Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Warum sind Piwis so unbeliebt?

Miriam Jäger (links) und Katharina Kleiner sind Teil eines großen Forschungsprojekts, das sich mit Piwis befasst.
Miriam Jäger (links) und Katharina Kleiner sind Teil eines großen Forschungsprojekts, das sich mit Piwis befasst.

Zwei Pfälzer Wissenschaftlerinnen wollen ein Wein-Stiefkind zum Liebling machen – und suchen dafür mit europäischen Forschern nach zündenden Ideen

„Ein Teil des Problems ist, dass Menschen sich lieber mit Problemen befassen, anstatt nach Lösungen zu suchen.“ Das sagt Miriam Jäger. Es ist ein Satz, der gut zu den meisten Situationen im Leben passt. Die Wissenschaftlerin Miriam Jäger und ihre Kollegin Katharina Kleiner befassen sich aber beruflich nicht mit Alltagsproblemen, sondern mit einer Frage, die für den Weinbau der Zukunft von Bedeutung ist: Wie kann man Piwi-Weine beliebter machen?

Piwi, das ist eine Abkürzung für pilzwiderstandsfähige Rebsorten, bei deren Züchtung darauf geachtet wurde, dass sie gegen Pilzkrankheiten wie Echten und Falschen Mehltau und Schwarzfäule weitgehend resistent sind. Dafür werden klassische Rebsorten mit robusten Wildreben gekreuzt.

Mehr zum Thema

Sven Leiner aus Ilbesheim führt seit 25 Jahren ein Weingut in der Südpfalz. Jetzt stellt er zusätzlich zum Wein ein Getränk her,
Pfalz

RHEINPFALZ Plus Artikel
Bloß keine Kopie von Wein: Pfälzer Winzer setzen auf neuartige Getränke

Man muss diese Reben – dazu gehören beispielsweise Sauvignac, Solaris, Muscaris, Souvignier Gris oder Satin Noir – weniger spritzen (zwei- bis viermal anstatt sieben- bis zehnmal pro Jahr), spart damit Geld und schont die Umwelt. Aber irgendwie führen die Piwis auch ein Stiefkind-Dasein, wie Jäger beobachtet hat. Kleiner sagt: „Selbst Winzer, die Piwis anbauen, tun sich schwer mit der Vermarktung.“

Besseres Image für robuste Rebsorten

Jäger und Kleiner arbeiten daran, dass die „neuen robusten Rebsorten“ – wie sie sie lieber nennen – insgesamt ein besseres Standing bekommen. Und zwar mit Partnern aus Forschungseinrichtungen und Hochschulen aus ganze Europa. Die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen am Lehrstuhl für Nachhaltiges Unternehmertum am Weincampus in Neustadt sind Teil eines Forschungsprojektes, bei dem Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, Serbien und der Schweiz an der „Förderung eines nachhaltigen Weinbaus in einer sich verändernden Welt mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten“ arbeiten.

Für Piwi-Forschung: EU stellt fünf Millionen Euro bereit

„GrapeBreed4IPM“ – so heißt das Projekt – ist eine auf vier Jahre angelegte Untersuchung mit 21 Partnern – wie dem französischen Institut Francais de la Vigne et du Vin oder der spanischen Asociación Plataforma Tecnológica del Vino de España, dem schweizerischen Forschungsinstitut für Biologischen Landbau oder dem deutschen Julius-Kühn-Institut. Die Europäische Union stellt fünf Millionen Euro bereit, die Schweiz zusätzlich 600.000 Euro. „Ziel des Projekts ist es, robuste Rebsorten weiterzuentwickeln und die Bedingungen für ihre erfolgreiche Einführung in den Markt zu analysieren“, heißt es in einer Beschreibung. Die Europäische Union will, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringert werde, Piwis böten sich hierfür an. Und weiter: „Wenn konventionelle Pflanzenschutzmittel weiter eingeschränkt werden, ohne praktikable Alternativen bereitzustellen, könnte ein erheblicher Teil der europäischen Weinberge gefährdet sein.“

Workshops in ganz Europa

Die beiden Pfälzer Wissenschaftlerinnen haben im Januar und Februar ihre Koffer gepackt und in den Teilnehmerländern Workshops abgehalten, bei denen Menschen aus Weinbaupraxis, Forschung, Züchtung, Politik, Verbänden und Handel Strategien erarbeitet haben, um die Piwis populärer zu machen. Eines dieser Treffen fand in Ludwigshafen statt, dem Standort der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft (HWG). Der Neustadter Weincampus – das sei am Rande erwähnt – ist eine gemeinsame Einrichtung der HWG Ludwigshafen, der Hochschule Kaiserslautern, der Technischen Hochschule Bingen und des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum in Neustadt.

Eine eigene Sektlinie für die Jungen?

Ein Dutzend Vertreter sammelten also zuletzt in Ludwigshafen Ideen für eine „Piwi Future“. Ein Beispiel, das ausgearbeitet wurde, ist es, eine Piwi-Sektlinie zu entwickeln, die gezielt junge Zielgruppen anspricht. Oder: Eine Piwi-Allianz zu gründen mit „Botschaftern“, bestehend aus Winzern, Konsumenten und Händlern. Oder: Piwi nicht als „Sonderkategorie“ zu vermarkten, sondern bei der Vermarktung mit den traditionellen Rebsorten gleichzustellen. Es gehe beim Weinbau der Zukunft um mehr als um die Züchtung von neuen Rebsorten oder die Weiterentwicklung von bestehenden, sagt Kleiner, und nennt ein Manko der Vergangenheit: „Es wurde viel gezüchtet, ohne sich mit dem Konsumenten zu befassen.“ Der Konsument – den wollen die Forscherinnen nun auch besonders in den Blick nehmen und haben eine Umfrage ausgearbeitet, bei der sie mehr über die Kriterien der Leute für den Wein-Einkauf erfahren wollen.

„Eine Cuvée ist für mich nicht die Lösung.“

– Katharina Kleiner, Wissenschaftlerin

Insgesamt wird das EU-Projekt, das 2028 abgeschlossen sein soll, von sieben Gruppen bearbeitet – sie haben alle ihre eigenen Arbeitspakete. Die beiden Pfälzerinnen kümmern sich um den Bereich „Mitgestaltung“, dazu gehören Empfehlungen für internationale Marktstrategien, andere Forscher befassen sich mit „Molekularen Grundlagen der Krankheitsresistenz“ oder „Kreuzungszüchtung und neuen genomische Techniken“.

Es ist oft so, dass Piwis in Cuvées verarbeitet werden, also in Weinen, die verschiedene Traubensorten enthalten. Kleiner nennt ein Beispiel aus Frankreich: „Voltis darf als Cuvée-Partner in den Champagner rein.“ Doch eigentlich, findet sie, sollten die Weine eigenständig bestehen und unter ihrem Namen verkauft – und nicht „versteckt“ – werden: „Eine Cuvée ist für mich nicht die Lösung.“

In Deutschland und der Schweiz werden Piwis auf rund 3,5 Prozent der Rebfläche angebaut, in Spanien auf unter einem Prozent, in Österreich auf 2 Prozent. Es ist also noch viel Luft nach oben.

Umfrage

Wer sich an der Umfrage beteiligen will, findet diese hier.

x