Musik
Leslie Mandoki: Freiheit fließt nicht durch den Wasserhahn
Herr Mandoki, ich würde gern über Freiheit sprechen.
Sehr gern. Sehnsucht nach Freiheit zieht sich wie ein roter Faden durch alles, was ich tue.
Sie sind in Budapest geboren, in einer Zeit, in der „Freiheit“ kein Alltagswort war. Wie hat das Ihr Denken geprägt?
Der Begriff „Freiheit“ wurde in der Diktatur pervertiert. Worte wie „Demokratie“ oder „sozialistisch“ wurden als Etiketten benutzt, während zensiert, bespitzelt und gefoltert wurde und an den Grenzen der Schießbefehl galt. Mit dieser verdrehten Begriffswelt bin ich aufgewachsen. Ich bin meinem Vater unendlich dankbar: Er hat von klein auf der Indoktrination widersprochen und mir beigebracht, dass Freiheit Pluralismus im Denken bedeutet – Freidenkertum, bei dem die gegenteilige Meinung der eigenen ebenbürtig ist. Diktaturen hassen genau das, weil freies Denken echten Diskurs zulässt.
1975 flohen Sie nach Deutschland. Was fanden Sie vor?
Ein Land, das in das Gelingen verliebt war. Ein rohstoffarmes Land, das auf Bildung und eine Wissensgesellschaft setzt. Ich sprach kein Wort Deutsch und durfte dennoch sofort arbeiten – das war entscheidend. Zweieinhalb Wochen nach meiner Asylantragstellung saß ich auf Lohnsteuerkarte am Schwäbischen Landestheater am Schlagzeug, acht Wochen später hatte ich meinen Asylpass. Arbeit integriert.
Ich habe mir links die „Süddeutsche“ und rechts die „FAZ“ hingelegt, in der Mitte ein dickes Deutsch-Ungarisch-Wörterbuch. Damals verstand ich die Texte kaum, aber ich merkte: Es gibt nur zwei Themen, bei denen beide Zeitungen einer Meinung sind: Wetterbericht und Fernsehprogramm. Da dachte ich: Mandoki, du bist der zensierten Presse entflohen – und jetzt mitten im pluralistischen Paradies gelandet.
Welche Erfahrung hat Sie in diesen ersten Jahren besonders geprägt?
Ich kam aus einem russisch besetzten Osteuropa, geprägt von sowjetischem kulturellen Militarismus und der Verachtung des Lebens der eigenen Bevölkerung, was zu dieser militanten Opferbereitschaft führte. In Deutschland habe ich die Aufarbeitung des Zivilisationsbruchs der Shoah und des Zweiten Weltkriegs bewundert. Wie dieses Land vom militanten zum friedfertigen Land mit pazifistischen Zügen wurde, hat mich tief bewegt. Ich bin bei Ostermärschen mitgelaufen; Freunde wie Udo Lindenberg („Wozu sind Kriege da?“) und Peter Maffay („Eiszeit“) schrieben dafür die Hymnen: In einer modernen, humanistischen und liberalen Gesellschaft darf Krieg niemals ein Werkzeug der Politik sein.
Haben Sie bei Ihrer Ankunft auch Grenzen gespürt?
Nein. Ich spürte grenzenlosen Pluralismus, eine inspirierende Verliebtheit ins Gelingen und einen starken Gestaltungswillen. Zugleich beeindruckte mich die in der Geschichte einmalige Aufarbeitung eigener Verbrechen – verbunden mit einer Wehrhaftigkeit gegen Aggression, etwa beim Nato-Doppelbeschluss unter Helmut Schmidt, und mit dem ständigen Bemühen um Diplomatie als Interessensausgleich, wie es Willy Brandt verkörperte. 1989 endete der Kalte Krieg ohne einen einzigen Schuss – das war unfassbar.
Wenn Sie heute auf Europa blicken: Sorgen Sie sich um die Freiheit?
