Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Ex-FCK-Profi Wynton Rufer vor WM: „Otto Rehhagel geht es super“

Januar 1997: Otto Rehhagel zeigt dem gerade in Kaiserslautern eingetroffennen Wynton Rufer das Fritz-Walter-Stadion
Januar 1997: Otto Rehhagel zeigt dem gerade in Kaiserslautern eingetroffennen Wynton Rufer das Fritz-Walter-Stadion

Vor Neuseelands dritter WM-Teilnahme sprich der ehemalige Stürmer über die WM-Chancen seines Heimatlandes und seine heutigen Kontakte nach Deutschland.

Herr Rufer, bei Ihrem Namen denkt jeder sofort an Werder Bremen, an die großen Erfolge in der ersten Hälfte der 1990er. Haben Sie über Bremen noch die intensivsten Kontakte nach Deutschland?
Klar, die meisten Verbindungen habe ich schon nach Bremen. Mit einigen Jungs aus meiner Fußballschule war ich schon ein paar Mal bei Hannover 96, bei Werder sowieso. Aber auch schon mal bei kleineren Vereinen wie Oldenburg oder Osnabrück. Dorthin gehen im Oktober zum Beispiel zwei Jungs aus meiner Fußballschule zum Training. Das Niveau in Neuseeland ist einfach zu durchschnittlich.

Haben Sie auch zu früheren Mitspielern noch Kontakt?
Sicher. In Ingolstadt habe ich mich im letzten Jahr zum Beispiel mit Dietmar Beiersdorfer getroffen. Bis Anfang Mai war er dort Sportchef. Seine Scouts haben einen meiner Spieler im vergangenen November bei der U17-WM in Katar beobachtet. Sie fanden den Jungen – er hat koreanische Wurzeln, aber einen neuseeländischen Pass – gar nicht schlecht. Im August wird er 18, dann könnte das klappen.

In den fünf Jahren in Bremen entwickelte sich ein sehr enges Verhältnis zwischen Ihnen und Trainer Otto Rehhagel. Deshalb folgten sie ihm im Winter 1997 noch mal für fünf Monate nach Kaiserslautern. In die Zweite Liga, Aufstieg in die Bundesliga allerdings inklusive.
Otto besuche ich oft, wenn ich in Deutschland bin. Dann fahre ich zum Beispiel schon mal mit dem Zug von Ingolstadt oder von anderswo her nach Bremen und übernachte dazwischen bei ihm in Essen.

Wie geht es ihm? Er ist mittlerweile ja auch schon 87.
Super geht es ihm. Wenn man ihn sieht, würde man nicht glauben, dass er 87 ist. Ich wäre froh, wenn ich in dem Alter noch so aussehen würde.

Seine Erfolge und seine Nahbarkeit machen den heute 63 Jahre alten Wynton Rufer bei Werder Bremen zur Legende.
Seine Erfolge und seine Nahbarkeit machen den heute 63 Jahre alten Wynton Rufer bei Werder Bremen zur Legende.

Was hat Otto Rehhagel Ihrer Erfahrung nach als Trainer ausgezeichnet?
Man sieht es ja heute: Viele seiner ehemaligen Spieler sind seine Freunde. Er war für viele von uns wie eine Vaterfigur. Dass er außerdem Ahnung von Fußball hatte, hat zusätzlich geholfen. Er war eigentlich überall, wo er war, auch erfolgreich. Und als Spieler in einer erfolgreichen Mannschaft – da hat man schon viel Spaß. Der Otto war genial, das war eine tolle Zeit. Zu seiner Beate hat er immer noch ein tolles Verhältnis. Das ist cool.

Weniger gut läuft es für den Fußball in Ihrer Heimat. Immerhin: Neuseeland ist zum dritten Mal bei einer WM dabei. Gehen die Menschen in Auckland oder Wellington jetzt zum Gucken auf die Straßen, gibt es Public Viewing?
Das kann man nicht mit anderen Ländern vergleichen. Wir haben nicht diese Begeisterung. Wenn bei uns 15000 Zuschauer zu einem Fußballspiel kommen, ist das viel.

Bei seinen bislang zwei WM-Teilnahmen hat Neuseeland noch nie gewonnen, 2010 in Südafrika aber zumindest drei Mal unentschieden gespielt. Wie schätzen Sie die Chancen der Kiwis in den Gruppenspielen gegen Iran, Ägypten und Belgien diesmal ein?
Die einzige Chance, die wir haben, sind vielleicht wieder ein paar Unentschieden.

