Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Was Zweibrücken jetzt an seinen sozialen Brennpunkten unternimmt

Kaum stehen in der Webenheimstraße Briefkästen, steckt schon Werbepost darin. Eva Hein holt die unerwünschten Prospekte raus.
Kaum stehen in der Webenheimstraße Briefkästen, steckt schon Werbepost darin. Eva Hein holt die unerwünschten Prospekte raus.

Versuche, die baulichen Verhältnisse in städtischen Schlichtwohnungen zu verbessern, scheitern zuweilen an der harten Realität. Trotzdem tut sich hier jetzt was.

Die Kleiderkammer, die zu Zeiten der Spiel- und Lernstube im ersten Stock des Sozialwohnblocks Webenheimstraße 5 eingerichtet wurde, bleibt. Betrieben wird sie künftig von der Diakonie, die in den früheren Spielstubenräumen im Erdgeschoss mit zwei Sozialarbeitern das Projekt „Housing first“ vorantreiben wird. Dieses vom Land geförderte Programm soll Menschen ohne Bleibe beim Zurückfinden in eine geregelte Wohnsituation und ein strukturiertes Alltagsleben helfen. Weil in den beiden Schlichtwohnungshäusern Webenheimstraße 3 und 5 mittlerweile keine Kinder mehr wohnen, hat die Wohnungsbaugesellschaft Gewobau die Spiel- und Lernstube in die Canadasiedlung verlegt. „Von der Webenheimstraße 5 aus hat die Spiel- und Lernstube auch Gemeinwesenarbeit geleistet“, erläutert Eva Hein, die als Sozialmanagerin bei der Wohnungsbaugesellschaft Gewobau ärmere Mieter des städtischen Tochterunternehmens betreut. „Das wird auch die Diakonie so tun.“

Eva Hein und Jörg Eschmann von der Gewobau schauen sich in einem Flur in der Webenheimstraße 3 um.
Eva Hein und Jörg Eschmann von der Gewobau schauen sich in einem Flur in der Webenheimstraße 3 um.

Damit die weniger betuchte Mieter-Klientel sich gegenüber den Behörden nicht selbst überlassen bleibt, hält Eva Hein engen Kontakt zu Pflegediensten, Diakonie, Polizei und Ordnungsamt. Nun hat sie erreicht, dass die Gewobau vor den beiden prekären Wohnblöcken in der Webenheimstraße je einen Ständer mit Briefkästen für jede einzelne der dort befindlichen Wohnungen aufgestellt hat. Stabil und vandalismussicher, die Stahlkonstruktion im Boden einbetoniert.

Kein Papierberg mehr an der Haustür

„Vorher hatten die Wohnungen keine eigenen Briefkästen“, sagt die Sozialexpertin. „Jahrelang hat der Briefträger sämtliche Post fürs Haus durch den Schlitz an der Eingangstür eingeworfen. Dann türmte sich hinter der Tür ein Papierberg mit wichtiger Post vom Amt oder vom Gericht, zugeschüttet von Werbeprospekten. Jeder Hausbewohner musste da seine Post rausfischen – wenn er dazu in der Lage war und wenn kein Unbefugter die wichtigen Briefe anderer Leute schon weggenommen hat.“ Hier sieht Eva Hein die Ursache dafür, dass mancher Bewohner dieser Häuser seiner Vorladung zum Sozialamt-Termin oder als Zeuge vor Gericht nicht gefolgt ist.

Die Kleiderkammer in der Webenheimstraße 5 bleibt bestehen.
Die Kleiderkammer in der Webenheimstraße 5 bleibt bestehen.

Weil in die von der Stadt beschlagnahmten Schlichtwohnungen bis zu drei Personen pro Notunterkunft eingewiesen sind, wird die Wohnungsgesellschaft die neuen Briefkästen jetzt noch mit allen Namensschildern versehen. „Und mit dem Aufkleber ,Keine Werbung einwerfen’“, betont Eva Hein. Briefkästen wurden inzwischen auch in allen weiteren Sozialbauten der Gewobau installiert, die noch keine hatten.