Freiheit ist von vielen Seiten unter Druck. Die russische Bedrohung ist heute – für uns – eher philosophischer Natur: Trotz eines mörderischen Krieges mit unzähligen Opfern hat Russland militärisch betrachtet durch die Wehrhaftigkeit der Ukrainer wenig zusätzlich erobern können in dreieinhalb Jahren. Mein Herz ist bei den vielen Ukrainerinnen und Ukrainern, die Woche für Woche sterben; bei gerade geborenen Söhnen, die nie mit ihren Vätern Fußball spielen werden. Als ich 1975 floh, war ich sicher: Wenn der Westen den Kalten Krieg für sich entscheidet – mit der später so wichtigen Rolle von Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der ein Freund wurde –, sind Freiheit und ihr Zwillingsbruder Frieden dauerhaft gesichert. Heute müssen wir uns ehrlich fragen: Wo sind wir gelandet? Warum sind wir gescheitert?
Viele empfinden Freiheit inzwischen als Zumutung. Was fehlt?
Wir müssen zur freien Denke und zum Pluralismus zurückfinden. Vielleicht waren wir zu lange im Rausch dessen, was vor 36 Jahren geschah – und haben darüber die Balance verloren. Eine selbstkritische Beobachtung: Ich war ein illegaler Einwanderer ohne Deutschkenntnisse, floh durch einen Tunnel aus dem Ostblock. Vielleicht hätte ich mit meiner Biografie zu Pegida gehen sollen, um in Dresden auf der Bühne zu sagen: Leute, ich liebe dieses Land, das mir Freiheit geschenkt hat – das Land Goethes, Schillers, Bachs, Beethovens, Kants und Hegels. Wir – die urbane, kosmopolitische, akademische, liberale Elite – haben uns zu oft in Echokammern als Komfortzone eingerichtet und uns zu wenig mit den tatsächlichen Lebensrealitäten der Mehrheit beschäftigt. So entsteht eine Repräsentationslücke, in die Ängste strömen und diese Stimmen wollten wir in unserer Filterblase nicht wahrnehmen.
Ein Beispiel: Der Sozialstaat – eine großartige Jahrhundert-Idee – soll helfen, nicht lähmen. Heute alimentieren wir zu oft Arbeitsfähige statt sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Und wer das Land trägt, fühlt sich im Stich gelassen: der Feuerwehrmann Stefan Müller und die Krankenschwester Stefanie Schmidt, die drei Kinder wollen, aber in München keine Wohnung mieten können von ihren Gehältern für ihre systemrelevante Arbeit. Niemand ist für sie da. Wir müssen uns wieder ehrlich mit solchen Realitäten befassen – aus Liebe zur Freiheit.
Was müsste Politik tun?
Sich um echte Sorgen kümmern, nicht um Schlagzeilen, zum Beispiel um Integration. Meine eigene Geschichte zeigt es: Antrag gestellt, gearbeitet, integriert. Da gab es keine Willkommenskultur oder gar Angebote, dafür aber klare Regeln und Chancen. Das schafft Zusammenhalt.
Wie begegnet man inneren Feinden der Freiheit?
Indem man die Komfortzone verlässt. Ich höre keine einfachen Lösungen, nur viele Falsche. Hinter der „Schutz“-Brandmauer wächst etwas, dem wir uns nicht intellektuell und wertegebunden zum Diskurs stellen mit dem Anspruch, zu überzeugen. Wir stecken in einem Labyrinth der Krisen – ohne Kompass. Dazu kommt eine Glaubwürdigkeitskrise. Wir müssen liefern: realistische, umsetzbare Lösungen. Sonst wird Politik zur oberflächlichen Werbeveranstaltung für sinnentleerte Sprechblasen mit sehr schnell tickender Halbwertszeit.
Fehlt es auch an Respekt?
