TV-Klassiker
Inger Nilsson: „Privat bin ich nicht Pippi Langstrumpf“
Frau Nilsson, Sie haben von 1969 bis 1970 die Rolle der Pippi Langstrumpf in den Verfilmungen der gleichnamigen Romane gespielt, die weltweit immer noch viele Kinder und Jugendliche begeistern. Was macht Pippi bis heute so faszinierend?
Ich glaube, vor allem ihre Unbekümmertheit und ihr taffes Auftreten. Pippi bleibt sich immer treu und verstellt sich nicht. Aber Pippi Langstrumpf ist auch eine Fantasiefigur – das darf man nie vergessen. Es ist sicher anziehend, in diese Fantasiewelt einzutauchen und für eine Zeit lang aus der Realität zu fliehen. Denn in der echten Welt draußen sieht es etwas ernster aus.
Absolut. Die Weltlage ist geprägt von vielen Krisen, Kriege und Leid dominieren unsere Nachrichten derzeit. Würde es der Welt nicht guttun, wenn sich die Menschen von Pippi Langstrumpf aus der Villa Kunterbunt eine Scheibe abschneiden?
Nun, das wäre natürlich schön, aber ganz so einfach ist das nicht. Ich bin mir zwar sicher, dass die Welt dringend mehr Freundlichkeit und weniger Kriege braucht. Aber die Realität mit all den Problemen und Konflikten sieht leider anders aus.
Was können die entscheidenden Machthaber dieser Welt von der sorglosen Pippi lernen?
Pippi ist immer freundlich und wertschätzend jedem Menschen gegenüber. Mit dieser Haltung sollten auch die mächtigen Menschen durch die Welt gehen. Astrid Lindgren hat immer gesagt: Menschen mit Macht sollten sehr, sehr freundlich sein – wie Pippi eben. Nur ist das leider meistens nicht der Fall.
Immerhin für viele Kinder war Pippi Langstrumpf über Jahrzehnte ein großes Vorbild. Heutzutage präsentieren sich die Idole junger Menschen oftmals eher als Influencer in den sozialen Medien. Wie finden Sie diese Entwicklung?
Natürlich sind die Vorbilder junger Menschen heute andere als noch zu meiner Jugendzeit. So entwickelt sich die Welt, man kann nichts dagegen tun. Aber ehrlicherweise finde ich, dass Influencer ein seltsamer Beruf ist. Es geht sehr viel darum, wie man sich selbst darstellt und inszeniert – das ist nicht meine Welt. Ich mag es lieber, in andere, fiktive Charaktere hineinzuschlüpfen und die dann darzustellen.
Die Pippi-Bücher von Astrid Lindgren feierten im vergangenen Jahr ihr 80-jähriges Jubiläum. Aber auch die Filme sind vor mittlerweile fast 60 Jahren gedreht worden. Wie war die Atmosphäre damals am Set? War es genauso harmonisch, wie es in den Filmen aussieht?
Die Dreharbeiten bei den Pippi-Filmen bestanden nicht nur aus Herumtollen und Spaßhaben, sondern waren schon anstrengend. Es war ein intensives und arbeitsreiches Programm, das wir Schauspieler hatten. Manche Drehtage gingen sehr lange. Heute sind die Arbeitszeiten von Kinderdarstellern deutlich stärker begrenzt als damals. Für mich war es aber natürlich trotzdem eine wahnsinnig spannende Erfahrung. Die Technik, die Kameras, die Beleuchtung, das große Team um mich herum: Das war faszinierend als Kind. Interessant war im Übrigen, dass wir die gedrehten Szenen damals nicht direkt anschauen und beurteilen konnten. Man musste bis zum nächsten Tag warten, um das Ergebnis zu sehen. Das ist heute natürlich ganz anders.
Über Nacht wurden Sie in Schweden und später auch in vielen anderen Ländern auf einmal unglaublich bekannt. Waren Sie überrascht, dass die Filme so erfolgreich geworden sind?
