Annweiler
Die Piwi-Revolution aus dem Wald: Pfälzer Weingut zum besten Deutschlands gekrönt
Wer durch die Altstadt Annweilers schlendert, denkt an Trifels, Fachwerk und Pfälzerwald. Was einem nicht unbedingt in den Sinn kommt, ist Weinbau. Dabei liegt genau hier ein historisches Anwesen, in dessen Keller ganz moderner Weinausbau betrieben wird.
Das Weingut Doktores Töpfer zählt sicherlich zu den jüngsten Weingütern an der Südlichen Weinstraße. Erst 2017 kam der erste Jahrgang auf den Markt. Und auch die beiden Köpfe dahinter hatten zuvor recht wenig mit Weinbau zu tun. Daniela Töpfer-Scheib und ihr Mann Sebastian Scheib waren gerade mitten im Studium für Pferdewirtschaft und Maschinenbau, als Danielas Vater die Idee hatte, aus seinem Hobby-Winzertum ein Weingut zu machen. „Aber nur, wenn wir den Betrieb dann übernehmen“, erinnert sich die Tochter schmunzelnd zurück.
Vater ist renommierter Rebenzüchter
13 Jahre nach dem Kauf der fünf teils denkmalgeschützten Häuser stehen sie nun hier – und freuen sich, zum besten Piwi-Weingut Deutschlands gekürt worden zu sein. Vor Kurzem verliehen die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und Piwi Deutschland ihnen den Bundesehrenpreis für Weingüter unter 10 Hektar. Wer jetzt Piwi hört und den Namen Töpfer liest, dem dürfte auch klar sein, um wen es sich bei Danielas Vater handelt.
Reinhard Töpfer gilt als einer der renommiertesten Rebenzüchter Europas. Über drei Jahrzehnte prägte er als Leiter des Julius-Kühn-Instituts für Pflanzengenetik die Arbeit des Geilweilerhofs in Siebeldingen. Unter seiner Ägide entstanden Zukunftsrebsorten wie Calardis Blanc und Calardis Musqué. Und die gehören heute natürlich zum Stammrepertoire des Weinguts Doktores Töpfer.
Neue Reben braucht das Land
Was verbirgt sich überhaupt hinter diesen vier Buchstaben? Piwi ist die Abkürzung für „pilzwiderstandsfähige“ Rebsorten: Dafür werden klassische Weinsorten mit robusten Wildreben gekreuzt. Die Piwis kommen mit bis zu 80 Prozent weniger Spritzungen aus. Auch klimatischem Unbill trotzen sie oft besser.
Dass das Weingut Doktores Töpfer komplett auf Piwis setzt, versteht sich bei der Familiengeschichte von selbst – und ist in der Südpfalz ein Alleinstellungsmerkmal. Und auch darüber hinaus. „Dass sich Betriebe zu 100 Prozent auf Piwis spezialisieren, ist sicherlich die Ausnahme“, so die Einschätzung von Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstituts, auf unsere Anfrage. Wobei Töpfers mit ihren 1,7 Hektar Anbaufläche, die auf der Siebeldinger Gemarkung „Im Sonnenschein“ liegen und einen jährlichen Ertrag von 5000 bis 7000 Flaschen bringen, ein sehr kleines Weingut sind. „Es gibt sicherlich noch Weingüter in der Südpfalz, die mehr Hektar Piwi-Sorten im Anbau haben, aber zusätzlich noch konventionelle Sorten“, sagt Büscher. Eine genaue Auflistung wird nicht geführt. Neben dem Weingut Graf von Weyher ist das Bio-Weingut Rummel aus Nußdorf das prominenteste Beispiel. Die Landauer Piwi-Pioniere pflanzen seit über 30 Jahren die neuen Sorten an, inzwischen auf rund 12 Hektar Rebfläche.
So viel Piwi-Wein wächst schon in der Pfalz
In der gesamten Pfalz wuchsen 2024 auf rund 800 Hektar Piwi-Sorten, wie Büscher berichtet. Das ist ein Anteil von 3,3 Prozent an der Gesamtrebfläche. Nach Ansicht der Weinverbände dürfte dies gerne mehr werden. „Die Weinbranche in Deutschland steht vor großen Herausforderungen“, betonte die Parlamentarische Staatssekretärin Martina Englhardt-Kopf bei der Preisverleihung. Piwi-Winzer zeigten eine mögliche Antwort darauf, wie ein nachhaltiger Weinbau der Zukunft aussehen kann.
Aktuell sei die „Piwi-Familie“ noch ein „kleiner verschworener Kreis“, sagt Scheib. Es brauche mehr Aufklärung darüber, meinen die Annweilerer, denn letztlich täten die Piwis nicht nur der Umwelt, sondern auch dem Geldbeutel der Winzer gut. Weniger Chemie im Weinberg, weniger Bodenverdichtung: Die Artenvielfalt erhöhe sich auf Piwi-Flächen nachweislich, hält Scheib fest. Wirtschaftlich betrachtet, senkten weniger Fahrten und Mittel die Kosten des Betriebs, und die robusten Sorten sorgten für stabilere Erträge.
Neue Vinothek im Hof des Weinguts bald fertig
Lange haftete Piwi-Weinen der Ruf an, geschmacklich nicht mithalten zu können. Die gelernte Winzerin kennt die Vorurteile. „Sie sind manchmal zickig, man muss sich rantasten.“ Aber mit dem richtigen Ausbau stünden sie traditionellen Sorten in nichts nach. Und die Weine aus Annweiler liefern dafür das beste Beispiel: Alle im vergangenen Jahr eingereichten Weine wurden von der DLG prämiert – zweimal mit Gold, je einmal mit Silber und Bronze. Neu hinzugekommen sind vier Traubensäfte und ein Verjus.
Wer die Piwi-Kreationen probieren möchte, hat dazu bald in der neuen Vinothek im Hof des Weinguts Gelegenheit. Deren Bau liegt übrigens ganz in den Händen von Reinhard Töpfer, der im Ruhestand als Handwerker seine neue Passion gefunden hat. „Er hat Weinkeller gegen Baustelle getauscht“, meint seine Tochter schmunzelnd. Und so bleibt das Weingut – wie von Anfang an gedacht – ein großes Familienprojekt.

Dürfen wir nachschenken?
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Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.




