Zweibrücken
Nach Tod im Wolfsloch: Die Stadt und ihre sozialen Brennpunkte
Im August hatte ein Zweibrücker einen Mann erstochen, mit dem er zusammen in einer sogenannten Schlichtwohnung im städtischen Sozial-Wohnblock Webenheimstraße 3 einquartiert war. Infolge der Bluttat wurde er Mitte Februar wegen Totschlags zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Am Landgericht zeigten sich Richter und Staatsanwalt darin einig, dass die prekären Wohnverhältnisse in dem Mehrfamilienhaus Anteil an der tödlichen Eskalation des Streits gehabt haben müssen. Zeugenaussagen im Prozess machten deutlich, dass Drogen, Alkohol und Gewalt in dem sozialen Brennpunktgebäude keine Seltenheit sind.
Dass man die dort Eingewiesenen sich nicht selbst überlassen darf, sagt auch Jörg Eschmann, der Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobau. „Die Stadt Zweibrücken hat einzelne Wohnungen aus unseren Beständen beschlagnahmt, um dort Menschen etwa aus Obdachlosigkeit unterzubringen. Da gehört das Haus in der Webenheimstraße dazu.“ Die Schlichtwohnungen verfügten über einen Mindeststandard, der immerhin fließendes Wasser, Dusche, Toilette und einen Holzofen umfasse. „Es ist aber unverzichtbar, dass die Leute dort bei ihrer Lebensführung von Sozialarbeitern unterstützt werden.“
Wenig Komfort, nur noch alleinstehende Männer
Vom Verhalten der Klientel in der Webenheimstraße 3 werde die Baugesellschaft wenig dazu ermuntert, in die Ausstattung zu investieren. Jörg Eschmann sagt, dass etwa eine einzige Wohnungstür rund 800 Euro koste. „Die verstärken wir dort schon extra mit Stahlbeschlägen. Trotzdem werden die Türen regelmäßig kaputtgetreten. Und bei anderen Einrichtungsgegenständen sieht es nicht viel besser aus.“ Inzwischen würden in der Webenheimstraße 3 ganz bewusst nur noch alleinstehende Männer einquartiert. Frauen bringe man dort schon lange nicht mehr unter. Und für Familien mit Kindern würden in jüngerer Zeit verstärkt Wohnungen in der Schwalbenstraße freigemacht.
Dass man in den Schlicht-Unterkünften beim Komfort keine großen Sprünge machen könne, lasse sich schon an den Mietpreisen ablesen, die die Stadt dafür an die Gewobau überweist. „Für eine Wohnung in der Webenheimstraße 3 bekommen wir 2,87 Euro pro Quadratmeter, in der Junkersstraße 2,86 Euro, in der Schwalbenstraße 3,12 Euro und in der Sickingerhöhstraße 3,47 Euro. Wobei ich betonen muss, dass bei der Sickingerhöhstraße von einem sozialen Brennpunkt schon lange keine Rede mehr sein kann“, bilanziert Eschmann.
Sozialarbeiter bieten Hilfe an
Eben weil in den Sozialblöcken in der Webenheimstraße keine Kinder mehr wohnen müssen, hat die Gewobau vor einiger Zeit ihre Spiel- und Lernstube aus dem Mehrfamilienhaus mit der Nummer 5 abgezogen und in die Canadasiedlung verlegt. Gute Erfahrungen mache man auch in der Schwalbenstraße, wo ebenfalls Familien mit Kindern leben. Auch für diese gibt es eine Spiel- und Lernstube. „Die Situation dort ist mit der Lage in der Webenheimstraße absolut nicht zu vergleichen.“ In Abstimmung mit Sozialarbeitern kümmerten sich die Bewohner in der Schwalbenstraße selbst um ihr Wohnumfeld; zum Beispiel putzen sie die Flure.
Nach Jörg Eschmanns Worten beschäftigt die Gewobau zwei Sozialarbeiter. „Die müssen sich um unsere Mieter in ganz Zweibrücken kümmern – das ist natürlich bei Weitem nicht genug.“ Hoffnungen setzt der Geschäftsführer in den bevorstehenden Einzug der Diakonie in ebenjene Räume in der Webenheimstraße 5, die seit dem Abzug der Spiel- und Lernstube freigeworden sind. „Die Diakonie bringt zwei eigene Sozialarbeiter mit; diese werden das benachbarte Gebäude mit der Hausnummer 3 mitbetreuen.“ Der Gewobau-Chef zitiert die Faustregel, laut derer sich mit „einem Euro, den man für einen Sozialarbeiter ausgibt, sieben Euro an anderweitigen Kosten einsparen“ ließen – nicht zuletzt durch vermeidbare Gebäudeschäden.
Mitwirken bei „Housing First“
Hauptaufgabe der beiden zusätzlichen Sozialarbeiter werde aber sein, das Modellprojekt „Housing First“ umzusetzen. Einem Stadtratsbeschluss vom Herbst folgend, will die Stadt in Zusammenarbeit mit der Diakonie und dem Mainzer Sozialministerium Wohnungslosen unbürokratisch zu Mietverträgen verhelfen. In Zweibrücken geht man davon aus, dass es in der Stadt derzeit mindestens 80 Wohnungslose gibt. Davon leben fünf auf der Straße und werden als Obdachlose bezeichnet. Das Gros der Betroffenen schlafe hingegen bei Bekannten oder Nachbarn auf der Couch, weil es Schwierigkeiten habe, eine neue Wohnung aufzutreiben.
Für das Programm „Housing First“ werden Personen ausgewählt, von denen man erwarten darf, dass sie aus einer gesicherten Wohnsituation heraus, fachkundig begleitet von Sozialarbeitern, gut in einen geregelten Alltag zurückfinden können. „Zurzeit werden die Bewohner für das Modellprojekt ausgesucht. Erste Vorstellungsgespräche wurden schon geführt“, schildert der Chef der Gewobau, die zunächst mit vier Wohnungen in das Programm einsteigen werde. Letztlich sollen es zehn Unterkünfte sein, die auf diese Weise mit neuen Bewohnern belegt werden. „Das sind dann nicht nur Wohnungen der Gewobau, sondern auch welche aus dem öffentlichen Markt – quer übers Stadtgebiet verteilt, damit die Leute bei der Arbeitssuche keine Nachteile durch eine mit Vorurteilen belastete Adresse haben“, sagt Eschmann.