnete. Das Richtfest hatte als Hintergrundrauschen auch konstant den Baulärm, denn auf dem Hügel und ringsum wird kräftig gewerkelt.

Bei Bürgermeister Stefan Ulrich (CDU) kamen Erinnerungen an eine weniger schöne Sache hoch: Er musste daran denken, wie er vor wenigen Jahren auf dem Hügel stand, als dort illegal entsorgter Abfall wieder aufwendig ausgegraben wurde. Der Deponieskandal beschäftigte die Lokalpolitik über längere Zeit. Das Schmunzeln in Ulrichs Gesicht zeigte aber auch, wie sehr er sich aktuell über den Anblick des Maifischgrabens freute. Die Arbeiten dort kommen gut voran, sprich die Neumodellierung des Geländes für die Landesgartenschau und darüber hinaus. Denn dort soll – so zumindest die Hoffnung der Stadt – eine Fläche für Glamping, also luxuriöses Camping, entstehen.

Sich mit den Fragen der Nutzung nach der Landesgartenschau jetzt schon zu befassen ist wichtig. Die Großveranstaltung wird sicher Besuchermassen anlocken. Aber auch danach soll es nicht wieder ganz still werden, soll Leben auf dem Gelände bleiben, damit es nicht von einer terra incognita zum lost place, also einem vergessenen Ort wird.

x