Neustadt / Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt und Speyer: Zwei gegensätzliche Bewerber um die Landesgartenschau 2027

Blick von der Altdeponie auf Neustadt.
Blick von der Altdeponie auf Neustadt.

Ende März steht fest, wer die Landesgartenschau 2027 ausrichten wird. Jetzt präsentieren sich alle sechs Bewerber im rheinland-pfälzischen Landtagsgebäude. Die Pfalz ist mit Neustadt und Speyer vertreten. Während Neustadt Bürger und Politik hinter sich weiß, formiert sich in Speyer auch Widerstand.

Neustadt ist heiß auf die Landesgartenschau (LGS). Gut zwei Jahre lang hat die Stadt ihre Bürger auf die Bewerbung vorbereitet. Es gab – Corona wegen – digitale Tagungen mit allen Altersklassen, schließlich ist Neustadt die Stadt der Demokratie. Auch die Stadtpolitik war immer am Ball. Am Ende stand eine Machbarkeitsstudie mit dem Titel „Sprung ins Grüne“. Denn bei der ersten LGS-Bewerbung Neustadts geht es vor allem um eines: die Innenstadt mit der Natur im Osten zu verknüpfen. Und das nicht nur für ein halbes Jahr Gartenschau, sondern in weiten Teilen dauerhaft.

Der Grund liegt für Neustadt-Kenner auf der Hand. Die mittelalterliche Struktur der Innenstadt ist nahezu erhalten, die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg verschont. Deshalb gibt es wenig Platz, schon gar nicht für grüne Zonen. Indes liegt die Natur nicht weit weg, man muss nur eine Verbindung schaffen. Dazu wurde schon einiges getan, auch dank der „Aktion Blau“ des Landes. So zieht sich entlang des Speyerbachs ein Grünzug von der Fußgängerzone bis zum Bahnhaltepunkt Böbig im Osten. Auch der Rehbach ist dort ein Thema.

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Grünes Konversionsprojekt

Genau daran schließt das Neustadter Gartenschaukonzept an. Jenseits des Böbig liegen Brachflächen, von denen die Stadt viele erwerben oder pachten konnte. Auf 24 Hektar sollen Gartenschau-Parks entstehen, vom Auenpark mit Wald-Lodges über den Berg- bis zum Spiel- und Sportpark. Integriert wurde die höchste Erhebung der Kernstadt: eine ehemalige Mülldeponie. Als grünes Konversionsprojekt soll sie erlebbar gemacht werden – mittels Aussichtsturm, Rutsche, Monorackbahn. Flächenrecycling der neuen Art, könnte man sagen.

Insgesamt entstünde eine vielfältige Naturlandschaft. Zwei Bäche würden renaturiert, besagte Parks angelegt, insgesamt ein Mix aus wertvoller Bachlandschaft, Wald, Wiesen, Weinbau- und Gartenflächen präsentiert. Möglich macht das auch die Nachbarschaft zum Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Vorderpfalz in Mußbach. Die Experten dort unterstützen tatkräftig und wollen das auch dann tun, wenn die Landesgartenschau in Neustadt wäre. Gleiches gilt für kommunale Nachbarn, da der Sprung in die Region nach dem Sprung ins Grüne ein Leichtes wäre.

100 Prozent wiederverwertbar

Auch das Konzept für die Verkehrsinfrastruktur stimmt aus Neustadter Sicht: Die Landesgartenschau wäre direkt über den Bahnhaltepunkt Böbig an den Öffentlichen Personennahverkehr angebunden. Der Individualverkehr würde von der A65 durch ein Gewerbegebiet auf Parkplätze im Osten gelenkt. Wäre dann noch ein Begriff, den auszusprechen so mancher erstmal lernen musste: Klar ist, dass es eine ökologische Schau werden muss. Sowohl beim Bau als auch beim Betrieb soll komplett auf Kreislaufwirtschaft gesetzt werden. Sprich: Möglichst alles soll wiederverwendet werden können – biologisch oder ein anderes Recycling. „Cradle-to-cradle“ heißt das Prinzip, sinngemäß „vom Ursprung zum Ursprung“.

Und die Kosten? Neustadt setzt 26 Millionen Euro Investitionen an, davon gut 20 Millionen Euro Fördermittel, und weitere acht Millionen für den Betrieb, wenn 600.000 Besucher kämen. Das ist aber sehr vorsichtig kalkuliert, weil es bislang immer mehr Gartenschau-Gäste waren.

Drei Speyerer Areale

Die Stadt Speyer hat sich mit ihrer Bewerbung für die Landesgartenschau große Ziele gesetzt: die Innenstadt stärken, die Mobilitätswende voranbringen, ein neues, attraktives Stadtquartier schaffen und dabei klimafreundlich und nachhaltig bleiben. Geplant sind drei LGS-Bereiche – davon zwei eintrittspflichtig –, die unterschiedlich gestaltet, aber miteinander verbunden werden sollen.