Ja. Ich liebte die alte Streitkultur: Herbert Wehner und Willy Brandt auf der einen, Franz Josef Strauß und Helmut Kohl auf der anderen Seite – leidenschaftlich, aber respektvoll. Ich habe fast jeden Sonntag den „Presseclub“ im ZDF geschaut, weil dort gerungen wurde – um die beste Idee, nicht um den kurzfristigen lautesten Applaus. Das war wahrer Pluralismus.
Lassen Sie uns bei Europa bleiben. Was bedeutet Ihnen Europa jenseits von Institutionen?
Europa ist unser Zuhause und unsere Zukunft. Europa ist nicht identisch mit der Regulierungswut der Bürokratie in Brüssel, die oftmals reale Herausforderungen ignoriert, mitunter sogar die ureigenen Verträge und zu gerne mit Doppelstandards operiert. Europa lebt von gemeinsamen Werten: Menschenwürde, Rechtsstaat, Minderheitenschutz, offene Debatten auf Grundlage der nationalen kulturellen Souveränität. Europa ist dann stark, wenn es auf diese bunte Vielfalt der nationalen kulturellen Identitäten, auf Diversität stolz sein kann. Für mich ist Europa ein Versprechen auf friedliche freie Vielfalt, auf eine hoch entwickelte pluralistische Debattenkultur, in der man sich hart in der Sache streitet und den anderen trotzdem respektiert. Ich lehne auch das Wort „alternativlos“ ab: In der Freiheit ist nichts alternativlos – außer über die Alternativen zu diskutieren.
Und Ihr Blick auf Ungarn – das Land, in dem Sie geboren wurden?
Meine Heimat ist Deutschland – hier sind meine Kinder geboren, hier habe ich unfassbar viele Chancen bekommen. Meinem Geburtsland Ungarn schulde ich viel, dort sind meine Wurzeln. Zur deutsch-ungarischen Freundschaft gehört: In den vergangenen tausend Jahren haben unsere beiden Länder niemals Krieg gegeneinander geführt. Und 1989, das ohne 1956 undenkbar ist, haben die Ungarn den Eisernen Vorhang niedergetrampelt und das Tor ins österreichische Burgenland geöffnet. In meinem inneren Bild stehen Kohl, Brandt und Genscher auf einem Balkon und sagen: „Die Ungarn waren es, die die ersten Steine aus der Berliner Mauer geschlagen haben.“
Dieses Bild ist heute brüchig geworden. Was folgt daraus?
Dass wir Brücken nicht nur beschwören dürfen, sondern wieder aufbauen müssen – auch dort, wo die Pfeiler kaum noch zu sehen sind. Musik kann dabei helfen. Es geht um gegenseitigen Respekt, um Toleranz, um das Wiederfinden gemeinsamer europäischer Grundmelodien: Freiheit, Frieden, Verantwortung. Wenn es eine Aufgabe für Künstler gibt, dann die, Räume zu öffnen, in denen Verständigung überhaupt wieder möglich wird.
Ist das die Idee hinter den Mandoki Soulmates – mit Musik Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden?
Ja, aber noch spezifischer: Die Idee ist vor allem auch musikbezogen. In der Diktatur war Progressive Rock verpönt, zensiert, verboten – als die Musik der Freidenker, der studentischen Opposition. Später erzählte mir Gorbatschow – das kommt auch in meinem Dokumentarfilm „Sehnsucht nach Freiheit“ vor –, wie stark diese Musik identitätsstiftend wirkte. Ich komme aus dieser freiheitsliebenden ungarischen Prog-Rock-Diaspora: keine Platte, kein Fernsehen, kein Rundfunk. Underground bis zu meiner Flucht, als die Rock-Stimme der studentischen Opposition.
Wie sah Ihre künstlerische Antwort nach der Flucht aus?
