Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Zottelige Aufpasser: Lamas zum Herdenschutz vor Luchs und Wolf?

Auch in den Schweizer Alpen werden Lamas bereits zum Schutz von Schafherden eingesetzt.
Auch in den Schweizer Alpen werden Lamas bereits zum Schutz von Schafherden eingesetzt.

Seitdem Luchs und Wolf durch die Region streifen, sind Halter von Weidetieren besorgt. Wie können Schafe und Ziegen vor Raubtieren geschützt werden? In Amerika und Australien bewachen Lamas erfolgreich Herden. Ist das auch ein Modell für die Pfalz?

Wer an Lamas denkt, hat knuffige Zottelwesen vor dem geistigen Auge, die einfühlsam auf Menschen zugehen und, okay, auch mal ein bisschen störrisch sein können. Aber dass diese Knuddeltiere eine wirksame Abwehr gegen Raubtiere bieten sollen, das erwartet man nicht unbedingt. Doch der erste Eindruck trügt. In den USA, in Kanada oder Australien werden Lamas und Alpakas schon lange erfolgreich im Herdenschutz eingesetzt. Denn sie haben eine angeborene Abneigung gegen alle Hundeartigen. So bewachen sie Schafsherden vor Kojoten, Dingos, wildernden Hunden, Luchsen und anderen Caniden. In der Schweiz laufen bereits Pilotprojekte, um zu erforschen, inwieweit sie Schutz gegen Wölfe bieten können. Könnten bald auch in der Pfalz Lamas als Aufpasser eingesetzt werden? Schließlich sind seit der Wiederansiedlung des Luchses vor sieben Jahren und seitdem auch schon mal ein Wolf die Region durchstreift hat, die Weidetierhalter in Habachtstellung.

Rudolf Klotz ist der „Papa“ der Pfalz-Lamas, knapp 50 Tiere hat er in Gehegen in Völkersweiler, Annweiler und Waldhambach, mit denen er Wanderungen und Tier-Begegnungen anbietet. Aber auch das Bundeslandwirtschaftsministerium setzt auf seine langjährige Erfahrung. Dass Lamas in Übersee längst zum Herdenschutz eingesetzt werden, weiß er natürlich. Denn die Tiere brächten einige Eigenschaften mit, die sie dafür prädestinierten. „Lamas sind keine Fluchttiere, sondern sie sind wachsam und mutig“, berichtet er. Bei Gefahr stießen sie laute, schrille Gäckerlaute aus. Das verwirre den Angreifer. „Die würden nicht weglaufen, sondern spucken dem Räuber ins Gesicht, sodass seine Augen verklebt sind und der Geruchssinn gestört ist“, erklärt Klotz.

Bereits erfolgreich auf Hühnerfarmen im Einsatz

Die Schweizer Studien bestätigen, dass das Verhalten von Lamas auf Wölfe eine durchaus störende Wirkung zeige, da dieses nicht typisch für Beutetiere sei. Nicht einschätzbare Situationen würden von Wölfen eher gemieden, um das Risiko von Verletzungen zu minimieren. Laut dem dortigen Herdenschutzprojekte laufen die Neuweltkameliden auf den Angreifer zu und versuchen, ihn mit heftigem Stampfen, Ausschlagen und Beißen zu vertreiben. Lama-Papa Klotz erzählt, dass sich die Tiere in solchen Situationen auch auf die Hinterläufe stellen und dann mit ihrem ganzen Gewicht – bis zu 150 Kilogramm – auf den Räuber fallen lassen und ihm dabei die Wirbelsäule durchbrechen können. Zudem seien Lamas große und stolze Tiere und wirkten allein schon durch ihr Erscheinungsbild abschreckend. Als aufmerksame und neugierige Art patrouillierten sie in der Herde und hielten auf erhöhten Punkten Ausschau, so die weiteren Beobachtungen der Schweizer.

In den Schweizer Alpen werden Lamas bereits zum Schutz von Schafherden eingesetzt.
In den Schweizer Alpen werden Lamas bereits zum Schutz von Schafherden eingesetzt.

Dass Weidetierhalter in der Pfalz Lamas zum Schutz einsetzen, sei ihm nicht bekannt. Aber als Experte für die südamerikanische Kamelart bekomme er immer wieder Anfragen – „die betreffen dann aber eher den Schutz von Hühnern oder bei Wildschweinbefall“. Eine Bekannte von ihm aus Bruchsal habe eine Farm mit Tausenden von Hühnern. „Die hatten massive Probleme mit Füchsen und Wildkatzen. Seitdem die Lamas dort eingezogen sind, war gar nichts mehr“, berichtet er.

Das hält ein Schäfer von Lamas

In Gebieten, in denen sich Wölfe fest angesiedelt haben, nutzen Schäfer auch Herdenschutzhunde. Diese großen und kräftigen Hunde sind darauf gezüchtet und trainiert, die ihnen anvertraute Herde gegen Mensch und Tier zu verteidigen. Sie sind oft eine wirksame Abwehr, aufgrund ihres ausgeprägten Territorialverhaltens kann es aber vor allem in besiedelten Gebieten zu Konflikten kommen. Nach Angaben des Lands gibt es aber bereits vereinzelt Weidetierhalter in der Pfalz, die auf Herdenschutzhunde setzen. „Aber wenn du so einen Eisbären auf der Wiese stehen hast, kommt kein Jogger, Wanderer oder Radfahrer mehr vorbei“, macht Claus Börner seine Haltung deutlich, dass diese massigen Vierbeiner für hiesige Gefilde keine Option seien.

