Musik RHEINPFALZ Plus Artikel Peter Schilling über WM und „Major Tom“: „Musik und Sport sind soziale Schmiermittel“

 „Major Tom“ von Peter Schilling war so etwas wie der inoffizielle Song der Fußballeuropameisterschaft in Deutschland. Hier trit
»Major Tom« von Peter Schilling war so etwas wie der inoffizielle Song der Fußballeuropameisterschaft in Deutschland. Hier tritt Schilling in der Fanzon am Brandenburger Tor vor einem EM-Spiel auf.

Der Welthit „Major Tom“ ist eng mit der Nationalelf verbunden. Musiker Peter Schilling spricht im Interview über den Kultsong und die Verbindung zwischen Sport und Musik.

Herr Schilling, glauben Sie, dass am 19. Juli in vielen Bars und Kneipen hierzulande „Major Tom“ laufen wird?
Als Fußballfan und großer Unterstützer der Nationalmannschaft hoffe ich natürlich, dass der Song überall gespielt wird, weil Deutschland an diesem Tag im Finale der Weltmeisterschaft steht. Aber das ist natürlich ein langer und schwerer Weg dorthin für unsere Mannschaft, denn es nehmen so viele Teams wie noch nie an einer WM teil, und viele davon sind schwer einzuschätzen. Trotzdem traue ich unserer Elf viel zu. Das Halbfinale ist auf jeden Fall drin.

Bei der letzten Europameisterschaft wirkte das Band zwischen Mannschaft und Fans wieder fester als bei den Turnieren zuvor. Das lag unter anderem auch an Ihrem Song „Major Tom“. Wie fühlt es sich an, dass Ihr Lied seither so stark mit der deutschen Nationalmannschaft verknüpft wird?
Es erfüllt mich natürlich mit Stolz. Ich habe den Song komponiert, getextet, produziert und gesungen – für jeden Songwriter ist es eine große Freude, wenn sein Lied auch Jahre später noch die Massen begeistert. Das Besondere ist aus meiner Sicht auch, dass sich die Fans diesen Song als offizielle Torhymne der Nationalmannschaft gewünscht und dafür sogar eine Online-Petition gestartet haben. Das hat mich schon berührt. Und ich bin tatsächlich der Meinung – ohne überheblich klingen zu wollen –, dass auch „Major Tom“ bei der vergangenen Europameisterschaft zu einem besonderen Gemeinschaftsgefühl beigetragen hat. Der Song hat die Funktionäre, die Mannschaft und vor allem die Fans näher zusammengebracht. Übrigens läuft das Lied nicht nur im Fußball – auch beim Eishockey, etwa bei den Adlern Mannheim, ist er ein fester Bestandteil.

Peter Schilling liebt es auch heute noch, Konzerte für seine Fans zu spielen.
Peter Schilling liebt es auch heute noch, Konzerte für seine Fans zu spielen.

Den Inhalt des Songs um den fiktiven Astronauten Major Tom kennt mittlerweile jeder. Was begeistert Sie persönlich so am Weltraum?
Das Universum ist aus menschlicher Sicht etwas Ewiges und deshalb immer ein Thema. Das finde ich faszinierend. Dadurch hat der Song „Major Tom“ auch etwas Zeitloses. Ein bekannter Künstlerkollege sagte neulich zu mir, das Lied klinge, als wäre es erst gestern produziert worden. Das ist ein Segen – aber auch ein Fluch, weil andere gute Songs von mir dadurch oft weniger wahrgenommen werden.

Nervt es Sie manchmal, wenn Sie als Künstler nur auf „Major Tom“ reduziert werden?
Nein, dafür freue ich mich viel zu sehr über den Erfolg von „Major Tom“. Wenn Sie einen Song veröffentlichen, geben Sie ihn an die Welt ab. Dann hat das Publikum das Recht, damit zu machen, was es möchte. Als Musiker hat man dann keine Kontrolle mehr darüber, was mit einem Lied passiert. Dass „Major Tom“ bis heute von so vielen Menschen gefeiert wird, macht mich sehr glücklich. Sich darüber zu beklagen, wäre absurd.

Die Neue Deutsche Welle prägte unter anderem mit Liedern wie „Major Tom“ eine ganze Generation. Wie schneidet diese Musik im Vergleich zu heute ab?
Das kann man nur schwer vergleichen. Es war eine andere Zeit. Die Technik war damals noch längst nicht auf dem Niveau von heute. Wir sind als junge Musiker mit Naivität und Unbekümmertheit an die Songs herangegangen. Diese Entdeckerfreude spürt man in der Musik der 80er Jahre. Heute ist durch die vielen Streaming-Plattformen, die technischen Möglichkeiten und den Einsatz von künstlicher Intelligenz der Wert von Musik schon deutlich gesunken.