Im Asylbewerberlager wurde ich gefragt: „Was wollen Sie mit Ihrer Freiheit anfangen?“ Meine Vision war, britischen Prog-Rock – Jethro Tull, Cream, die frühen Genesis, Yes, mit ihren komplexen Harmonien, langen Formen, poetischen, gesellschaftspolitischen Texten – mit der US-amerikanischen Antwort, dem Jazzrock, zu verschmelzen, der stärker von virtuosen Solisten geprägt ist. Ich habe damals zu Protokoll gegeben, dass ich mit Ian Anderson (Jethro Tull), Jack Bruce (Cream) und Al Di Meola eine Band gründen möchte, um diese scheinbar gegensätzlichen Stile zu vereinen.
Und es kam tatsächlich so?
Ja. Vor rund 32 Jahren waren es genau Ian Anderson, Jack Bruce und Al Di Meola – neben vielen anderen, wie etwa Bobby Kimball, Mike Stern, oder David Clayton-Thomas –, die zu den Gründungsmitgliedern gehörten, von beiden Seiten des Atlantiks. Darum habe ich die Soulmates gegründet: um unterschiedliche Strömungen in einer Musik zusammenzubringen – generationen- und herkunftsübergreifend. Und ich bin auch nicht der Einzige, der Fluchterfahrung mitbringt: Richard Bona aus Kamerun ist ebenfalls ein Beispiel in unserer Band.
Ihre Musik ist auch ein Bekenntnis. Spiegelt sie Ihre Haltung zur Freiheit?
Absolut. Alles, was ich politisch sage, steht in meiner Musik. Unser aktuelles Album heißt „A Memory Of Our Future“. Es kreist um denselben Impuls: Raus aus der Komfortzone. Freiheit ist kein Selbstläufer – man muss sie leben, gestalten und weitergeben.
War Musik für Sie in Ungarn schon Freiheitsraum – und ist sie es bis heute geblieben?
Ja. Damals haben wir konsequent auf kommerzielle Vorteile verzichtet. Mit einer klar antikommunistischen, antidiktatorischen Haltung und einem Soundtrack aus Prog-Rock mit einer Prise Jazz-Rock bekam man im staatlich kontrollierten System keinen TV-Auftritt und keinen Plattenvertrag, dafür aber oft Besuch von der Zensurbehörde. Einen Reisepass bekam ich nie. Die Flucht war folgerichtig. Wenn ich heute am Times Square in New York stehe und auf einer Leuchttafel eines großen Musikmagazins lese: „Mandokis new album is a modern-times masterpiece“ (Deutsch: „Mandokis neues Album ist ein modernes Meisterwerk“), dann berührt mich das. Es ist der Traum eines einst illegalen Einwanderers!
Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die europäische Debatte über Freiheit?
Mut. Mut zur Debatte, Mut zur Empathie, Mut zur Verantwortung. Freiheit fließt nicht durch den Wasserhahn – sie kommt nicht von allein. Man muss sie täglich pflegen, im Kleinen wie im Großen. Wenn wir das beherzigen, können wir auch in stürmischen Zeiten zusammenstehen, und den Kompass, der uns aus diesem Labyrinth der Krisen führt, wiederfinden.
Zur Person
Leslie Mandoki (72) ist ein ungarisch-deutscher Musiker, Produzent, Song-Schreiber und Schlagzeuger. Nach seiner Flucht aus dem kommunistischen Ungarn wurde er zunächst als Mitglied der Popband Dschinghis Khan bekannt. Später gründete er das Projekt Mandoki Soulmates, in dem internationale Jazz- und Rockmusiker gemeinsam 13 Alben aufgenommen haben und weltweit unzählige Konzerte spielen. Als Produzent arbeitete er mit unzähligen Weltstars zusammen. Mandoki lebt mit seiner Familie am Starnberger See.
Die Serie
In unserer Serie „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen – um einen Rückblick und eine Vorausschau zu wagen, um eine andere Seite von ihnen vorzustellen oder weil man einige Zeit nichts von ihnen gehört zu haben glaubt. Alle bisherigen Folgen finden Sie unter: rheinpfalz.de/zeitreise.