Einiges verbessert sich

Als die wohl problematischste Wohnadresse in Zweibrücken gilt der Block Webenheimstraße 3 mit seinen 20 Schlichtwohnungen. Es ist kein Geheimnis, dass Drogen- und Alkoholprobleme hier an der Tagesordnung sind. Die Gewobau muss nach Aussage ihres Geschäftsführers Jörg Eschmann stets die Balance finden zwischen ihrem Bemühen, die baulichen Verhältnisse zu verbessern, und der harten Realität, dass viele Ansätze prompt wieder durch Vandalismus zerstört werden. Gleichwohl, so Eschmann, sollen die bislang offenen Kellerverschläge nun mit festen Abtrennungen versehen und abschließbar gemacht werden. Elektro- und Sicherungskästen, die im Erdgeschoss ungeschützt an der Wand hängen, finden bald einen sicheren Platz im Untergeschoss – so, wie dies im Nachbarhaus Nummer 5 bereits geschehen ist. Der Reinigungstrupp, der alle drei Monate die Flure und Treppenhäuser auf Vordermann bringt, wird seine Arbeit auch in Zukunft leisten. „Wenn diese Mitarbeiter schon mal da sind, räumen sie auch jedes Mal die vielen Elektrogeräte, Möbelstücke und Kisten aus dem Flur. Das ist aus Sicherheits- und Brandschutzgründen wichtig“, sagt Jörg Eschmann. Früher habe man den Reinigungstrupp in kürzeren Abständen durchs Haus geschickt. „Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass sich das nicht lohnt.“ Flur und Treppenhaus sollen aber bald wieder mal einen frischen Anstrich bekommen.

Diese Wohnung in der Webenheimstraße 3 ist leergezogen. Sie soll renoviert werden.
Diese Wohnung in der Webenheimstraße 3 ist leergezogen. Sie soll renoviert werden.

Eine der Unterkünfte in der Webenheimstraße 3 steht seit Wochen leer. „Die Wohnung Nummer 17 muss komplett neu gemacht werden. So, wie sie im Moment ist, kann dort niemand einziehen“, stellt Eschmann klar.

Straßenfest in der Schwalbenstraße

Eva Hein und Jörg Eschmann sind sich darin einig, dass die Betroffenen ein Recht auf engmaschige Betreuung haben. „Die Leute sind nicht aufgegeben“, betont der Geschäftsführer. „Sie brauchen Hilfe, und die bekommen sie auch.“ Dazu leistet auch der Sozialarbeiter Bassam Mostafa von der Stadt seinen Beitrag. Als Angestellter beim Sozialamt ist er den Menschen in der Webenheimstraße als hilfsbereiter Ansprechpartner vertraut. Dass er Arabisch spricht, kommt dem Integrationshelfer bei seiner Arbeit zupass. Die Gewobau versucht, Mostafa über eine Nebenbeschäftigung auf Minijob-Basis noch enger in ihr Betreuungssystem einzubinden. Gut gebrauchen kann sie ihn sicherlich.

Wie gut es gelingen kann, die Menschen bei der Sozial- und Integrationsarbeit ernst- und mitzunehmen, kann man demnächst wieder in der Schwalbenstraße besichtigen. Zusammen mit den Bewohnern dort feiert die Gewobau bald ihr drittes Straßenfest, zu dessen Gelingen alle Nachbarn beitragen – mit internationaler Küche und selbst organisiertem Spiel- und Unterhaltungsprogramm. „Das Fest wird jedes Jahr größer“, blickt Jörg Eschmann voraus. „Diesmal wollen wir nicht nur auf der Wiese hinterm Haus feiern, sondern auch die Straße für den Verkehr sperren, damit wir dort eine Feiermeile aufbauen können.“

Debatte: Neuer Bewohner in blutiger Totschlag-Wohnung?

Darstellungen, die zurzeit in den sozialen Netzwerken kursieren, werden von der Stadt zurückgewiesen. Diese hat von der Gewobau die Verfügungsgewalt über die von ihr beschlagnahmten Wohnungen übernommen. Auf Facebook behaupten User, dass in jene Unterkunft in der Webenheimstraße 3, in der sich im August eine tödliche Messerstecherei abgespielt hat, schon wieder neue Bewohner eingewiesen worden seien, obwohl die Spuren der Bluttat noch nicht entfernt wurden. Auf Anfrage betont Rathaussprecher Jens John, dass „die betreffende Wohnung seit August 2024 nicht mehr bewohnt“ sei. Man habe sie abgesperrt; ein Schlüssel soll nicht mehr im Umlauf gewesen sein. Im Rathaus werde vermutet, dass „Personen sich hier unrechtmäßig Zutritt verschafft“ hätten. Die Stadt werde deshalb Anzeige erstatten. Am Mittwoch wurde das Türschloss ausgetauscht. Die Notunterkunft müsse erst renoviert werden, bevor man dort wieder Personen einweisen könne.

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