Also war früher alles besser?
Das werden Sie von mir nicht hören. Ich habe mir schon als junger Mann vorgenommen, später nicht auf die junge Generation zu schimpfen. Früher war nicht alles schlecht – heute aber genauso wenig. Jede Zeit hat ihre guten und schlechten Seiten. Wichtig ist, Respekt vor der jeweiligen Zeit zu haben: Die Dinge entwickeln sich nun einmal weiter.

Das gilt aber doch nicht für „Major Tom“...
Aber genau das ist ja das Schöne an dem Song: dass er offensichtlich verschiedene Generationen auf positive Weise miteinander verbinden kann. Das sehe ich auch auf meinen Konzerten immer wieder.

Wie wichtig sind Ihnen Ihre eigenen Konzerte noch nach all den Jahren?
Unfassbar wichtig – und vor allem machen sie mir immer noch sehr viel Spaß. Live auf der Bühne zu stehen, ist für jeden Musiker die Krönung. In Berlin spielen wir seit vergangenem Jahr eine 90-minütige multimediale 360-Grad-Liveshow im Planetarium. Die Kuppel verwandelt sich dabei in eine Weltraum- und Fantasiewelt. Der Sound kommt aus 60 Lautsprechern, die visuellen Effekte laufen über aufwendige 360-Grad-Projektionen. Das ist technisch äußerst anspruchsvoll. Aber meinem Team und mir ist wichtig, dass die Menschen zufrieden nach Hause gehen und etwas mitnehmen. Die Rückmeldungen zeigen mir bislang, dass uns das gelingt.

Sie haben Anfang des Jahres Ihre neue Single „Antistar“ herausgebracht, ein gleichnamiges Album folgt. Worum geht es inhaltlich?
Der Songtext ist unter anderem in der Psychologie begründet. Dahinter steckt die Theorie des Psychiaters Carl Gustav Jung und seine Idee, dass jeder Mensch eine Schattenpersönlichkeit in sich trägt. Es geht um den Umgang mit den Wesenszügen, die man an sich selbst ablehnt, um das eigene Selbstbild positiv aufrechtzuerhalten. Das ist ein inhaltlicher Ansatz des Songs „Antistar“.

Das klingt wirklich sehr philosophisch und tiefgründig.
Ich philosophiere gerne, und das spiegelt sich auch in meinen Texten wider. Aber ich möchte den Menschen nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Mir ist am wichtigsten, mit meinen Songs Gedanken anzustoßen, damit Menschen über die Texte nachdenken und sie vielleicht auch unterschiedlich interpretieren. Dann habe ich mein Ziel als Künstler erreicht.

Weg von der Philosophie, hin zum Sport: Sie sind selbst sehr sportbegeistert und haben gar nicht so unerfolgreich Leichtathletik betrieben.
Das ist allerdings schon lange her. In der Bundeswehr hatte ich das Glück, viel Sport machen zu können. Und auf der Mittelstrecke war ich tatsächlich gar nicht so schlecht. Ich bin die 5000 Meter in meiner Bestzeit von 16:43 Minuten gelaufen und durfte damit bei einer Mini-Olympiade gegen andere internationale Militärteams antreten. Mit dem Ende meiner Dienstzeit war allerdings auch Schluss mit der Leichtathletik – denn bei mir stand eigentlich immer die Musik im Mittelpunkt.

Passen Musik und Sport gut zusammen?
Absolut. Beide Bereiche verbinden Menschen. Ohne Musik und ohne Sport ist unsere Gesellschaft für mich kaum vorstellbar. Beides ist ein soziales Schmiermittel. Ich habe neulich den Satz gehört: „Fußball ist das letzte Lagerfeuer, an dem wir gemeinsam sitzen.“ Dem kann ich zustimmen – und dass meine Musik dabei eine Rolle spielt, ist eine Ehre.

Hat die deutsche Mannschaft das Potenzial, bei dieser WM eine landesweite Euphorie zu entfachen?
Davon bin ich überzeugt. Es ist mittlerweile meine 16. Weltmeisterschaft als Fan. Ich kenne die Dynamiken eines solchen Turniers – und wenn die Nationalelf mit Leidenschaft spielt, kann sie schnell Euphorie im ganzen Land entfachen. Das wünsche ich der Mannschaft – und natürlich auch uns Fans zu Hause.

Zur Person

Peter Schilling (70) ist ein deutscher Singer-Songwriter, Autor und Musikproduzent. Er gehört zu den erfolgreichsten Vertretern der Musik der 80er Jahre. In seinen Songs beschäftigt er sich häufig mit Science-Fiction-Themen wie Raumfahrt oder der Zukunft der Erde. Sein Welthit „Major Tom (Völlig losgelöst)“ von 1982 erlangte als Torhymne der deutschen Fußballnationalmannschaft während der Europameisterschaft 2024 erneut sehr große Popularität.

Die Serie

In unserer Serie „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen. Die bisherigen Folgen finden Sie im Internet unter der Adresse rheinpfalz.de/zeitreise.

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