Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Piwis auf dem Vormarsch: Warum dieser Winzer alte Weinsorten ersetzen will

Er setzt auf Piwi-Weine: Markus Mühlmichel und seine Familie.
Er setzt auf Piwi-Weine: Markus Mühlmichel und seine Familie.

Weniger Pflanzenschutz, mehr Nachhaltigkeit: Markus Mühlmichel aus Kirchheim will seinen Betrieb auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten umstellen. Doch es gibt eine Hürde.

Wenn Markus Mühlmichel von seinen Piwis redet, nennt er zehn Sorten. Zwei blendet er dabei aus: „Regent und Solaris zählen nicht.“ Dabei gehören auch diese beiden Rebarten zu den pilzwiderstandsfähigen, sind aber inzwischen etabliert. Und genau darauf hofft Mühlmichel mittelfristig: dass Piwis den Markt erobern. Der Winzer aus Kirchheim setzt deshalb auf den Ausbau. 3,5 der insgesamt 17,5 Hektar Wingert haben er, seine Frau Simone und Sohn Maurice bereits in den vergangenen 15 Jahren gepflanzt.

Etliche Vorteile

Der Grund für die Entscheidung, mehr auf Piwis zu setzen, war die Pflege. 2008 schon wurde das Weingut zu einem Biobetrieb, weil der Familie der Umweltschutz immer wichtiger wurde. Und in dem Zusammenhang rückten auch die pilzwiderstandsfähigen Weine in den Fokus, so Mühlmichel: „Wir brauchen weniger Überfahrten, haben also weniger Bodenverdichtung, was gut für die Artenvielfalt ist. Die Beeren sind lockerbeerig, bleiben also länger am Stock und sie haben eine stabilere Säure.“

Das alles seien nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Faktoren. Denn dadurch fielen weniger Arbeitsstunden an – beim steigenden Mindestlohn ein nicht zu vernachlässigendes Argument. Darüber hinaus zahlt sich die Widerstandsfähigkeit der Reben laut Mühlmichel langfristig aus, wie ein Vorfall vor zehn Jahren zeigt: Als der falsche Mehltau die Weinstöcke angriff, machte das Weingut 70 Prozent Verlust – der Piwi Sauvignac stand aber, „als wäre nichts gewesen“.

Kunden fremdeln noch

Was sich allerdings bemerkbar macht, ist die Zurückhaltung der Kunden. Da die Mühlmichels auch ein Gästehaus bewirtschaften und regelmäßig Kunden zu Besuch haben, probierten die sich durch das Sortiment und ließen sich überzeugen. Aber das Verkosten sei notwendig, hat der Winzer gemerkt. Die unbekannten Namen schreckten die Weintrinker ab. Gleichzeitig hält er nichts davon, die Piwis immer zu Cuvées zu verarbeiten. „So können sich die Sorten nicht etablieren“, ist er überzeugt.

Ulrich Fischer
Ulrich Fischer

Hilfreich sei dabei der Donauriesling, ebenfalls ein Piwi, der aber den bekannten Pfälzer Klassiker im Namen trage. Die Reben bezieht er von der Rebschule Freytag aus Neustadt, die pilzwiderstandsfähige Rebsorten züchtet. Wie Valentin Blattner und Volker Freytag auf ihrer Internetseite mitteilen, gehe es ihnen darum, eine hohe Weinqualität bei einem geringeren Verbrauch von Pflanzenschutzmittel und weniger Einsatz von Arbeitszeit zu erlangen.

„Frühes Opfer der Globalisierung“

Diese Vorteile bestätigt auch Ulrich Fischer, Leiter des Instituts für Weinbau und Önologie am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Neustadt. Hinter den Piwis stecken Kreuzungen europäischer und amerikanischer Rebsorten, die deren Vorzüge vereinen sollen. „Es geht darum, so viele Resistenzen wie nötig aus den amerikanischen Reben einzukreuzen und dabei so wenig Qualität der europäischen Reben wie möglich einzubüßen“, beschreibt es der Experte. Dahinter steckt aber ein selbstgeschaffenes Problem, denn die Krankheiten der Weinstöcke, die es zu bekämpfen gilt – falscher und echter Mehltau – kamen laut Fischer von importierten Weinstöcken aus den USA. „Die Reben waren also gewissermaßen ein frühes Opfer der Globalisierung“, sagt er.

Die Einkreuzungen begannen daher bereits in den 1930er-Jahren, es entstand der Regent, der inzwischen etabliert sei. Mittlerweile gilt es, bei den Kreuzungen drei Resistenzen zu erreichen, für den Fall, dass die Schädlinge eine umgehen können. Auch Frosthärte sei ein Faktor, der sich inzwischen einkreuzen lasse. Gespritzt werden müssen Piwis trotzdem, sagt Fischer, allerdings deutlich weniger im Vergleich mit traditionellen Rebsorten, nämlich nur zwei- bis viermal statt sieben- bis zehnmal im Jahr. Und das sind offenbar auch die Vorteile, die Winzer mittlerweile langsam überzeugen: 3,5 Prozent der Rebfläche in Deutschland, also 3500 Hektar, seien mit Piwi-Weinen bepflanzt, so der Institutsleiter. Die beliebtesten Sorten neben Sauvignac: Souvignier Gris, Cabernet Blanc, Muskaris bei den Weißweinen und Satin Noir oder Cabernet Cortis bei den roten.

Prognose: Piwi-Markt wächst

Weil diese Sorten unter den meisten Kunden noch unbekannt sind, setzen viele Winzer laut Fischer auf Cuvées, weil das die Hürden abbaue. Gleichzeitig seien aber etliche Winzer genau deshalb noch zurückhaltend, weil offen sei, wie sich der Absatz in den nächsten Jahren entwickelt. In der Ausbildung spielen Piwi-Weine in jedem Fall eine große Rolle, betont der Institutsleiter. Er sieht in den pilzwiderstandsfähigen Sorten einen Markt, der wächst. Fischer prognostiziert einen Anteil von zehn Prozent Piwi-Fläche in Deutschland, weil „die Vorteile überwiegen“. Derzeit sind es fünf Prozent.

Auch Mühlmichel setzt weiter auf seinen Piwi-Wein und plant bereits für die Zukunft: So wolle er in den nächsten Jahrzehnten peu á peu die traditionellen Rebsorten austauschen und komplett durch Piwis ersetzen. Denn auch wenn die Weine noch eine Nische bilden – Mühlmichel glaubt daran, dass das nicht so bleibt.

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