Der Hype um Pippi war tatsächlich riesig. Das hätte ich damals so nicht erwartet. Zuerst kam der Film in Schweden heraus, dann ein oder zwei Jahre später auch in anderen Ländern – unter anderem Deutschland. Ich erinnere mich noch, dass ich überrascht war, dass die Filme auch dort gezeigt wurden. Das fand ich aufregend.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie manchmal unter dem ständigen öffentlichen Interesse an Ihrer Person gelitten hätten. Inwiefern?
Als Teenager war es manchmal schwer, weil ich mein eigenes Leben leben wollte. Meine Identität ist Inger, nicht Pippi. Wenn Leute denken, ich sei auch privat Pippi und würde mich wie sie verhalten, kann das schwierig sein. Privat bin ich nicht Pippi – und das ist auch gut so.
War es schwierig, neue Rollen als Schauspielerin zu bekommen nach den Dreharbeiten von Pippi Langstrumpf?
Ja, anfangs schon. Die meisten Regisseure sahen in mir nur Pippi und wollten Rollen nicht mit mir besetzen. Dabei bedeutet Schauspielerei doch, verschiedene Rollen spielen zu können. Ich habe als Inger Nilsson Pippi Langstrumpf gespielt und nicht mich selbst. Die Abweisung vieler Regisseure hat mich zunächst hart getroffen. Aber ich bin drangeblieben und habe es vor allem über das Theater geschafft, in meiner weiteren Karriere noch ganz viele andere großartige Rollen zu spielen.
Heute verdienen Kinderdarsteller, wie etwa beim aktuellen Serien-Glanzlicht „Stranger Things“, Millionen Euro pro Staffel. Sie haben damals vermutlich nicht mal im Ansatz so viel bekommen?
Nein, natürlich nicht. In Schweden durften Kinder damals sowieso nicht viel verdienen, es gab keine großen Deals mit den Film-Unternehmen. Das waren am Ende vielleicht ein paar hundert Euro, die wir bekommen haben. Aber wie gesagt, vor über 50 Jahren war vieles anders: die Technik, die Rollen – und natürlich auch die Bezahlung. Und wir haben es ja nicht wegen des Geldes gemacht, sondern weil uns das Schauspielern so Spaß gemacht hat.
In Deutschland waren Sie viele Jahre auch als Gerichtsmedizinerin in der ZDF-Serie „Der Kommissar und das Meer“ bekannt. Hat Ihnen diese ernstere Rolle gefallen?
Ja, sehr. Ich hatte ein tolles Team, mit dem ich über viele Jahre in der Filmserie zusammenarbeiten durfte. Außerdem hat sich die Zusammenarbeit für mich wie auf einer kleinen Filmschule angefühlt, weil ich davor fast nur Theater gespielt hatte. Ich habe dort am Set sehr viel gelernt und hatte viel Spaß. Das Engagement habe ich also in sehr guter Erinnerung.
Spielen Sie lieber ernste oder lustige Rollen?
Beides gerne, solange das Drehbuch gut ist. Ich bin Schauspielerin und am Ende kann ich das spielen, was die Rolle von mir abverlangt. Das macht die Schauspielerei gerade aus.
Welche Projekte stehen bei Ihnen als Nächstes an?
Momentan bin ich frei und habe einige kleine Projekte am Start, aber keine großen Serien oder Filme. Als freie Schauspielerin weiß man nie, was kommt. Ich freue mich jedenfalls darauf, was die Zukunft bringt.
Zur Person
Inger Nilsson (66) ist eine schwedische Schauspielerin, die Berühmtheit durch ihre Darstellung der Pippi Langstrumpf in den Verfilmungen der Bücher von Astrid Lindgren erlangte. In ihrer Karriere spielte sie vor allem in vielen schwedischen Theaterstücken mit. In Deutschland ist sie aber auch bekannt für ihre langjährige Rolle in der ZDF-Serie „Der Kommissar und das Meer“.
Die Serie
In der Serie „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen. Die bisherigen Folgen finden Sie unter:
rheinpfalz.de/zeitreise