Im Norden liegt mit der Kurpfalzkaserne der größte Kernbereich. Er umfasst 13 Hektar, ist eintrittspflichtig und umzäunt. Wer mit dem Auto kommt, soll dort auf einer von zwei großen Stellflächen parken können, nach der Schau sollen dort 300 Wohneinheiten geschaffen werden. Herzstück wäre eine neu errichtete Markthalle mit regionalen Produkten. Sie würde nach der Schau stehenbleiben. Drumherum sind dauerhafte Grünflächen geplant, zehn Themengärten, Wald-Kita und Wald-Labor.

Städtepartner-Gärten

Im Süden der Stadt – zwischen Dom und Rhein – liegt die zweite eintrittspflichtige und 7,5 Hektar große Kernfläche. Rund um die Klipfelsau, eine Parkanlage hinter dem Domgarten, sollen Rhododendren und Rosen gepflanzt werden, um die Biodiversität zu verbessern. Es soll viel Raum für sportliche Aktivitäten geben. Auch Gärten der Städtepartnerschaften in China, Israel, Italien und Russland sind geplant. Der große Parkplatz gegenüber vom Festplatz soll einer Parkpalette weichen – begrünt und mit Solarpanels versehen.

Die Wege zu den Speyerer Sehenswürdigkeiten – etwa Technik-Museum, Dom oder SchuM-Stätten – sollen gärtnerisch aufgewertet werden. Gleiches gilt für das Rheinufer, angedacht sind Sitzgelegenheiten, Stege, Plattformen. Weil dieser Kernbereich ebenfalls eingezäunt wäre, sollen die angrenzenden Restaurants über ein Drehkreuz erreichbar und somit ins Konzept mit eingebunden sein.

Fünf Kilometer Luftlinie

Verbinden sollen die Bereiche Kurpfalzkaserne und Klipfelsau, immerhin gut fünf Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, sogenannte Korridore. In ihnen wird Shuttle-Service eingesetzt. Die Busse sollen die beiden Areale mit dem Bahnhof, dem Haltepunkt Nord/West und der Maximilianstraße verbinden. Vor allem aber sollen die Korridore für Fußgänger und Radfahrende attraktiv sein – mit Aussichtspunkten, viel Grün und Verweilmöglichkeiten. Wer kein Fahrrad dabei hat, soll sich eines leihen können. Direkte Straßenverbindungen sollen an einigen Kreuzungen fahrradfreundlicher umgebaut werden. Insgesamt 15,9 Hektar Grünfläche sollen frei zugänglich sein.

Speyer rechnet mit 36,9 Millionen Euro Investitionskosten. Etwa 12,7 Millionen Euro davon müsste die Domstadt selbst tragen. Für geplante Begleitprojekte kommen noch mal 5,9 Millionen Euro hinzu. Der Betrieb der sechsmonatigen Schau würde die Stadt schätzungsweise weitere 3,7 Millionen Euro kosten.

Bürgerinitiative macht mobil

Die Kosten und das zu erwartende Verkehrsaufkommen in der Stadt hat in Speyer früh eine Bürgerinitiative auf den Plan gerufen, die gegen die Bewerbung ist. Bis Mitte Januar 2022 hatte sie die notwendige Anzahl an Unterstützerunterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt. Der Stadtrat, der der Bewerbung zugestimmt hatte, muss nun entscheiden, ob die Stadt die Bewerbung zurückzieht oder einen Bürgerentscheid organisiert. Die Stadtverwaltung will aber abwarten, bis das Land entschieden hat, wer den Zuschlag bekommt.

Insgesamt sechs Bewerber

Sechs rheinland-pfälzische Kommunen wollen die Landesgartenschau 2027 ausrichten. Am Montag, 7. März, präsentieren sie sich von 10.30 bis 12.30 Uhr im Landtagsgebäude. Eingeladen hat das Wirtschaftsministerium. Das Land will in einer Kabinettssitzung Ende März entscheiden.

Zu den Bewerbern gehören neben Neustadt und Speyer drei weitere Städte: die Landeshauptstadt Mainz sowie Bitburg (Eifelkreis) und Bendorf (Kreis Mayen-Koblenz). Als „Region Mittelmosel“ haben sich zudem die Verbandsgemeinden Traben-Trarbach und Bernkastel-Kues für eine Bewerbung zusammengetan.

Bislang gab es vier Landesgartenschauen: in Kaiserslautern, Trier, Bingen und Landau. Die nächste sollte 2023 in Bad Neuenahr-Ahrweiler ausgerichtet werden. Ein Plan, der der Flutkatastrophe zum Opfer gefallen ist. Daher geht es jetzt um die fünfte Landesgartenschau. Wenn sie 2027 eröffnet wird, sind zwölf Jahre seit der vierten Veranstaltung 2015 in Landau vergangen.

Der Stadtrat Neustadt kurz vor dem Bewerbungsende Mitte Oktober 2021. Noch war von der LGS 2026 die Rede.
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Gelände der ehemaligen Kurpfalz-Kaserne in Speyer: Hier könnte die Landesgartenschau entstehen.
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Werbeaktion in Speyer.
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