Klingt eher mühsam. Beobachtet man dagegen die Kids in Ihrer Fußballschule in Auckland beim Training – das sieht alles sehr entspannt und spielerisch aus.
Neuseeländer sind generell so, da geht das nicht anders. Man muss locker bleiben. Das ist nicht wie in Deutschland oder Europa.

Deswegen, haben Sie mal laut überlegt, passt Fußball womöglich gar nicht so gut zur Mentalität der Kiwis.
Na ja, im Sport haben wir schon eine super Mentalität. Bei Olympischen Sommerspielen sind wir immer ganz oben dabei, was die Anzahl der Medaillen pro Einwohner betrifft. Die holen wir meistens in Individualsportarten. In Sachen Fußball ist leider nichts los.

Woran liegt das?
Im Fußball hätten wir viel mehr erreichen können. Ich bin 1997 hierher zurückgekehrt, habe meine kleine Akademie, wollte das zusammen mit dem neuseeländischen Fußballverband machen. Aber wer hier Chef wird oder nicht, ist alles nur Zufall. Sie haben immer die falschen Leute in den Führungspositionen. Das hat viel mit Egos zu tun.

Haben die Fußballfunktionäre Sie und Ihre kleine Fußballschule denn als Konkurrenz empfunden?
Neuseeland ist ein kleines Land, und das Tall-Poppy-Syndrom (das Phänomen, besonders erfolgreiche Menschen zu kritisieren oder herabzuwürdigen, die Red.) ist hier sehr präsent. Das ist wie mit den Tulpen in den Niederlanden: Alles ist perfekt – aber wenn eine zu groß wird, muss man sie abschneiden. Das ist so eine typische Dorfmentalität, und die ist leider sehr ausgeprägt in Neuseeland.

Ist es in Ihrer Heimat denn auch nach wie vor schwer, gegen die Nationalsportarten Rugby und Cricket anzukommen?
Nein. Fußball erlebt hier gerade ein Allzeithoch. Momentan läuft es super. Trotzdem wächst die Lücke auf internationaler Ebene.

Mit viel Glück reicht es für Neuseeland deshalb also fürs Sechzehntelfinale. Welches Team sehen Sie am Ende denn ganz oben?
Es sind immer dieselben Nationen: Deutschland, Spanien, Frankreich, Brasilien, England. Normalerweise gewinnt wieder eines dieser Länder. Ich denke, Brasilien wird Weltmeister. Zum ersten Mal seit 2002. Das würde mich freuen.

Wie beurteilen Sie das Niveau des deutschen Fußballs im Vergleich?
Eigentlich wird alles gemessen am Abschneiden in der Champions League und bei Weltmeisterschaften. Das einzige Team, das da wirklich gut ist, sind die Bayern. Und bei der WM ist es auch nicht einfach, die Konkurrenz ist riesig.

Bei Neuseelands WM-Premiere, 1982 in Spanien, haben Sie selbst mitgespielt. Mit 19.
Die Brasilianer hatten damals eine unglaubliche Mannschaft. Zico, Socrates, Falcao, Eder, Toninho Cerezo, Junior… Wahnsinn!

Und dann gab es noch die Geschichte mit Pelé, Ihrem großen Vorbild.
Oh Gott ja. Vor dem Gruppenspiel gegen Brasilien kam Pelé zu uns in die Kabine – und ich war nicht da. Ich hab’ diesen unglaublich besonderen Moment verpasst.

Weil Sie draußen auf dem Platz Fotos gemacht haben – „wie ein Tourist“, sagten Sie mal. Was haben Sie von 2010, als Neuseeland zum zweiten Mal dabei war, in Erinnerung?
Damals war ich mit meinen Jungs in Südafrika. Wir haben Safari gemacht, die Spiele von Neuseeland verfolgt, das waren tolle Erfahrungen. Und wir haben Otto besucht, beim Spiel seiner Griechen gegen Argentinien.

Zur Person

Wynton Rufer wurde am 29. Dezember 1962 in Wellington als Sohn einer Maori und eines Schweizers geboren. Er wechselte 1989 von Grasshoppers Zürich nach Bremen, mit Werder wurde er 1993 deutscher Meister, holte zwei Mal den DFB-Pokal (1991, 1994) und gewann 1992 den Europapokal der Pokalsieger. 1997 war er für ein knappes halbes Jahr beim 1. FC Kaiserslautern. Von 1980 bis 1997 spielte der gelernte Stürmer in der Nationalmannschaft, kam aber – vor allem wegen Dauerquerelen mit dem neuseeländischen Verband über die Erstattung von Reisekosten – nur auf 23 Länderspiele (12 Tore). 1999 wurde Rufer von der Fifa und der Ozeanischen Konföderation zu Ozeaniens Fußballer des Jahrhunderts gekürt.

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