Der Dernbacher hält rund 50 Schafe rund um das idyllische Pfälzerwald-Dorf. Um die Herden zusammenzuhalten, hat er Hütehunde. Es sind vier von geschätzt 100, die er in seinem bisherigen Leben für sich oder andere Schafhalter ausgebildet hat. Die kleinen, flinken Vierbeiner sind nicht mit Herdenschutzhunden zu verwechseln. Ihre Aufgabe ist es, die Herde zu treiben, nicht die Schafe gegen Feinde zu verteidigen. Sollte es so weit kommen, dass dies nötig wird, werde er die Schäferei an den Nagel hängen, macht der Mittsechziger unmissverständlich deutlich: „Wenn wir hier den ersten Wolfsriss haben, höre ich am nächsten Tag auf.“ Er stehe mit vielen Schafhaltern im Austausch, und die meisten sähen es so wie er, sagt er. „Ich halte die Wiederansiedlung des Wolfes hier für groben Quatsch. Wir können die hier nicht gebrauchen.“ Ob Präventionsmaßnahmen wie Zäune tatsächlich Schutz böten, bezweifelt er. Wölfe lernten schnell. „Wenn die einmal Erfolg haben, kommen sie immer wieder. Wir haben hier ja praktisch einen Aldi für die Wölfe eröffnet“, kommentiert er bissig.

Vergleich Lama und Herdenschutzhund

Dass Lamas zum Schutz von Hühnern etwa gegen Bussarde eingesetzt werden und die Angriffe tatsächlich nachgelassen haben, habe er auch gehört. Einen Einzelwolf könne ein Lama vielleicht auch noch in die Flucht schlagen, schätzt Börner. Aber sobald Wölfe im Rudel auftreten, hätten die Neuweltkameliden keine Chance, ist er überzeugt. „Wölfe im Rudel – die lachen doch über ein Lama.“ Zudem könne man sie wegen ihrer Abneigung gegen Hunde nicht zusammen mit Hütehunden in der Herde halten.

Als Vorteil sieht Börner, dass Lamas im Gegensatz zu Herdenschutzhunden ruhig seien und nicht so auf Menschen losgingen. Dass sie pflegeleichter als jene Abwehr-Hunde sind, keine teure Ausbildung bräuchten und schneller in Herden zu integrieren seien, wurde auch beim Schweizer Pilotprojekt festgestellt. Allerdings kommt man auch dort zum Schluss, dass sie sich eher für kleine Herden auf übersichtlichen Weiden und bei einfachen Bedingungen eignen. Und: „Lamas und Alpakas können im Herdenschutz vor allem ergänzend eingesetzt werden. Die Herdenschutzhunde können sie aber in keinem Fall ersetzen.“

Keine Förderung für Lama-Herdenschutz vom Land

Zu diesem Urteil kommt auch das Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo) in Abstimmung mit dem Umweltministerium Rheinland-Pfalz: „Gegen einzelne zum Beispiel auf der Wanderschaft befindliche Wölfe können Lamas eine Schutzwirkung auf die Herde haben. Jedoch ist es bereits zu Übergriffen auf Lamas und Alpakas durch Wölfe gekommen“, berichtet Julian Sandrini. Deswegen sei für diese Tiere keine finanzielle Unterstützung über die Förderung wolfsabweisender Herdenschutzmaßnahmen möglich, erklärt der Leiter des Kluwo-Teams in Trippstadt. Das Land sehe auch keine Herdenschutzprojekte mit Lamas vor. Halter von Weidetieren können beim Kluwo Förderungen etwa für Herdenschutzhunde, Elektrozäune oder kurzfristig abschreckende Maßnahmen beantragen, wenn von mindestens einem sesshaften Wolf in einer Region ausgegangen werden kann. Präventionsgebiete sind in Rheinland-Pfalz bislang für den Westerwald, die Verbandsgemeinden Prüm sowie Gerolstein und Adenau als Pufferzone, die Westeifel und den Taunus ausgewiesen.

Als Vorteil der Neuweltkameliden sieht Sandrini, dass diese ebenso wie die Weidetiere mit pflanzlicher Nahrung auskommen, also nicht gesondert gefüttert werden müssen wie Herdenschutzhunde. Ihr Nachteil gegenüber den großen Hunden sei die geringe Schutzwirkung. Zudem verweist auch er auf das aggressive Verhalten von Lamas und Alpakas gegenüber Hundeartigen. Auf Wölfe, Füchse und Hunde reagieren die Neuweltkameliden also allergisch. „Ein abschreckendes Verhalten gegenüber Katzenartigen wie dem Luchs ist uns nicht bekannt“, so der Kluwo-Leiter.

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