Musik
Geier Sturzflug-Frontmann Friedel Geratsch: „Ich bin ein Freund der einfachen Musik“
Herr Geratsch, mittlerweile haben es die ersten vollständig KI-generierten Songs in die Charts geschafft. Ist das für Sie noch Musik?
Keine Ahnung. Ich höre so was nicht. Ehrlich gesagt komme ich vor lauter Songschreiben und Arbeiten kaum noch dazu, überhaupt Musik zu hören.
Sie sind noch ein klassischer Liedermacher. Braucht man heutzutage weniger Talent, um selbst Musik zu machen?
Für mich selbst kann ich sagen, dass ich meine ganze Karriere lang als professioneller Dilettant unterwegs war. Und den Dilettantismus habe ich mir bis heute beibehalten. Ich bin ein Freund der einfachen Musik. Ich mache nichts Kompliziertes. Von daher steht es mir nicht zu, das musikalische Talent anderer zu bewerten.
Sie haben den Wandel der deutschen Musikbranche ja über Jahrzehnte miterlebt. Was ist heute anders als zu Ihrer erfolgreichsten Zeit mit Geier Sturzflug Anfang der 80er Jahre?
Ich glaube, Musik ist heutzutage nicht mehr so viel wert.
Wie meinen Sie das?
Mein Eindruck ist, dass Musik nicht mehr die Relevanz hat wie in meiner Jugend in den 60er Jahren. Damals hat man sein Ohr an ein kleines Transistorradio unter der Bettdecke gedrückt und versucht, irgendwelche Sender zu empfangen, die gute Musik gespielt haben. Das war etwas ganz Besonderes. Heute ist einfach alles digital verfügbar. Es gibt ein Überangebot an Liedern, die jederzeit sofort abgespielt werden können. Das hat für mich einfach nicht mehr denselben Stellenwert.
Was ist denn für Sie Musik?
Musik sollte einfach sein und jeden erreichen. Ich mache keine Kunst, sondern Songs, so wie sie mir einfallen. Musikalisch bin ich in den 60ern sozialisiert worden. Ich war zum Beispiel ein Fan der Beatles – bis sie angefangen haben, Kunst zu machen. Und so ist das im Grunde bei allen anderen Bands auch gewesen. Ich hatte nun mal das große Glück, dass das, was ich gemacht habe, irgendwann erfolgreich geworden ist.
Das hat mit dem Durchbruch von Geier Sturzflug und dem Song „Bruttosozialprodukt“ ja auch optimal geklappt.
Es war aber ein harter Weg bis zum Erfolg. Eine lange Zeit meiner Musikkarriere habe ich nebenher noch Drecksarbeiten gemacht, um über die Runden zu kommen. Zeitweise war ich nicht mal krankenversichert und habe wirklich von der Hand in den Mund gelebt. Umso größer war die Freude, als der Durchbruch dann da war.
1983 führte „Bruttosozialprodukt“ vier Wochen lang die deutschen Charts an. Wie haben Sie es geschafft, trotz des plötzlichen Erfolgs nicht selbst abzuheben?
Als sich „Bruttosozialprodukt“ zum Hit entwickelte, habe ich in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung gewohnt und musste mir das Bad mit meinen Nachbarn teilen. Das erdet einen. Außerdem war es gut, dass ich damals schon 31 Jahre alt war, als der Erfolg kam. Das ist ein Alter, in dem man schon ein bisschen Lebenserfahrung gesammelt hat. Ich erinnere mich aber noch an einen Flug Richtung München, als wir die Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz anführten. Als ich von dort oben auf die kleine Erde schaute, dachte ich mir: Mensch, jetzt bist du ganz oben! Aber genauso wie der Flieger wieder runtergeht, wird auch der Erfolg irgendwann zurückgehen. Das ist einfach so im Leben.
Nervt es Sie manchmal, dass Ihr Name und der von Geier Sturzflug von den meisten Deutschen nur mit dem Lied „Bruttosozialprodukt“ in Verbindung gebracht werden?
Das nervt mich überhaupt nicht. Ja, ich werde immer wieder an dem ganz großen Hit gemessen, aber ich freue mich bis heute einfach, dass dieses Lied so erfolgreich war und immer noch ist.
In dem Song heißt es: „Wenn sich Opa am Sonntag auf sein Fahrrad schwingt / und heimlich in die Fabrik eindringt.“ Herr Geratsch, mal ehrlich: Hat Bundeskanzler Friedrich Merz Ihre Songtexte zu ernst genommen?
Davon gehe ich aus. Offenbar hat er die gewisse Ironie nicht rausgehört. Aber in der Tat: Der Songtext ist brandaktuell.
Absolut. Die Debatte darüber, ob in Deutschland zu wenig gearbeitet wird, wird seit Jahresbeginn sehr intensiv geführt. Arbeiten die Deutschen aus Ihrer Sicht wirklich zu wenig?
Also, wenn ich die Zeitungen lese, verlieren wir gerade jeden Monat zehntausend Arbeitsplätze. Da frage ich mich, wie Menschen mehr arbeiten sollen, wenn immer mehr gar keine Arbeit haben. Ich habe eher das Gefühl, dass es immer schwieriger wird, einen Job zu bekommen. Und die Schere zwischen Arm und Reich geht sowieso seit Jahren weiter auseinander. Also nein, ich glaube nicht, dass die aktuellen gesellschaftlichen Probleme gelöst werden können, indem Menschen mehr arbeiten.
In der Tat gibt es einige gesellschaftliche Herausforderungen – demografischer Wandel, fehlendes Wirtschaftswachstum oder auch zunehmende globale Bedrohungen. Braucht es in solchen Zeiten nicht musikalische Vorbilder, die die großen gesellschaftlichen Themen ansprechen?
Mein Eindruck ist, dass Texte oder Protestsongs immer nur dann funktionieren, wenn alles gut ist. In dem Augenblick, in dem die Probleme groß sind – so wie jetzt gerade –, wollen die Menschen nicht noch mehr davon hören. Und natürlich ist auch den Künstlern und Plattenfirmen bewusst, dass in schlechten Zeiten Lieder gebraucht werden, die zum Träumen und Ablenken einladen. Lieder, die einem irgendwie für drei Minuten das Gefühl geben, es ist alles nicht so schlimm.
Herr Geratsch, wenn Sie heute einen Song über den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft schreiben müssten – worüber würde dieser Song dann handeln?
Ich schreibe ja immer noch Lieder über den aktuellen Zustand der Gesellschaft. Meine erste Single, die ich dieses Jahr rausgebracht habe, heißt „Inflation“. Aktueller geht es wohl kaum. Ich habe weitere Songs auf meinem Album, das nächsten Monat erscheint, die von der derzeitigen Verfassung unserer Gesellschaft handeln. Zum Beispiel das Lied „Alle sind Experten“. Denn heutzutage hat jeder zu jedem Thema eine Meinung und glaubt, er wisse über alles Bescheid und müsse das über die sozialen Medien auch allen mitteilen.
Ihrer Argumentation zufolge würden Ihre neuen gesellschaftskritischen Songs aktuell aber weniger erfolgreich durchstarten.
Deswegen sind solche Lieder aber nicht weniger bedeutsam. Und ehrlich gesagt ist mir der Erfolg wirklich nicht mehr wichtig. Ich möchte mir einfach selbst eine Freude machen und meine Kreativität im Fluss halten. Ich liebe es einfach, Songs zu schreiben – und das will ich machen, solange es geht.
Zur Person
Friedrich Ernst Geratsch (74), genannt Friedel Geratsch, ist ein deutscher Sänger, Texter und Musiker, der vor allem als Frontmann der Band Geier Sturzflug bekannt wurde. Große Popularität erlangte er Anfang der 1980er Jahre mit der Erfolgsnummer „Bruttosozialprodukt“. Geratsch verbindet eingängige Musik oft mit satirischen und gesellschaftskritischen Texten. Auch nach dem Höhepunkt des Band-Erfolgs blieb er musikalisch aktiv. Sein neues Album „Comeback (die letzte Runde)“ erscheint Ende Juni.
Die Serie
In unserer Serie „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen. Die bisherigen Folgen finden Sie im Internet unter der Adresse: rheinpfalz.de/zeitreise.